CW es wird eklig
München. Das Oktoberfest hat begonnen. Oder wie man hierzulande sagt: Ozapft is.
Was das für die Besuchenden bedeutet:
Ausgelassene Stimmung, sozial anerkanntes daydrinking und man weiß, dass, frei nach Monaco Franze, a bissl was immer geht. Für das Bissl braucht’s weder Statussymbole noch Attraktivität, denn man trinkt sich das Gegenüber einfach schön. Nicht einmal besonders eloquent oder witzig muss man sein, weil jedes Wort im Geräuschpegel untergeht. Niemand fragt nach Familienstand oder STD-Tests, und Kondome sind optional. Gefummelt wird unter Tischen, in Fahrgeschäften oder in der sich langsam vorwärtswälzenden Menge. Wer sich dabei keine Watschn einfangt, schlägt mit dem Gschpusi den Weg hinters Zelt oder zum Kotzhügel unter den Augen der Bavaria ein. Irgendwann entledigt sich der Körper der letzten drei Maß in Richtung oben oder unten. Selbstverständlich alles unter freiem Himmel, denn ein echter Naturbursche braucht dafür weder Erlaubnis noch Klohäusl.
Die aus Lautsprechern plärrende Blechblasmusik mag nicht jedermanns Geschmack sein, sie eignet sich aufgrund der einfachen Struktur jedoch hervorragend zur Verbrüderung. Melodie und Text so eingängig wie eine Einladung zur Kooperation nur sein kann. Auch der wiederkehrenden Aufforderung zum Trinken kann man sich nur schwer entziehen. Von kollektiven Schaukelbewegungen überspielter alkoholinduzierter Kontrollverlust wird erst beim Zapfenstreich zum Problem. Das Personal räumt am Ende nicht nur Bierkrüge von den Tischen, sondern auch Volltrunkene darunter. Dann wanken sie mit mehreren Zwischenstopps zur Regelung des Flüssigkeitshaushalts oder zur Entgiftung die Straßen entlang Richtung Hotel oder Hauptbahnhof. Am nächsten Morgen weiß man nicht so recht, wie man ins Bett gelangte, die Krachlederne wegen fehlender Feinmotorik noch in den Kniekehlen. Der Kopf meldet Vergiftungssymptome, die lapidar als Lederallergie bezeichnet wird. Klar, man hatte ja die ganze Nacht die Schuhe an.
Was das für Hotellerie, Gastro und die Stadt bedeutet:
Die Hotellerie saniert sich über horrende Zimmerpreise. Wer die nicht zu zahlen bereit ist, erinnert sich plötzlich an ansässige Bekanntschaften. Nie hatte man als Ortsansässige so viele Freunde wie zur Wiesnzeit, zumindest an den Kontaktversuchen gemessen und der Frage nach einem Schlafplatz. Die Taxizentrale hat Hochkonjunktur und schlägt auf Fahrten einen sogenannten Reinigungszuschlag auf. Stark Alkoholisierte werden auch mal abgelehnt, vor allem, wenn die letzte Reinigung noch keine paar Stunden her ist. Um die Theresienwiese herum Wegweiser, Absperrungen und viel Ordnungspersonal. Auch in den U-Bahnhöfen kann wegen der Gefährdungslage nur noch mit Bahnsteigpersonal operiert werden. Briefkästen werden vorsorglich abgebaut, Parkautomaten in Folie verhüllt und zahlreiche Abfalleimer gedeckelt, um Reinigungskosten aufgrund von Erbrochenem zu minimieren. Ja, auch in Briefkästen wird gekotzt, wobei ich mich frage, wie man da volltrunken hineinzielen kann.
Während Brauereien ihre Einnahmen maximieren, wird in der restlichen Gastronomie den Trachtenkaspern der Eintritt verwehrt. Man möchte zu recht Ärger vermeiden. Andererseits gibt es für zweieinhalb Wochen in jedem Supermarkt ein Angebot an Specials. Die normale Breze ist jetzt eine Wiesnbrezn, jedes x-beliebige Bier ein Wiesnbier. Der Obazde ist permanent ausverkauft und abgepackte Weißwürste sowieso. Mit etwas Glück ersteht man noch eine reguläre Tube Senf. Fast alle Produkte sind mit weiß-blauem Rautenmuster bedruckt. Renommierte Trachtenfachgeschäfte schließen zu Beginn des Oktoberfestes, denn die meisten sind restlos ausverkauft. Wer jetzt noch ein Dirndl braucht, kann am Hauptbahnhof abwaschbare Varianten aus bedrucktem Plastik erwerben. Die kosten aber genauso viel wie eines aus Seide. In der Augustenstraße befand sich einst ein Dirndlladen, der nur drei Monate im Jahr geöffnet war, weil der Jahresumsatz zwischen Juni bis August erwirtschaftet war.
