Manche Menschen schreiben Tagebuch, andere betreiben ein Blog, in dem sie schöne Worte aneinanderreihen oder kluge Gedanken festhalten. Was ich hier mache, läuft wohl am ehesten unter der Bezeichnung therapeutisches Schreiben. Ich kann mich noch an den Anfang erinnern, wobei die ersten Gehversuche nicht mehr zugänglich sind. Myblog gibt es in der ursprünglichen Form nicht mehr, mein Passwort lange schon verschollen, meine Geschichten unwiederbringlich im Datennirvana verschwunden wie einzelne Socken, die ohne ihren Zwilling in Vergessenheit geraten. Somit findet sich der erste Nachweis meiner Internetexistenz auf blogger.de. Das Fehlen eines eindeutigen zeitlichen Beginns ist keine Seltenheit. Während Epochen nur grob eingeteilt werden können, machen mich ungefähre Lebbensdaten immer etwas misstrauisch. Manche sähen sich wohl lieber als Mysterium. Im Gegensatz dazu feiert mein Blog diesen Monat nun Zwanzigjähriges.
Zurück zum Wesentlichen, das therapeutische Schreiben begann irgendwann zwischen 2003 und 2004, zunächst mit kleinen Geschichten in einem der damals neuartigen Foren mit frugaler Erscheinung, sehr bald auf Anraten genervter Mitnutzender in Blogform und mit Namensschild in der URL. Ich bin quasi aus der WG mit Interaktionsgarantie in die erste eigene Wohnung gezogen, wo aber nur selten jemand vorbeischaute. Myblog, das war damals ein unbeliebtes Stadtviertel wie Neuperlach oder Hasenbergl – mit Äquivalenten in anderen Hipsterstädten bin ich leider unvertraut. Jedenfalls war nie jemand einfach so in der Gegend, weshalb ich dort auch nicht bleiben wollte. Kreuzberg, Verzeihung antville, war längst dicht und ein Eigenheim unerschwinglich. Zufällig hörte ich von Vakanzen auf blogger.de und packte schnell meine wenigen Buchstaben. ich vermute noch einzelne Bilder und Geschichten auf Diskette abgespeichert und nicht mehr auslesbar, ähnlich der im Keller gestauten Bücherkartons, deren Inhalt durch Feuchtigkeit unbrauchbar geworden ist.
Was ich aber eigentlich sagen will: das therapeutische Schreiben, das ja ursprünglich der Grund für meine Onlinepräsenz war. Damals war meine Lebenssituation nach aussen geordnet aber innerlich desaströs, und ich merke gerade, dass sich daran in all den Jahren wohl nicht viel geändert hat. Jedenfalls stieg ich aus einer prestigeträchtigen Arbeitsumgebung in eine sozial niedrigere Statusgruppe ab. Konkret stieg von der künstlerischen Bühne in ein Flugzeug, um Menschen Tomatensaft zu servieren. Und damit konnte mein Ego auch noch einige Zeit danach sehr schwer umgehen. Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass ich schon zeitlebens eine kleine Rampensau war. Keine Situation zu absurd, keine Gelegenheit verstreichend, in der man sich öffentlich blamieren konnte und die im Nachhinein nicht wenigstens zu einer lustigen Anekdote führte. Beispielsweise erinnere ich mich noch an den Auftritt bei einem großen Poetry Slam. Einziges Hindernis war damals, dass mir erst während der Veranstaltung klar wurde, was ein Poetry Slam ist. Als ich meinen Namen über Lautsprecher hörte, betrat ich die Bühne mit gemischten Gefühlen, wusste sofort, dass ich jetzt improvisieren muss und hab‘ spontan ein bisschen Standup Comedy geliefert. Meine Erinnerung kann durch den Adrenalinkick etwas geschönt sein aber es gab meines Wissens keine Unmutsbekundungen. Im Gegenteil, die Leute waren zwar um einen Slam betrogen aber dennoch gut unterhalten. Nicht dass ich mich hinterher nicht geschämt hätte. Der Nervenkitzel überwog aber alle darauffolgenden negativen Gefühle.
