Cold Water – Part II

Part I

Wir sitzen noch eine ganze Weile auf den Stahldrahtbänken am Wasser. Ich lausche ihren Gesprächen. Gelegentlich reißt einer einen schlechten Witz. Alle verdrehen die Augen. Steve mit der Hasenschafte spricht undeutlich, doch die Anderen verstehen ihn. Bills wirren Erzählungen kann ich kaum folgen. Komm, hör‘ auf, meint immer mal einer aus der Gruppe, wenn seine Zwischenrufe ein Gespräch übertönen. Dann wird er still und zieht sich zurück, bis ihm wieder etwas einfällt, das er laut rauskrakelt. Sie sprechen über den Alltag auf der Straße und die Vergangenheit. Wenn das Gestern zu nahe rückt, nehmen sie einen Schluck aus der rotierenden Flasche. Vermutlich tut der Alkohol seine Wirkung, mildert alles ein wenig ab und macht es erträglicher. Wer wäre ich, dort Moral zu predigen, wo eine Gesellschaft versagt hat, wo Menschen ausgeschlossen wurden und ihrer Würde beraubt. Sie tun das, was wir alle täglich tun. Sie machen das Beste aus ihrer Situation. Manchmal kann das Leben ein Arschloch sein.

Die Sonne steht jetzt schon tiefer, ich beschließe zu gehen. Jack habe noch eine Überraschung für mich parat. Zum Dank bietet er mir eine exklusive Führung durch die Krabbenfangfabrik an, in der er gelegentlich arbeite. Meine Neugier ist geweckt. Dann rücken alle für ein Gruppenfoto ganz nah zusammen. Ein paar stellen sich in Reihe hinter der Bank. Ich sitze in der Mitte, spüre einen Arm auf meinen Schultern und zucke instinktiv zusammen. Flöhe mögen körperliche Nähe. Kurz denke ich, dass meine schwarze Jacke zum Glück abwaschbar ist. Dann schäme ich mich für den Gedanken, während ich zu Bill schaue, der mein Handy hochhält und zu zählen beginnt. Die beiden Fotos werden herumgereicht und von allen für gut befunden. Ich stecke das Handy in die Tasche und schüttle jedem zum Abschied die Hand. Einer möchte mich umarmen und zieht mich an sich. Ich zögere, weil es mir unangenehm ist. Gleichzeitig will ich ihn aber nicht vor den Kopf stoßen. Es wird eine flüchtige Umarmung, bei der nur die Arme die Schultern drücken. Dann folge ich Jack zum Fabrikgelände. Sein kunstvoll verziertes Skateboard trägt er in der Hand.

Wir durchschreiten ein großes, offenes Tor. Links befindet sich eine Rampe am Betonbau. Durch offene Tore würde der Fang jeden Morgen aus dem Meer angeliefert und auf Lastwägen geladen. Rechts auf einer Mauer liegen riesige Gittergebilde, Reusen aus Stahldraht und andere Fangvorrichtungen, die ich nicht identifizieren kann. Jack deutet dorthin und erklärt. Das Vokabular ist mir auf Englisch neu. Ein paar Männer kommen uns entgegen. Jack grüßt sie, doch sie beachten ihn nicht. Wir gehen weiter entlang der Mauer zum Wasser bis wir das Ende erreichen. Von dort habe man den schönsten Blick auf die Bucht und die Golden Gate Bridge, sagt Jack und präsentiert ihn mir mit einer ausbreitenden Armbewegung. Ja, wirklich, der Ausblick ist wunderschön, viel besser als von den Spots, an denen die Touristen sich für eine gute Aufnahme drängeln. So stehen wir ein bisschen nebeneinander, den Blick über kaltes Wasser schwenkend. Mich lässt das Gefühl nicht los, dass wir uns illegal auf dem Gelände bewegen. Die anderen Arbeiter hatten, im Gegensatz zu uns, einen Ausweis um den Hals. Jack fragt, ob ich noch das Innere der Fabrik sehen möchte. Ich lehne dankend ab, da ich nicht erwischt werden möchte.

Bevor er gleich sein Skateboard auf den Boden wirft und darauf verschwindet, bedanke ich mich bei Jack für die exklusive Führung. Er meint, ich sei jederzeit willkommen, wie man das in Amerika eben so sagt. Dann springt er auf sein Board und rollt in Richtung Tor. Ein paar Fotos noch, ein paar Minuten, um alle Eindrücke des Tages zu verdauen, brauche ich, bevor auch ich den Rückweg antrete. Niemand hält mich auf, niemand verlangt eine Berechtigung zu sehen. Als ich das Tor hinter mir lasse, bin ich erleichtert. Auf dem Weg zu meinem Hotel überlege ich, ob ich sie wohl morgen wieder am Treffpunkt besuchen solle. Aber besondere Erlebnisse sind nicht wiederholbar.

