Monatelang konnte ich nicht durchschlafen und bin dadurch in ein Defizit gerutscht. Die Schlaftabletten ziehen mir kurz nach Einnahme die Füße weg, doch wache ich immer noch nach ca drei bis vier Stunden auf und bin bereit, die Welt abzureißen. In meiner eigenen Wohnung war ich jüngst mehrmals nach Aufwachen vollkommen desorientiert, wusste weder wo noch warum ich bin und starrte verwirrt auf Einrichtungsgegenstände, die in meinem Kopf keinen Sinn ergaben. Wenn man ein Bücherregal aka Raumteiler im Dämmerlicht nicht erkennt, macht der auch wirklich keinen Sinn. Jetzt wurde ein neues Feature freigeschaltet: Alpträume. Wenn ich davon aufwache, traue ich mich nicht weiterzuschlafen. Dazu habe ich in meinem Leben zu viele Serien gebinged; die nächste Folge würde direkt an die vorige anschließen. Irgendetwas wurde beim scharf Abbremsen in meinem Unterbewusstsein gewaltig durcheinandergewirbelt. Das Chaos soll ich jetzt sortieren und an die richtigen Stellen verräumen. Also habe ich dieses Wochenende erst mal in meiner Wohnung aufgeräumt, Ablage sortiert, ein paar alte Klamotten weggeworfen und andere für die Schwägerin verpackt, in Schachteln geguckt und geleert, Schuhe im Schrank neu arrangiert und schließlich ungeliebte Bücher aus dem Regal geworfen. Im Entrümpeln bin ich gut, es fühlt sich befreiend an, während ich mit den Traumfetzen und Angstschnipseln nicht so recht weiß wohin. Vielleicht brauche ich die ja noch, zumindest waren die mal für was gut, und wenn ich sie in die richtige Reihenfolge schiebe – so meine Hoffnung – ergibt sich womöglich ein neues Bild.
Ich weiß nicht, wie gut Sie sich mit Traumata auskennen. Das ganze funktioniert im Unterbewusstsein so gut, weil sich die Geschehnisse in einem anderen Schrank befinden als die Gefühle. Ein Ereignis, ein Gedanke oder eben ein Traum öffnet jetzt eine alte Dose, wo die Gefühle gestaut sind und zack, hat man die, ohne sie zu irgendwas zuordnen zu können. . Die Ereignisse, zu denen diese Gefühle ursprünglich gehörten, liegen im Schrankregal auf Augenhöhe, die hebt man hoch, weil man drunter noch was anderes vermutet oder schiebt sie von einer Seite zur anderen. Dass diese beiden Dinge zueinander gehörten, ist leider überhaupt nicht offensichtlich. Dieses Ereignis, an das man sich meist noch sehr gut erinnern kann, ist oft nicht der Rede wert aber sobald die Gefühlsdose in seine Nähe rückt, gibt’s eine chemische Reaktion, bei der sehr viel Energie frei wird. Halt, Stopp, wieso „nicht der Rede wert“? Nun, es sind nicht nur lebensbedrohliche Ereignisse wie Unfälle, Katastrophen oder Nahtoderfahrungen, sondern eben auch Situationen, wie sie junge Menschen erleben, die Opfer von Grooming werden (das bitte selbst bei Wikipedia nachschlagen) oder Opfer von emotionaler Gewalt. Diese Situationen passieren nicht auf einen Schlag, sondern über einen längeren Zeitraum. Später glaubt man, das war alles normal, bis man woanders mitbekommt, dass es keineswegs normal war, was man da erlebt hat. Jüngstes Beispiel sind Betroffene der Epstein-Machenschaften oder die Geliebte von Konstantin Wecker oder die vielen Frauen, die unter dem Einfluss eines narzisstischen Partners, Elternteils oder Vorgesetzten leben, studieren oder arbeiten.
Gut, hier im Blog geht es seit einiger Zeit recht monothematisch zu – ist wichtig für mich, braucht sonst niemand zu lesen. Ich würde liebend gerne über andere Themen, Dinge und lustige Begebenheiten schreiben; das Leben verschiebt’s für mich auf später. Also räume ich noch ein wenig in meinem Unterbewusstsein auf, damit die freiwerdende Energie nichts kaputtmacht, sollte ich die Gefühlsdose unwissentlich zu nahe am Ereignisregal abstellen. Lieber schraube ich den Deckel in sicherer Entfernung vorsichtig auf und lasse den Dampf kontrolliert entweichen. Es folgt also heute Nacht eine neue Traumfolge mit Gefangenschaft, Gewalt und Angst, quasi Apokalypse für den Hausgebrauch. Zu mehr langt’s gerade nicht.
Danke für den Absatz über Traumata. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, aber ich arbeite zu Zeit auch daran, und es ist nicht immer einfach. Was schaut man an, was lässt man raus, hört das irgendwann mal auf? (rhetorische Fragen, Antwort nicht nötig)