Back to Front

(The Kinks)

Manches Mal ist man verwundert über die Eigenarten der Mitmenschen. Sie fallen einem sofort auf, während die sich keiner Seltsamkeit bewusst sind. Denn es ist ja für sie das Normale. Und man staunt, dass selbst unübersehbare Marotten in ihren blinden Fleck zu fallen scheinen. Wobei ich mich an dieser Stelle sehr zurückhalten muss, um nicht das schöne Wort Idiosynkrasien einzufügen. So nahm ich heute etwas zur Kenntnis, was mir lange Zeit völlig normal erschien. Es ist aber sicher so, dass es anderen auffällt, weil das, was ich als völlig selbstverständlich erachtete, in ihrer Welt einer anderen Systematik unterliegt.

Aufgefallen war es mir bereits vor einigen Wochen, dann nämlich, als ich mal wieder Bücher aus- und umsortierte. Während ich zwischendurch mit dem Staublappen über die Regale strich, fiel mein Blick auf das Lexikon, das seit Einzug bald 20 Jahre unberührt dort steht. Das Lexikon für Musik in Geschichte und Gegenwart, liebevoll MGG genannt, erwarb ich zu Studienzeiten für teures Geld. Ja, liebe Kinder, damals konnte man noch nicht alles im Internet finden. Man musste Dinge mühevoll nachschlagen, um Wissenslücken zu schließen. Spätestens nach dem zweiten Mal hat man sich das dann gemerkt, denn dieses Rumgeblättere während einer schriftlichen Arbeit ging mächtig auf die Nerven.

Wie ich nun mein MGG da so stehen sah, das mir so lieb und teuer war, dass ich die einzelnen Bände sogar mit Schutzfolie überzog, da schien mir die Reihenfolge plötzlich bemerkenswert. Den Beginn macht Band eins ganz rechts. Es folgen die Bände in aufsteigender Reihenfolge bis Band 17 am Ende, wobei dieser Band nur noch ein Index ist. Der Inhalt ist alphabetisch nachzulesen. Und während man in unseren Längengraden, bei den Breitengraden bin ich mir da nicht so sicher, denn Europa teilt sich mit Japan doch ein paar, während man also bei uns von links nach rechts liest, müsste die Reihenfolge der Zahlen doch ebenfalls in dieser Richtung verlaufen.

Es könnte natürlich sein, dass ich mir dabei was gedacht habe, wie ich es ja bei sehr vielen und vor allem unwichtigen Dingen tue. Wenn also der Index jener Band ist, den ich am wenigsten benötige, kann der ruhig auf der schlechter erreichbaren Seite stehen. Ganz schlüssig schien mir dieses Konzept nun plötzlich nicht mehr. Also sah ich in das andere Bücherregal.

Da steht die Goetheausgabe in sechs Bänden ebenfalls von rechts nach links sortiert. Um davon eine Regel abzuleiten, müsste die Versuchsreihe mehr als zwei Beispiele umfassen. Siehe da, die Märchen von H.C. Andersen, drei Bände umfassend, stehen in überhaupt keiner Reihenfolge, genau wie die vierbändige Werkausgabe E.T.A Hoffmanns. Band eins rechts, es folgen Band drei bzw. vier, dann Band zwei. Strindbergs dreibändige Werkausgabe ebenfalls völlig vertauscht. Schiller aber schien unberührt nach links aufsteigend. Ich bin nun maximal verwirrt, denn entweder hat sich ein Witzbold hier an meinem Bücherregal einen Scherz erlaubt oder aber ich bin unzurechnungsfähig. Es versteht sich von selbst, dass ich die Bände unverzüglich sortierte. Das ist doch kein Leben so. Das Geheimnis der umgekehrt aufsteigenden Sortierung aber wird in den nächsten Tagen noch zu einigem Nachdenken führen.

11

5 Kommentare zu „Back to Front“

  1. „Expertenniveau“
    … Hubert Fichte, Wolgang Pohrt, Wolfgang Welt und Wiglaf Droste stehen zu vollsten Zufriedenheit ungeordnet, Jörg Fauser, Schiller, Goethe und Konsorten als Gesamtausgaben natürlich von links nach rechts.
    Der Photokina-Katalog 1972 versteckt sich, dem Format geschuldet, neben Frank Schulz und Heinz Strunk und Terpentine on the Rocks. Das deutsche Lichtbild 1963 bis 1965 steht sowieso 3 Etagen drunter. Robert Doisneau und Eugene Atget stehen zusammen mit nem uralten(ca. 1979) „Plan de Paris par Arrondissemont“ sowieso wo anders. Komme ich mit zurecht. Muss ich(!) mit zurecht kommen.
    Gruß, J.

Die Kommentare sind geschlossen.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner