Als ich auf den sonnigen Stufen vor der Kunsthalle Hamburg saß und dem ganz wunderbaren Wochenende in mir nachspürte, wurde die friedliche Szene von einem ohrenbetäubenden Knall zerrissen. Ich schaute in die Richtung, von der ich den Lärm hörte. Kurz darauf eine erneute Explosion, ein wenig entfernter. Ich vermutete Jugendliche, die dort unten an den Gleisen zum Hauptbahnhof einen gewaltigen Kracher gezündet haben mussten. Also packte ich meine Sachen und ging zur Straße, hoffend, dass nicht noch ein Knall folgen würde. Mein Innerstes war gehörig durcheinandergeschüttelt. Von allen Richtungen nahten Martinshörner, die hohen der Polizei und die etwas tieferen von Feuerwehrzügen. Später wurde mir zugetragen, dass es sich um einen Oberleitungsschaden handelte, der Lärm von einer defekten Hochspannungsleitung rührend.
Mein Hamburgabenteuer, mit einem Peng beendet, war auch sonst vorwiegend auditiv geprägt. Ein Klavierkonzert, gespielt von einer mir persönlich bekannten Pianistin, ein Ausstellungsbesuch in der Kunsthalle, der mit viel Lärm daherkam. Ho Tsu Nyen fasst Zeit in optische und akustische Formen unterschiedlichster Art. Die eigentliche Interpretation seines Werkes überlasse ich denen, die das besser können. Mich hat die Ausstellung zu Beginn zwar aufgrund des Lärms herausgefordert, als ich mich mit Ohrstöpsel bewaffnet aber darauf einlassen konnte, auch tief beeindruckt. Und dann lauschte ich nach langer Zeit den Erzählungen eines Menschen, der mir zuvor nur selektiv bekannt war. Für meine derzeitig eingeschränkte Aufnahmekapazität hörte ich ziemlich lange seiner und meiner eigene Stimme zu, genau genommen einen ganzer Nachmittag lang. Wären wir Beide nicht dem Alkohol abgeneigt, würde ich mich mit Herrn Buddenbohm durchaus gerne mal betrinken. Nicht dass ich Betrinken als eine erstrebenswerte Aktivität ansehe. Vielmehr ist es als Kompliment zu verstehen, das die Vertrauenswürdigkeit meines Gegenübers versinnbildlicht. Ausserdem bin ich immer neugierig, wie sich ein Mensch mit zunehmend durchlässiger Kontrollinstanz wohl verhielte.
Zuhause erwartete mich dann noch eine ganz wunderbare Überraschung. Einige sehr persönliche Zeilen, ein großes Kompliment und Lob über ein Ereignis, das vor mehr als zehn Jahren stattgefunden hat und das meine Kernkompetenz Klugscheissen betraf. Ich hätte nicht gedacht, dass ich damals einem jungen Menschen damit habe weiterhelfen können. Jedenfalls sitze ich jetzt im Sessel in München und finde keinen Schlaf. Wie auch? Der Kopf hat Stoff für Wochen. Leider ist die ein oder andere gute Idee bereits hinten runtergefallen. Ich erinnere mich noch genau an die Farbe des Milchschaumes in meiner Tasse, Herrn Buddenbohms Jackett mit dem Einstecktuch und meine Parallelgedanken. An seine Aussage kann ich mich nicht mehr erinnern, auf die ich erwiderte „muss ich mal drüber nachdenken“. Ein einziger Knall hat meinen kompletten Arbeitsspeicher gelöscht. Muss ich morgen mal in der Wolke suchen gehen.