Dieses Erlebnis ereignete sicch während eines Aufenthalts in San Francisco etwa 2012. Der im Nachhinein verfasste Text sowie die Bilder sind unwiederbringlich im Datennirvana verschwunden, weshalb die Gespräche sinngemäß wiedergegeben wurden. Matthew hieß übrigens wirklich so. Alle anderen Namen sind frei erfunden.
Matthew sitzt auf dem Bürgersteig vor einem Restaurant, das ausschließlich Speisen mit Riesengarnelen anbietet. Es existieren derer viele in San Francisco. Fast möchte man meinen, die Leute ernähren sich dort nur von Schalentieren. Meist sind es jedoch die Touristen, die danach fragen. An der Kalifornischen Küste ist eine ganze Schalentierindustrie beheimatet, genau wie an der Ostküste Amerikas. Man erinnert sich vielleicht an Forrest Gump, der im Film nach dem Tod seines Kumpels Bubba in’s shrimping business einsteigt.
Matthew hat kein Business, er ist obdachlos. Als ich an ihm und seinem Hund vorbeilaufe, habe ich Pläne. Mein Ziel ist es, den Bedarf an mitgebrachten Dingen vor Ort zu prüfen., Herbstliche Temperaturen sind in Deutschland angebrochen, während in Kalifornien ewiger Sommer herrscht. Auch in San Francisco wird es im Sommer gelegentlich ungemütlich, denn die abendlichen Nebelschwaden verziehen sich vormittags nur zögerlich. Im Gepäck habe ich mit nützlichen Utensilien gefüllte Taschen, Zahnbürsten, Pasten, Deos, ein paar Damenhygieneartikel, Mützen, Schals, sowas in der Art. Alles war ursprünglich als Gabe für obdachlose Frauen in München gedacht. Auf meiner Suche in Münchens bekannten Ecken wurde ich jedoch nicht fündig, lernte aber einige Frauenhäuser kennen, die daran kein Interesse zeigten. Matthew fällt nicht in diese Zielgruppe.
Nach einer Runde um den Block kehre ich trotzdem zurück und frage den Mann, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. Matthew ist blind, so steht es auf der Papptafel geschrieben, der Hund wird ihm vermutlich assistieren. Wir tauschen uns ein wenig über Belanglosigkeiten aus. Eigentlich antworte ich ihm nur, denn ich nehme an, er ist die typisch wiederkehrenden Fragen leid. Dann will ich doch wissen, wie lange er schon auf der Straße lebe. Eine ganze Zeit sei er jetzt schon hier. Ganz am Anfang sei er mal in einem Nachtasyl untergekommen aber die Zustände dort seien lebensgefährlich. Man würde von anderen Mitbewohnern bedroht und bestohlen. Ganz blind sei er nicht aber das wenige, was er dort gesehen habe, reiche ihm. Auf der Straße fühle er sich sicherer. Ausserdem hätten Hunde dort keinen Zutritt. Ich frage, ob er am heutigen Tag schon gegessen habe. Ja, sagt er, ein Sandwich. Die Leute würden immer dieses Krabbenzeug für ihn kaufen, das könne er echt nicht mehr sehen. Ich lache. Ob ihm klar sei, dass er vor solch einem Spezialitätenrestaurant sitze. Selbstverständlich, da sitze auch das Kleingeld bei den Leuten lockerer.
Brauchst Du was bestimmtes? Ich gehe sowieso gleich einkaufen, da kann ich Dir was mitbringen. Er wünscht sich Dosenfutter für den Hund und, falls möglich, ein Paar trockene Socken. Der Regen der gestrigen Nacht hat seine Schuhe durchweicht, in denen die nackten Füße stecken. Ich verspreche, in spätestens einer halben Stunde mit den Sachen zurück zu sein. Im Laden fällt mir auf, dass ich seine Schuhgröße nicht kenne, entscheide mich dann für drei Paar in mittlerer Herrengröße und packe einige Dosen Hundefutter dazu. Als ich zurückkomme, sitzt Matthew in der Sonne, denn die scheint mittlerweile über die Dächer. Barney, der alternde Mischlingshund, erkennt mich wieder. Dann drücke ich Matthew das Dosenfutter, die Socken und eine neue Decke in die Hand, die ich von daheim mitgebracht habe. Er faltet sie sorgfältig und legt sie für Barney neben sich. Der Hund tritt darauf ein wenig im Kreis, bevor er sich niederlegt. Matthew sorgt gut für Barney, und Barney passt auf Matthew auf. Die zwei sind ein eingespieltes Team. Ich glaube, der Hund schützt den Obdachlosen mehr vor Angriffen als ihn zu führen. Barney ist kein ausgebildeter Blindenhund aber eine treue Seele.
Auf seine Bitte erzähle ich Matthew ein wenig von Deutschland und Bayern, er revanchiert sich mit Berichten zu Kalifornien. Viele seiner Freunde seien gekommen, weil das Leben auf der Straße hier einfacher sei als woanders. Der Tourismus, das Wetter, die Politik. Irgendwann meint er, dass er jetzt los müsse. Die Freunde träfen sich jeden Vormittag bis spätestens elf Uhr an einem Platz unten am Hafen. Ich frage, ob er mich dorthin mitnehmen könne, ich würde seine Freunde gerne kennenlernen. Er steht auf, packt die Decke und alle anderen Habseligkeiten in einen Rucksack, klemmt das Pappschild mit der Spendenbitte unter den Arm und greift nach der Hundeleine. So marschieren wir in Richtung Wasser. Auf einem großen Platz mit Drahtbänken warten bereits zwei jüngere Männer, deren Kleidung man das Leben auf der Straße ansieht. Matthew stellt mich ihnen vor. Sie schütteln begeistert meine Hand und heißen mich in ihrer Runde willkommen. Dann werden Neuigkeiten ausgetauscht. Ob einer was von Dave gehört habe, der sei schon länger nicht mehr aufgetaucht. Und Jim sei bereits seit zwei Tagen unentschuldigt ferngeblieben. Langsam begreife ich, dass sie ein Kollektiv für Schutz, Austausch und gegen die Verlorenheit gebildet haben. Eine kleine Gesellschaft am untersten Rand der Gesellschaft.
