Diese Altersweisheit, von der so viel gesprochen wird, ich glaube, sie hat mich erreicht. Noch bin ich rein zahlenmäßig nicht dort, wo man sie vermuten würde. Noch ist der Körper und damit Äusserliches nicht gänzlich in den Hintergrund getreten. Vielleicht muss es das auch nicht, vielleicht geht der angestrebte Zustand auch im mittleren Stadium des Verfalls. Mich hätte dann sowas wie eine Früherleuchtung ereilt. Wie wir einst alle von uns annahmen, Genies zu sein und deren ultimative Bestätigung im Lebensende läge, denn Genies sterben bekanntlich jung. Als das nicht eintraf, entstand der Satz dying young is overrated. Den trugen wir auf T-Shirts zur Schau, um dem Selbstzweifel wenigstens ein Motto über die eigene Aussergewöhnlichkeit entgegenzusetzen. Der Körper jedenfalls fühlte sich sehr sterbewillig an. Die Gründe dafür fanden sich aber weniger in Genialität als vielmehr in Substanzmissbrauch und seelischer Dystopie.
Nun bieten meine äusseren Lebensumstände derzeit keinen Grund zur Zuversicht. Mir tut zwar nichts weh, ich bin finanziell mittelfristig abgesichert und habe keine großen Sorgen, die nahestehende Personen betreffen, weiß aber nicht wirklich, was die Zukunft bringen wird. Hätte ich mich der Melancholie in früheren Zeiten vollumfänglich hingegeben, hätte meine Situation beklagt und mich seufzend gewunden, empfinde ich seit einiger Zeit mehr Glücklichsein und Zuversicht denn je. Zu Beginn ließ mich das misstrauisch werden. Wie schnell sich etwas ändern kann, wissen wir alle. Ein Fehltritt und zack, ist der Fuß kaputt. Ein Unfall, eine notwendige Anschaffung, die das Gesparte schmelzen lässt, eine Eigenbedarfskündigung, eine Trennung, you name it. All diese Umstände erodieren an der allgemeinen Zufriedenheit oder schwemmen sie gleich im Ganzen weg.
Im Gegensatz dazu befinde ich mich in einem Zustand der entspannten Ruhe. Mein Sinnbild des Glücks verband ich irgendwann mit der Vorstellung von Seegras, das mit den Wellen schwingt oder auf dem Strom treibt, wenn es entwurzelt ist. Ein halbes Jahrhundert kannte ich nur dieses schwere Ziehen im Bustkorb, das sich langsam über die Magengrube bis in die Eingeweide senkt, selbst oder gerade wenn ich eigentlich glücklich war. Stand heute ist es verschwunden. Ich wage zu behaupten, es ist für immer weg. Statt gegen die Stürme zu kämpfen und die Schwere zu verdrängen, gab ich dem Kontrollverlust und damit dem Lauf des Lebens nach. Ich erinnere mich an eine, von Jens Scholz sehr gut geleitete, Diskussion auf der re:publica über das Loslassen, und darüber, wie dieses Wort von einer Leistungsgesellschaft beeinflusst und wie ein mahnendes Motto hochgehalten wird. Menschen funktionieren aber nicht nach vorgegebenen Standards, Menschen funktionieren menschlich. Und so ersetzte ich einst den Begriff Loslassen für mich mit Seinlassen. Das beinhaltet viel mehr Potential für Scheitern, Durchhalten, Aufgeben und alle damit verbundenen Gefühle. Ich glaube nicht, dass uns Verdrängung am Leben hält, um mal ein weiteres Motto anzuführen. Ich glaube, dass Verdrängung das Leben unmöglich macht. Denn zum Leben gehört nicht nur ein optimierter Ausschnitt unseres Seins, da gehört alles rein was ist.
Möglicherweise hat sich durch das Zulassen der schwere Brocken gelöst, sich mein permanent auf fight or flight getuntes Nervensystem endlich beruhigt und die Emotionsstürme das Schmutzwasser ausgeschwemmt. Möglicherweise habe ich beim stundenlangen Scrollen auf Instagram so viele Sinnsprüche inhaliert, dass inzwischen selbst dem Algorithmus davon schlecht ist. Ganz allgemein ist es mir egal, was der Auslöser für meine neu gefundene Zufriedenheit war. Wichtig ist nur, DASS es ist wie es ist. Und ja, ich erlebe nach wie vor Panikattacken, weiß nicht, ob und wann ich wieder für die Dauer eines Langstreckenfluges mit einer Maschine abheben kann und ob ich nicht ganz bald wieder von mir nahestehenden Menschen verletzt werde. Meine Grundhaltung, Grenzen nach aussen zu setzen bei gleichzeitiger Risikobereitschaft der Offenheit für neue Situationen und Begegnungen sowie einer vertrauensvollen Haltung dem Leben gegenüber, macht so vieles leichter. Denn heute weiß ich, dass es keinen Sturm geben wird, von dem ich mich nicht erholen könnte.
Man könnte es auch als einen Zustand des Annehmens beschreiben. Ohne in Religiöses abdriften zu wollen, stelle ich mir vor, dass dieser Zustand jener vielzitierte von Vergebung und Paradies sein könnte. Und dann hätte ich auch noch ein paar Jährchen vor mir, die ich gerne so verbringen möchte. Der aufkommende Gedanke jetzt sterben war mir in sehr glücklichen Momenten immer präsent. Heute bin ich bereit. Für den Verfall, die Problematik des Ältseins, des Alleinseins und der Trauer aber auch für diese innere Ruhe, während ich in greller Beleuchtung durch die Glasbodenbrille ein Buch lese, mit arthritischen Fingern Klavier spiele oder die Tanzbewegungen weglasse, die wegen körperlicher Einschänkungen nicht mehr gehen. Das Hadern ist, wenn nicht gänzlich beendet, denn was ist im Menschen schon von Dauer, in den Hintergrund getreten und gibt der Akzeptanz für Menschsein Raum. Somit ist alles möglich, auch sterben. Allerdings nicht als Revolte, als Abwehr allen Ungewolltens, sondern als wertfreie Veränderung.
Sollte diese Form der Zufriedenheit weiter anhalten, ziehe ich in Erwägung, eine religiöse Bewegung zu gründen, ein Buch zu schreiben oder mir wenigstens ein T-Shirt drucken zu lassen. Go with the flow oder Let it Be als Motto. So genau weiß ich das noch nicht. Denn in Anbetracht des Energieaufwands für eine Massenbewegung, müsste ich zumindest aus mir heraus in die Öffentlichkeit treten. Und da kommt für die aufpolierte Fassade wieder Instagram in’s Spiel und Leute, die Antworten einfordern und mich idealisieren und da sehe ich mich nicht. Ich behalte Einiges lieber für mich. Ausserdem könnte schon morgen alles ganz anders sein. Bitte fragen Sie mich morgen nochmal.
Wunderbarer Text, bewundernswerte Haltung. Vielen Dank.
Ich habe zu danken,.