(Roman Alexander)
Um kurz nach sechs biegt er um die Ecke zur Hotelrezeption. Ich hatte ihm geschrieben, dass die Rooftopbar bei zu legerem Kleidungsstil möglicherweise den Zutritt verweigert. In schwarzer Hose, eleganten Schuhen und weißem Hemd sieht Mek aber sehr seriös aus. Sein weißgrau melierter Bart unterstreicht diesen Eindruck. Vor 18 Jahren trafen wir uns das letzte mal, dazwischen standen wir in schriftlichem Austausch, gelegentlich, vor allem in jüngster Zeit, auch mündlich, soweit man Sprachaufzeichnungen als mündlichen Austausch verstehen möchte. Vor 18 Jahren waren wir ziemlich genau 18 Jahre jünger und hatten eine völlig andere Erfahrungsausgangsbasis. Und Mek hatte damals noch kein Buch geschrieben.
Eine Widmung wollte ich gerne in meiner Ausgabe, weshalb ich ihn bat, sowohl einen Stift als auch eine Idee für eine schöne Formulierung mitzubringen, So entsteht der geflügelte Satz des Abends, denn er habe, wie er antwortete, selbstverständlich IMMER einen Stift bei sich, da er auf der Straße ständig um Autogramme gebeten würde. In Folge nenne ich ihn den berühmten Schriftsteller und Autor Markus Pfeifer, und kündige ihn auf diese Weise im Restaurant beim Personal an, während ich immer mit einer Hand das Buch vorhalte.
Das Restaurant befindet sich in einer ehemaligen Schlachterei. Die Wände teilbekachelt, von der Decke hängen Kronleuchter. Mek sagt, er komme hier öfter her. Ich vermute eine seltsame Affinität zu Schlachtereien, denn auch in seinem Buch Springweg brennt spielt eine Schlachterei eine nicht unwesentliche Rolle. Dabei ist der Mek alles andere als grobschlächtig. Im Gegenteil besitzt er feine Antennen für sein Umfeld, nimmt vorurteilsfrei alles Neue auf und kann vermutlich in 18 Jahren noch eine inhaltliche Zusammenfassung meiner kompletten Erzählungen des Abends wiedergeben. Eigentlich ist mir sowas unheimlich, vor allem wenn ich wegen meines seitenstrangreichen Redeflusses selbst vergesse, was ich vor fünf Minuten sagen wollte. Ich glaube, der Mek kann keiner Fliege was zuleide tun, denn sogar den Tintenfisch bemitleidet er, den ich mir gegrillt bestelle. Vor dem ersten Schnitt zwischen die Saugnäpfe sprechen wir Dank und Segen über das getötete Tier aus. Nur zur Sicherheit.
Das Mahl schmeckt hervorragend, das Restaurant eine ausgesprochen gute Wahl. Anschließend begeben wir uns in eine Trinkhalle, denn für die Rooftopbar ist es gefühlt zu früh und zu hell. An der Theke werde ich gefragt, ob ich Bargeld dabei habe. Meine Gegenfrage lautet, ob der Barkeeper genügend Wechselgeld vorrätig habe. Dann sitzen wir bis lange nach Dämmerung in vornehmer Kleidung auf schwarz gestrichenen Bierbänken und reden. Naja, ich rede, der Mek hört zu, weshalb ich auch nicht zum Trinken komme. Darüber macht er sich im Blog ein bisschen lustig. Zu vieles gibt es zu erzählen, zu viele Witze, Assoziationen und Neuigkeiten auszutauschen. Bei Sprachnachrichten vermisse ich Mimik und Gestik, womit der Austausch noch ein bisschen widerstandsloser fließt. Vor allem aber fehlt mir die Reaktion meines Gegenübers. Eine Echtzeitunterhaltung ist eine viel schönere Form menschlicher Begegnung, viel bereichernder als jegliche Substitute, vor allem mit derart feinen Menschen.
Am Ende möchte ich alleine in die Rooftopbar, denn der Mek ist müde. Ich habe ihn kaputtgeredet. Doch die Rooftopbar schließt um 22.00 Uhr. Ich denke noch ein bisschen über unser Gespräch nach und die daraus entstandenen Ideen. Am nächsten Tag wird mich ein Zug nach Rostock bringen. Ich war noch nie an der Ostsee. Die soll aber, im Gegensatz zur Nordsee, immer da sein. Irre.

Es war mir eine Freude und eine Ehre, dich im diesem Schlachthaus namens Berlin herumzuführen.
Die Rooftopbar holen wir ein andermal nach.