(Blondie)
In einem früheren Beitrag beschrieb ich eine Situation, in der eine Visitenkarte praktikabel gewesen wäre. Wohin sind sie eigentlich verschwunden diese kleinen Papprechtecke? Abgesehen von den durch Autohändler in Fenstergummi gesteckten, die sich in den Gehwegrinnen sammeln und durchnässt so eklig kleben, dass sie nur mit Aufwand von der Seitenscheibe abzurubbeln sind, sah ich lange keine mehr.
Als Purser habe ich stets Karten mit Namen und Firmenanschrift für’s Beschwerdemanagement dabei, benutze sie aber so selten, dass die Daten nach 15 Jahren nicht mehr korrekt sind, wie ich neulich feststellte. Meine Firma teilte mir mit, ich würde keine aktualisierten bekommen, denn Visitenkarten seien generell veraltet, und ich solle doch handschriftlich ausbessern. Ja, so hab‘ ich auch geschaut.
Nun ging ich auch mal einer selbständigen Tätigkeit nach und verwendete sehr viele Gedanken an die Erstellung jenes Aushängeschildes. Ein phänomenales Symbolbild fiel mir ein, das von einer Grafikerin umgesetzt letztendlich auf Vorder- und Rückseite thronte. Gelegentlich finde ich noch eine davon in den Untiefen meiner Handtaschen, den Hauptteil erhielt aber der Abfallverband, als ich die Geschäftsidee vor Jahren letztlich begrub.
Auf meinen Fotostreifzügen lernte ich, dass sich junge Menschen zum connecten nach ihrem Insta fragen. Wer dort nicht teilnimmt, kann auf anonymisierte Messenger wie Threema zurückgreifen, alles aber so viel aufwendiger als ein kleines Kärtchen, das, wie zuvor erwähnt, bis zum nächsten Papierkorb elegant in einer Tasche verschwindet, ohne die offerierende Person brüskieren zu müssen oder die empfangende verlegen machen. Solch eine erhielt ich auch vom Klavierbankverkäufer, womit unsere Interaktion beendet war. Alles andere hätte die Situation unangenehm in die Länge gezogen.
In anderen Kulturen sind Visitenkarten immer noch an der Tagesordnung. Während des japanischen Begrüßungsrituals werden sie mit beiden Händen dargeboten und sofort gelesen, denn vom Rang ist die Tiefe der Verbeugung abhängig. Die rangniedrigere Person verbeugt sich tiefer, was für Zuschauende bei Ranggleicheit ein nettes kleines Schauspiel ergibt. Dann verbeugt man sich entsprechend des gefühlten Respekts natürlich vor der anderen Person immer eine Nuance tiefer, bis schließlich beide Parteien die Dehnungsgrenze ihrer hinteren Oberschenkelmuskulatur erreicht haben. Es gewinnt immer die gelenkigere Person. Auch in Indien möchte man einander nicht mit leeren Händen gegenübertreten. Und Saudi Arabien ist das Land der Statussymbole, da wird der Titel groß geschrieben. Wenn der Scheich mal kein Kärtchen bei der Hand haben sollte, muss einer aus der Dienerschaft seinen Namen ankündigen. Man kennt es vom Hofe und wenn der Kongress tanzt.
Was heutzutage in unseren Breitengraden üblich ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Eine Nummer auf einen Zettelfetzen oder auf die Handfläche notiert, die Handynummer gleich vom Gegenüber in den Handyspeicher eintippen lassen, so kenne ich es informell. Manch alte Visitenkarte war so originell, dass ich sie in einem Kästchen aufbewahrte, obwohl die Daten sicher nicht mehr zur Kontaktaufnahme taugen. Ein kleines Stück Tradition, das im Zuge der Digitalisierung verloren ging und eine Formalität des Bekanntmachens, wie es heute nicht mehr üblich ist. Denn wer heute irgendwo unangekündigt anruft, wird oft nur noch mit einer automatischen Ansage, oder gleich mit einer Absage rechnen müssen. Die Kärtchen aber stecke ich, genau wie alte Eintrittskarten, wieder zurück in die Fächer meiner Handtasche. So taugen sie noch als Erinnerungsstücke an Begegnungen und Erlebnisse.