Eightyeight

Da ich nicht täglich blogge, war meine große Sorge immer, ob ich in meiner kleinen Internetecke jammern darf. Klar gehört Leid zum Leben und hat damit auch seinen Platz in persönlichen Blogs. Und jede Person darf das in’s Internet schreiben, was es möchte. In meiner persönlichen Wahrnehmung gab es da aber gravierende Unterschiede. Es gibt Schreibende, die so dermaßen poetisch und schön formulieren, dass man Texte egal welchen Inhalts gerne liest. Und dann gibt es die Durchschnittsformulierenden – also solche wie mich – die halt ab und zu einen ganz unterhaltsamen Beitrag abliefern und ihre Leserschaft danach durch Monothematik wieder verlieren. Also habe ich versucht, in wirklich schlechten Phasen so wenig wie möglich zu schreiben. Bis vor drei Monaten, als die Welt völlig über mir zusammenbrach. Ich hab’s in die Welt hinausgeschrien, wie man etwas in eine Schlucht schreit und auf Echo hofft. Bis mir klar wurde, dass ein Echo nichts anderes als die automatische Reflektion meiner eigenen Einsamkeit ist.

Langsam krieche ich aus der Höhle hervor oder verweile zumindest am Eingang, angeschlagen in die Helligkeit blinzelnd, noch nicht bereit, mich vollkommen sicht- und damit verletzbar zu zeigen. Im Gepäck viele Wunden und Erkenntnisse, auf die ich gerne verzichtet hätte, weil sie so schmerzhaft waren, dass mir beim Gedanken daran noch immer der Atem stockt. Mein Kopf weiß, dass mich meine Beine tragen werden, mein Vertrauen darauf ist noch eingeschränkt. Was ich verloren habe, ist mein eigener, innerer Orientierungspunkt, den jedes ortsungebunden bewegende Lebewesen entwickelt. Der Bezugspunkt im eigenen Sein, mit dessen Hilfe wir uns wieder einnorden, wie man so schön sagt. Wie schlimm es ist, diesen Bezugspunkt zu verlieren, plötzlich zwischen Stromschnellen und Strudeln herumgespült zu werden, nicht mehr zu funktionieren und selbst fest verankerte Gewissheiten anzuzweifeln. Wie wichtig es ist, eine Hand am Ufer zu sehen oder auch zwei, ein paar Worte der Ermunterung zu hören oder auch nur zu erfahren, dass andere in dieser begradigten Virtualität ebenfalls straucheln. Wie gefährlich es ist, diese glatte Internetwelt zu beobachten, wenn man keine andere Welt mehr zur Verfügung hat, wie schrecklich einsam es mich an vielen Tagen zurückgelassen hat und wie sehr ich mich nach echten Kontakten sehnte, ohne die Kraft zu haben, mich ihnen zu nähern. Ich möchte das nicht vergessen. Und Ihr hoffentlich auch nicht. Schreibt was Ihr wollt aber bitte seid aufrichtig – für Euch selbst und Andere, die es lesen.

8 Gedanken zu „Eightyeight“

  1. Jeden Tag habe ich in Ihren Blog geschaut und mir nicht gestattet, Ihnen zu schreiben. Aber meine Gedanken waren bei Ihnen.
    Sie schreiben, dass Sie aus Ihrer Höhle hervorlugen. Zeigt das nicht, dass das Schlimmste erst einmal überwunden ist? Bleiben Sie dort sitzen und ruhen sich aus, sammeln Sie Kraft. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen.
    Martina

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  2. Ich lese schon länger bei Ihnen und kann vieles so gut nachfühlen. Ja, aber helfen…?
    Meiner Vor-Schreiberin schließe ich mich gern an und meine auch: sammeln Sie Kraft,
    überanstrengen Sie sich nicht, machen Sie sich keinen Druck.
    Zeit ist jetzt wichtig – Zeit für Sie.

    Beate

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  3. Man könnte – ICH könnte viele Einträge mit einem Disclaimer beginnen, der da lautet: „ich könnte Euch heute was erzählen, wenn ich Romanschriftstellerin wäre, alles unter „fiktiv“ liefe, es keinerlei Diskretionserwartung gäbe und die Gefahr, sich ins soziale Abseits zu schießen, durch die Benennung von Ross und Reiter. Mit Ross und Reiter meine ich nicht einmal Klarnamen, sondern private und jobmäßige Sachverhalte, Beziehungen, Kontakte, die sofort einen Wiederkennungswert für viele Mitlesende hätten und denen dann die Kinnlade runterklappen würde, oder die einfach nur emotional unangenehm berührt wären. Neulich machte ich eine Schlussbemerkung in einem sehr harmlos dahinplätschernden Blogeintrag, die da lautete: „(…) Es wurden neuere Erkenntnisse über vergangene Lieben und die erstaunliche Veränderung von eigenen Gefühlen ausgetauscht.“ So viel Lust ich hätte, Details umd Wahrnehmungen zu bloggen, wie ich sie Ina unverblümt unter vier Augen erhellte, so wenig Lust habe ich, Verletzungen zu verursachen. Es wären im weitesten Sinne Beschreibungen von KOMPLETTER Enterotisierung im Hinblick auf Männer, die ich leidenschaftlich begehrte, auch körperlich. Dazu müsste dann auch die Beschreibung von Alterungsprozessen gehören. Oder die Wahrnehmung seltsamer Ticks, von denen man nicht weiß, ob man sie früher blindverliebt geflissentlich übersehen hat, oder ob sie sich erst im reiferen Alter in dem Ausmaß zeigen. Langer Rede kurzer Sinn: Diskretion spielt eine Riesenrolle, wenn so vieles Brüchige unter dem Teppich bleibt. Aber ganz sicher lässt sich vieles diskret andeuten. In der Talsohle einer Depression „happy life“ zu posten ist freilich Etikettenschwindel. Vielleicht aber auch für Einige der Strohhalm, um sich ein bißchen über Wasser zu halten. Es ist komplex.

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