Eine andere Situation, in der ich mich als Komödiantin präsentierte, funktionierte weniger durch die Inhalte als vielmehr mein mir wohlgesonnenes Publikum. Als ich nänlich meinen fünfzigsten Geburtstag in einem kleinen Theater plante und meine Gäste um Darbietungen auf der Bühne bat, wollte ich selbst nicht mit erlernten Fertigkeiten glänzen. Ich bereitete eine humorige Sammlung meiner Lebensgeschichten vor. Bis kurz vor Ereignis änderte ich Sätze, fügte neue Witze ein, strich alte und ignorierte, dass eine wirklich gute Bühnenpräsentation akribisch vorbereitet sein will. Das Timing saß nicht, manche Pointen verhallten reaktionslos im Raum, andere waren von Anbeginn nur in meinem Kopf lustig. Betrogen um meine vermeindliche Improvisationsfertigkeit, war ich zumindest um eine Erfahrung und das Wissen reicher, dass aus mir nie eine gute Komikerin werden würde. Bei aller Aufmerksamkeitssucht kann ich ausschließen, dass ich damit anderen Schaden zufügte. Wichtig war mir immer nur, mein Umfeld gut zu unterhalten. Was Frau Novemberregen als sich in die Situation hineinwerfen bezeichnet – eine Formulierung, die ich sehr mag – ist in meinen Augen die einzige Möglichkeit, eine neue Erfahrung vollumfänglich zu begreifen. Das betreibe ich immer noch, wenn auch nicht mehr ganz so öffentlich. Und je mehr schreibende Menschen ich kennenlerne, umso mehr weiß ich von Lebensbereichen, die sie aus verschiedenartigen Gründen ganz bewusst vor der Öffentlichkeit verbergen.
Aber kommen wir zurück zum therapeutischen Schreiben. Im Hinblick auf meine Motivation, der Suche nach dem Kick, wird vielleicht jetzt klarer, weshalb ich schon bald selbst Bloglesungen organisierte und aus dem Schutz der Anonymität heraustrat. Das wiederum brachte ein Dilemma mit sich. Meine Texte bestanden aus ironischen, gelegentlich auch sarkastischen Beobachtungen meines Arbeitsalltags im Flugzeug. Das brachte mir einerseits Leserschaft, andererseits wollte ich damit auch keine Kündigung riskieren. Ich erinnere an die inzwischen verstorbene US Bloggerin Dooce, die wegen ihrer Beiträge gekündigt wurde und daraufhin erst so richtig durchstartete. Nach den Bloglesungen und mit zunehmendem Bekanntheitsgrad – selbstverständlich nicht mit dem der großen Blogs zu vergleichen aber immerhin so bekannt, dass Menschen bei der Erwähnung meines Namens mit „ach Du bist das“ reagierten – wurden meine Themen ernster, ehrlicher und selbstreflektierter. Kompensation verwandelte sich nach Dschungelcampmanier in Entblößung. Böse Zungen behaupten, das sei im Grunde nicht weit voneinander entfernt, mit dem kleinen Unterschied, dass sich das Publikum ändert. Abgesehen von ein paar treuen Seelen tauchte plötzlich die Weltverbesserungsklientel in den Zuschriften auf, die nicht nur mit vermeintlich wohlwollenden aber dennoch ungebetenen Ratschlägen daherkommt, sondern auch mit ausführlichen Kommentaren und dem bestechenden Angebot eines offenen Ohres – selbstverständlich nur im Privaten. Ich bin ein oder zweimal schriftlich darauf hereingefallen und kann auch nicht ausschließen, selber ungebetene Ratschlag verteilt zu haben aber insgesamt waren das Ausreisser. Die Illusion, eine Person aufgrund ihrer Präsentation zu kennen und aufgrund von Parallelen zum eigenen Leben einen persönlichen Bezug aufzubauen, die funktioniert sowohl bei Prominenten als auch Bloggenden. Früher nannte man’s eine Kunstfigur. Heute werden fiktionale Hüllen nicht mehr nur mit Projektion verdrängter Anteile gefüllt, sondern ganz konkret mit personalisierten KI Algorithmen, was aber hier zu weit führt.