Am nächsten Morgen packe ich die zwei restlichen Goodietaschen und treffe eine Kollegin im Aufzug nach unten. Sie fragt nach meinen Plänen, die Taschen aus ihren Augenwinkeln taxierend. Obdachlose besuchen, sagte ich. Ach ja, davon seien ja so viele in der Stadt, eklig sei das, überall müsse man denen auf den Gehwegen ausweichen, und dann diese Bettelei, man könne nirgends mehr unbehelligt vorbeilaufen. Ich fixiere sie mit meinem Blick und sage, ich hätte den gestrigen Tag mit einer ganzen Gruppe davon verbracht. Das lässt sie verstummen und meine Aussage mit abschätzigen Blick quittieren. Wahrscheinlich traut sie sich nicht, ihrer Vorgesetzten etwas entgegenzusetzen. Einen schönen Tag noch, wir sehen uns auf dem Rückflug, dann ist sie hinter der nächsten Ecke verschwunden.

Mein Weg führt mich wieder zum Hafen. Die Läden und Restaurants sind noch geschlossen, vor den Eingängen liegen in Schlafsäcke gewickelte Körper. Man kann sie nicht erkennen, so fest haben sie die Kapuzen über die Gesichter gezogen. Die Nebelluft ist feuchtkalt und ungemütlich. An einer Ecke sehe ich eine Frau sitzen und drücke ihr eine der Taschen in die Hand. Sie nimmt sie wortlos entgegen und inspiziert den Inhalt. Ich gehe weiter, immer entlang der Wege, die ich gestern mit den Jungs zurückgelegt habe. Keine der langsam erwachenden Personen kommt mir bekannt vor. In einem der eben geöffneten Läden hole ich mir eine Tasse Kaffee. Meine klammen Finger saugen die Wärme gierig auf. Nach der Übergabe der letzten Taschen trete ich den Rückweg zum Hotel an. Ich bin müde und heute nicht in der Stimmung nach neuen Eindrücken. Die gestrigen Begegnungen grabe ich tief in mein Gedächtnis, denn davon will ich keinen einzigen Moment vergessen.

Erst viele Jahre später werde ich wieder in San Francisco sein, dann im Hotel auf der anderen Seites des Hügels, der die Küstenregion von der Innenstadt trennt. Die Irren, wie Matthew sie nannte, werden zugenommen haben. Ich werde sie im Bus treffen und auf der Straße, mich aus heiterem Himmel anschreiend. Die Zelte auf den Bürgersteigen werden zu kleinen Städten angewachsen sein, die Gehwege versperrend. Eine vor Ort lebende Freundin wird mir erklären, dass über die Jahre die geistig Kranken unter den Obdachlosen mehr geworden seien. Dass sie Drogen konsummieren, weil die Stadt nichts dagegen unternimmt. Es wird keine Hilfsprojekte für Obdachlose, psychisch Kranke oder Drogenabhängige mehr geben. Alles wird in den Coronajahren eingespart werden. Die Freundin, die eine Familie plant, fühle sich dort nicht mehr sicher. Nach Corona wird sie an die Ostküste ziehen. Auch ich werde nur noch mit einem mulmigen Gefühl im Bauch die Straßen entlang spazieren, werde Menschen beobachten, wie sie zwischen parkende Autos kacken und danach, die Hose zwischen den Kniekehlen, mittig auf dem Bürgersteig dem narkotisierten Schlaf erliegen.

Von all dem weiß ich aber noch nichts als ich an dem Krabbenrestaurant vorbei gehe, vor dem Matthew und ich saßen und uns unterhielten, während Barney auf der Decke eingerollt schlief. Dann drehe ich mich zum Restauranteingang und lese, was an der Scheibe geschrieben steht. Take three, get one free. Vor meinen inneren Augen erscheint Matthew, der keine Krabben mag und trotzdem jeden Tag ein Krabbenbrötchen ausgegeben bekommt. Unwillkürlich muss ich lächeln.

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2 Kommentare zu „Cold Water – Part II“

  1. Ich weiß gar nicht, was ich zu Leuten sagen soll, die sich über Bettelnde und Obdachlose echauffieren. Zwei, drei Schicksalsschläge kurz hintereinander, und schon fällt das bisschen Leben, in dem man sich so nett eingerichtet hatte, zusammen. Natürlich, viele rappeln sich auf, aber eben nicht jede_r.

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