Nach und nach kommen weitere Mitglieder zum Treffpunkt. Da ist Steve mit der Hasenscharte und Bill, der ein bisschen schräg schaut. Der sei geistig nicht auf der Höhe, flüstert mir Matthew zu, aber nicht gefährlich. Er hat bemerkt, wie ich instinktiv ausweiche. Ich bin nicht sicher, ob er wirklich so wenig sieht, wie er behauptet. Über meine vorhin angebotene Sonnenbrille freute er sich, denn das Licht täte ihm in den Augen weh. Kurioserweise passt sie ihm, obwohl sein Gesicht breiter als meines ist. Daheim im Schrank liegen noch ungefähr drei weitere Sonnenbrillen, ich kann die eine locker entbehren. Einer dreht einen Joint und reicht ihn weiter. Ich passe. Nicht aus falscher Pietät, sondern wegen der Hygiene. Ein anderer zieht eine Flasche Selbstgemischtes aus der Manteltasche. Auch daran möchte ich mich nicht beteiligen. Als die Flasche leer ist, beschließen sie, dem Spirituosengeschäft einen Besuch abzustatten. Vorher wird aber noch verhandelt, wer heute reingeht. Steve war letztes Mal an der Reihe, Jack hat Hausverbot aber John mit dem relativ sauberen Jackett, der könnte erfolgreich sein.
Vor dem Laden zögert John. Alle Augen schauen auf mich. Okay, ich gehe rein. Was wollt Ihr denn haben? Whiskey, Wodka, Wein? Das sei relativ egal, halt irgendwas, wofür das gesammelte Geld reiche. Eine Handfläche präsentiert mir einige Dollarscheine und ein paar Münzen. Ich lehne ab und betrete den Laden, blicke ratlos auf die Regale und entscheide mich schließlich für eine Flasche Wodka und eine mit Rum. Die Jungs sind begeistert, doch ich bestehe drauf, dass wir erst mal Kaffee holen. Schließlich habe ich noch nicht gefrühstückt. Oder Abendgegessen. So genau weiß ich das bei neun Stunden Zeitverschiebung nie. Als ich den Coffeeshop betrete, bleiben die Männer draussen stehen. Ich bin irritiert, weil ich annahm, jeder könne selbst bestellt. Zurück vor der Türe, merke ich an, dass ich Hilfe mit den ganzen Bechern bräuchte. Steve geht mit rein, die anderen dürften nicht. Zu zweit reihen wir uns in die Warteschlange. Die restliche Kundschaft scheint das Unterfangen beobachtet zu haben, denn als ich zahlen will, ist die Rechnung bereits beglichen. Ein paar Wartende sprechen mich an, finden es ehrenwert was ich hier unternehme. Woman with a lion-heart glaube ich zu verstehen. Steve und ich bedanken uns. Insgesamt laufen wir zwei Mal bis alle Becher vom Tresen in die jeweiligen Hände gelangen.
Während meiner Abwesenheit ist ein neues Gesicht zur Gruppe gestoßen. Der Typ singt aus voller Kehle. Opernsänger sei er mal gewesen und habe plötzlich Kaffeedurst. Matthew klärt mich auf, dass der nicht zu ihnen gehöre. Das sei einer von den Gefährlichen, der habe letzte Woche einem anderen ein Stück Holz über den Schädel gezogen. Überhaupt gäbe es hier viele Irre, vor denen man sich in Acht nehmen müsse. Langsam dämmert mir, dass die vermeindlich einheitliche Schicht der Obdachlosen in Wirklichkeit in viele Untergruppierungen zerfällt und fühle mich sehr naiv mit meinen Annahmen. Wir ziehen weiter, vorbei an fremden Schlafplätzen vor Hauseingängen und anderen Obdachlosen. Manche grüßen, einige wenden sich ab, wieder andere unterhalten sich mit Matthew. Immer gilt eine Frage den Vermissten. Man kümmert sich umeinander, denn keiner soll auf der Strecke bleiben. Schließlich erreichen wir wieder den Platz am Hafen.
Ich frage Jack, wie er zur Obdachlosigkeit kam. Seine Geschichte handelt von Trennung und Zwillings-Unterhalt, von Schulden und Jobverlust. Immer wieder fällt ihm Bill in’s Wort, bei ihm sei’s aber noch viel schlimmer gewesen. Danach erwähnt Michael seine teuren Krankenhausaufenthalte. Sowas könne man nicht einfach abarbeiten, da gehe man dran zugrunde. Die Lebensläufe sind ähnlich, das System legt im Vergleich zu Europa aber noch eine ganze Schippe drauf. Mich erstaunt ihre Bereitschaft, ihre Geschichten mit mir zu teilen. Vielleicht hat schon lange niemand mehr danach gefragt, denn untereinander haben sie anderes zu besprechen. Ziemlich sicher aber habe ich mit ein paar kleinen Gesten ihr Vertrauen gewonnen. Für eine kurze Zeit bin ich Teil ihrer Gesellschaft und sie der meinen. Mitmenschen.
(Teil II folgt)
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