Was man gemeinhin unter therapeutischem Schreiben versteht, ist eine spezielle Form des Erzählens. Selbst wenn ich bestimmte Themen immer wieder aufgreife und sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchte, wird am Ende nicht der Abbau von Leidensdruck im Vordergrund stehen. Es wird keine Katharsis geben und keine weltbewegende Veränderung stattfinden. Einzig die Reflexion, das Schreiben als Selbstzweck und die damit einhergehende kreative Beschäftigung ist im weitesten Sinne therapeutisch. Und damit existiert kaum noch ein Unterschied zum Tagebuchschreiben, zum Fiktionalen oder anderen Formen des Schriftlichen. Nicht überraschend, wie ein Schlagwort küchenpsychologisch umgedeutet in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht. Wir schreiben ja alle therapeutisch, genau wie unsere Handlungsmotivation auf wenige allgemeingültige Prinzipien reduziert werden kann. Warum wir uns dann aber so deutlich von anderen unterscheiden wollen, besser sein oder wirksamer, das hat sich mir nie vollumfänglich erschlossen.
Die Gegend, in der mein Blog wohnt, ist inzwischen verkehrsberuhigt, dafür sorgt eine große Bodenwelle in Form der Einstiegswarnung für unsichere Webseiten. Die Räume für den Neubezug stehen seit November leer, denn das Umzugsunternehmen hat seitdem keine Kapazitäten frei. Manchmal kommen Bekannte oder schicken mir von ihren Blogs Interessenten zur Besichtigung vorbei. Manche lugen durch den geöffneten Türspalt, um einen Blick auf die Einrichtung zu erhaschen und daraus Rückschlüsse zu ziehen. Nach ein paar Tagen kehrt wieder Ruhe ein. Dann setze ich mich wieder an den Tisch und schreibe verschachtelte Sätze, die ich hinterher noch ein Dutzend Mal umbaue oder lösche. Am Ende steht immer eine Erzählung, eine Beobachtung oder eine Geschichte, die hoffentlich nicht nur aber vor allem mich selbst amüsiert. Ganz ohne therapeutischen Habitus, dafür oft prätentiös und immer selbstdarstellerisch. Happy birthday Glamour Girl!

Happy Birthday, Glamour Girl! Ich war lange dabei, damals… hab diesen Blog dann aber tatsächlich bis zum Kunsthallenbesuch mit Herrn Buddenbohm ganz vergessen.
Meine eigene myblog-Historie lese ich gerne ab und an mal bei https://web.archive.org/ nach. Zumindest die Bruchstücke, die dort noch archiviert sind.
Beste Grüße!
Leider habe ich auch im Archiv damals nichts mehr retten können. Das war zu lange her und myblog.de/klugscheisser inzwischen offline
Bei meiner zweiten=kürzlichen PT waren die nonverbalen Therapien immer die für mich erhellendsten. Ich schreibe zwar nicht therapeutisch, lese jedoch andere, die es tun. Wobei Sprache, Schriftlichkeit mir alles bedeuten. Als Bibliomane lebte ich das bis vor 9 Jahren aus, dann versagten die Augen. Nicht vorstellbar, wie ich meine Energie kanalisiert häte, wäre 1995 nicht das Internet für mich aufgetaucht, die Rettung, weil ich mich als Einsammler auspowern konnte. Auch Sammeln des Eigenen, das nicht verschlossen bleiben will. In vielen Formen drängt es nach außen. Ich freue mich, daß Ihnen das Schreiben guttut; und seien Sie gewiß, gelesen zu werden, denn ich fand durch andere hierher. Im Zweifel schieben wir es auf den verehrten Herrn Buddenbohm. Sie beide sorgten vorgestern für drei kleine Einträge bei mir.