Was das für die Anwohnenden bedeutet:
Die Luft ist biergeschwängert, denn überall trifft man auf das sogenannte Wegbier. Das Aroma kommt nicht nur aus geöffneten Getränkebehältnissen, sondern auch aus Schweißporen. Straßen und öffentliche Verkehrsmittel sind überproportional voll. Die Bevölkerungsdichte hat sich schlagartig verdoppelt. Parkplätze sind Mangelware, weshalb auf Feuerwehrzufahrten und Garageneinfahrten ausgewichen wird. Die Abschleppdienste tun ihr Möglichstes, können aber nicht überall sein. Ein leerer Vierersitz in U oder S-Bahn, gelegentlich sogar ein ganzes Abteil, ist nicht selten. Grund hierfür ist Erbrochenes. Wer sich dort hinsetzt, arbeitet entweder für Abfallentsorgungsunternehmen oder besitzt keinen Geruchssinn. Mancher Fahrgast übergibt sich, ganz ohne Not, nur wegen des Odeurs. Die selektive Aufmerksamkeit priorisiert auf Gehwegen, noch vor Hundehaufen, vermehrt halbverdaute Hendl an Biersoße mit einem Schuss Bratapfel. Ein Bekannter musste während der Oktoberfestwochen seinen Ladeneingang jeden Morgen mit dem Gartenschlauch abspritzen, weil der Laden, grob gesagt, auf der Wegstrecke zwischen Theresienwiese und Hauptbahnhof lag.
Wie bereits erwähnt, ist das Oktoberfest die weltweit größte Freiluftswingerveranstaltung. Für Frau bedeutet das tägliche Konfrontation mit angesäuselten Einzelmännern oder, noch schlimmer, Burschengruppen. Blöde Sprüche sind an der Tagesordnung und das geringste Problem. Schwierig wird’s bei körperlichen Übergriffen. Meine Großmutter mütterlicherseits, Gott hab sie selig, musste ich einmal vor dem Angriff eines Betrunkenen verteidigen. Ein anderes Mal bemerkte ich grapschende Hände in der Menschenmenge. Obwohl ich wenig von körperlicher Gewalt halte, hat der sich eine Watschn eingefangen. Inzwischen ist die Entwicklung dahingehend fortgeschritten, dass Watschn als deutlichere Form der Liebkosung verstanden werden, weil der Alkoholpegel die Schmerztoleranz erhöht.
Es mag Anwohnende geben, die gerne am Oktoberfest teilhaben. Die peripheren Auswirkungen betreffen aber alle gleich. Wer in dieser Zeit nicht verreisen kann, muss mit den Nebeneffekten leben. Inzwischen hat jede asiatische Großstadt, die was auf sich hält, ein Oktoberfest. Aufgrund der verhältnismäßig geringen Besuchsdichte fallen die Randerscheinungen nicht ins Gewicht. Auf einem meiner Flüge von L.A. nach München saß einst eine Gruppe junger Australier. Sie wollten auf’s Oktoberfest. Mitte Oktober. Als ich sie darauf hinwies, dass das Oktoberfest immer im September stattfindet und bereits beendet sei, war die Stimmung im Keller. Möglicherweise ist die Namensgebung absichtlich widersprüchlich, um von den suffstärksten Nationen wenigstens die Australier fernzuhalten.
Was das für mich persönlich bedeutet:
Nachdem sich mein zeitlebens angespanntes Nervensystem langsam erholt, bemerke ich wieder ein erhöhtes Stresslevel im öffentlichen Raum. Auf meinem heutigen Weg durch U-Bahnhöfe wurde ich mehrfach angerempelt, obwohl ich mich am Rand aufhielt. Meine Route ins Westend, normalerweise eine Wegstrecke von 15 Minuten, benötigt wegen kreativer und weiträumiger Umgehung der Wiesn die doppelte Zeit. Doch auch hier sind Busse und Bahnen überfüllt. Insgesamt kann ich feststellen, dass ich den ganzen Trubel zunehmend schlecht wegstecke. Das mag am Alter liegen oder an erhöhter Sensibilität gegenüber sozial geringschätzigen Verhaltens. In den nächsten zwei Wochen werde ich von berufswegen einige Tage aushäusig verbringen und freue mich, wenn die Stadt im Oktober zur Normalität zurückkehrt. Allen Wiesnbesuchenden sowie Anwohnenden wünsche ich möglichst wenig Unannehmlichkeiten.
Oder wie man hierzulande sagt: auf eine friedliche Wiesn.
Konversation (NRW) mit einen Freund in München:
Wie gehts euch?
Antwort: wir wandern in den Alpen, Oktoberfestzeit …
Hier am Rhein flüchten einige ja auch gerne ab Altweiber-Donnerstag bis Rosenmontag, aber Oktoberfest scheint nochmal was Schärferes zu sein.
Gruß, J
Hauptunterschied zwischen Karneval und Wiesn: 6 Tage vs. 16 Tage
Die Abschleppdienste sanieren sich ebenfalls finanziell, aber ch gönne es ihnen. Das Geschäft ist hart während der Wiesn.
Dass während der Wiesn sogar Briefkästen vorsorglich abgebaut werden, ist vermutlich die präziseste Form kommunaler Erfahrung.
Man kann Menschen vieles zutrauen. Aber offenbar sollte man ihnen nach drei Maß keinen Schlitz mehr zeigen. 🦌
Dieser Text ist nicht zu toppen, einfach grandios
Vielen Dank