Ampersand

(Amanda Palmer)

Einmal die Woche gehe ich zur Therapie, meist am selben Wochentag zur selben Zeit. An jenem Tag hält sich der Hausmeister des Anwesens, ein geschätzt mittsechzigjähriger Mann mit südländischem Erscheinungsbild, vor der Toreinfahrt neben dem Eingang zu meiner Therapeutin auf. Manchmal kümmert er sich um die Mülltonnen, gelegentlich hantiert er mit einem Besen, meistens sitzt er aber nur auf den Stufen zu einem Laden nebenan und macht Päuschen oder unterhält sich mit Bekannten. Einige Male höre ich ihn beim Vorbeigehen Dinge sagen, wie Donnerwetter oder Aber Hallo. Dabei schaut er direkt in meine Richtung und hinterher. Fast immer trage ich Kopfhörer, weshalb ich das Gesagte nicht so genau verstehe. Trotzdem merke ich, dass sich seine Kommentare auf mich beziehen.

Seltsam kommt es mir vor, denn ich ging davon aus, wegen meines Alters als Zielobjekt für derartige Avancen bereits untauglich geworden zu sein. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, ich emfand Catcalling schon immer als unangenehm und lästig. In jungen Jahren führte es dazu, dass ich mich häufig mit versteinertem Gesicht und sturem Blick geradeaus in der Öffentlichkeit bewegte. Bloß keinen anschauen, bloß nicht lächeln, denn das könnte einen Mann zu bestimmten Gesten oder Bemerkungen verleiten. Das hat mich zu einer Person werden lassen, die ich nicht sein will. Diese Art der männlichen Reaktionen auf mein bloßes Sein beschneidet meinen Freiraum. Will ich keine blöde Anmache provozieren, kann ich mich unter Fremden nicht so unbekümmert bewegen wie mir danach ist. Somit erfüllt Catcalling den Tatbestand von psychologischer Gewalt. Im obigen Beispiel verhielt ich mich bisher ignorant, denn wenn ich zur Therapie gehe, beschäftigen mich wichtigere Dinge, Emotionales, Verletzliches, als Männer in ihre Schranken zu weisen.

In Comedyprogrammen wird gerne die Frage aufgegriffen, ob die Methode jemals von Erfolg gekrönt war. Kann ein Mann mit Pfiffen oder Kommentaren eine Frau kennenlernen? Darum geht es nicht, vielmehr geht es um Dominanz. Er kommentiert lautstark, sie läuft verschreckt weg. Genau diese Reaktion möchte er bewirken, damit er sich wirksam fühlen kann. Die Frau bestätigt mit ihrer Reaktion seine Überlegenheit. Eine Machtdemonstration par excellence. Und die Frauen fügen sich in seine Vorstellung von territorialer Vorherrschaft. Man darf ja nix mehr sagen. Doch, darf man schon aber auf respektvolle Art. Wer sich wie ein Gorilla aufführt, sollte lieber den Mund halten, wobei selbst ein Silberrücken mehr Taktgefühl besitzt als die Hinterherrufer auf öffentlichen Plätzen.

Am selben Tag erlebte ich übrigens eine zweite Art männlicher Machtdemonstration in der U-Bahn. Ein unterdurchschnittlich attraktiver Typ, einen Kopf kleiner als ich, steht rechts neben mir, sein Freund mir gegenüber. Oft lipsynche ich zur Musik, die in meinen Kopfhörern spielt, manchmal nicke ich im Takt. Er beginnt, mich nachzuäffen, was mich nicht zum Aufhören veranlasst. Vielmehr schließe ich die Augen. Um an meiner Haltestelle auszusteigen, muss ich um ihn und seinen strategisch ungünstig platzierten Rucksack herumgehen. Das funktioniert ohne Berührung, doch der Typ gestikuliert wild und sagt irgendwas, das ich nicht höre. Ich schaue ihm mit einem lauten „Ja was denn!?“ direkt in die Augen und schiebe noch ein deutlich hörbares Arschloch hinterher. Meiner Einschätzung nach habe ich das Ziel der Konfrontationstherapie an diesem Tag erfüllt. Und nächste Woche werde ich das Würstchen vor der Therapiestunde rundmachen. Wünschen Sie mir Glück.

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2 Kommentare zu „Ampersand“

  1. „Schlechtes Benehmen halten die Leute doch nur deswegen für eine Art Vorrecht, weil keiner ihnen aufs Maul haut.“ – Etwas mehr Aggression an der richtigen Stelle, tut uns allen gut. 🙂

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