Drüben auf Mastodon gibt es jeden Tag ein neues Thema als Fotovorschlag. Wenn mir ein zum Tagesthema passendes Bild aus meiner reichhaltigen Kollektion einfällt, beteilige ich mich. Heute hieß das Motto Weltkulturerbe, und dazu fiel mir erstaunlich viel ein, denn im Laufe meines Reiselebens war ich an zahlreichen Orten auf der Liste, oft sogar ohne zu wissen, dass es sich um einen von der berühmten Liste handelt. Bei der heutigen Durchsicht meiner Alben geht ein Zucken durch meinen Körper, denn auf der Liste finden sich auch Orte wie die Gedenkstätten des Genozid in Ruanda. Ja, auch das gehört zur Weltkultur, das sollte niemals vergessen werden.
Über den Besuch einer Gedenkstätte schrieb ich vor drei Jahren. Die Bilder in meinem Kopf sind so eindringlich, als habe ich erst gestern in den Kirchen und Schulgebäuden gestanden. Beim Suchen finde ich im entsprechenden Ordner kein einziges Foto davon. Nur der kleine blaue Steinelefant, den ich im Souvenirladen erwarb, bezeugt stellvertretend den Besuch einer dieser Einrichtungen. Vom Verkaufserlös wird der Erhalt mitfinanziert. Ich erinnere mich an meine Betroffenheit und daran, wie ich nicht genau wusste, wo ich mich hinstellen soll, um den Erklärungen zuzuhören, und an die Angst, hinter der nächsten Ecke etwas ganz schreckliches sehen zu müssen. In eines der ausgehobenen Massengräber konnte man hinabsteigen und durch einen Gang zwischen Regalen laufen. Da konnte ich nicht runter, denn die geborgenen menschlichen Überreste lagen verpackt auf den Brettern.
Kein einziges Foto gemacht, weil ich so überwältigt war aber so viele Bewegtbilder im Kopf, jederzeit abrufbereit, lebensgroß und in Farbe. Unter freundlicheren Umständen ein durchaus wünschenswerter Zustand. In diesem Fall erinnert nur dieses Foto des blauen Elefanten, dem Mastodonsymbol ähnlich, an meine dortige Anwesenheit. Nach der Reise verschenkte ich ihn. Sich ein Souvenir von einem so grauenvollen Ort mitzubringen, an den man sich nur schaudernd erinnert, es ist schon irgendwie seltsam. Ich weiß nicht, ob es auch an den Ausgängen anderer Gedenkstätten Souvenirshops gibt. In Phnom Penh besuchte ich zwar das S-21, erinnere mich aber nicht an einen Giftshop. Vielleicht war ich nach der Führung durch einen der wenigen Überlebenden auch zu angefasst. Auf einem Foto posiert er mit mir und kassiert später dafür und seine Erzählungen Trinkgeld. Unvorstellbar, wie sich ein Mensch jeden Tag am Ort aufhalten kann, an dem Eltern und Befreundete gefoltert wurden und zu Tode kamen. Einzig rationale Erklärung dafür ist finanzielle Not.
All diese Eindrücke kehren zurück, während ich meine wiedergekehrte Grippe auskuriere und draussen ein heftiger Gewittersturm tobt. Eine filmreife Kulisse für dystopische Gedanken.