In zwei Tagen jährt sich wieder die Zerstörung der Twin Towers. Auch nach 25 Jahren können sich viele erinnern, was sie an diesem Tag gemacht haben. Als die Nachrichtenbilder der brennenden Türme über die Schirme flirrten, befand ich mich gerade in einer Schulung. Am nächsten Tag sollte ich nach New York fliegen. Der Flug wurde natürlich abgesagt. Seitdem hat sich in der Fliegerei viel verändert. Nicht nur wurde der Zugang zum Cockpit erschwert, auch die Schulungen im Hinblick auf terroristische Anschläge veränderten sich.
Ich erinnere mich noch gut an die Zeit davor, als wir die Kabine persönlich klar meldeten. Ohne Klarmeldung kein Start und keine Landung. Denn wenn nicht alle Passagiere angeschnallt, alle Boxen verstaut und verknebelt sind und die Fluchtwege frei, kann eine reibungsfreie Evakuierung nicht gewährleistet werden. Nicht nur einmal hat sich ein Container gelöst und ist mit lautem Getöse hinter dem Cockpit auf den Boden geknallt, was die Pilotinnen schnell mal zum Abbruch veranlaßt. Auch die Türen der Trolleys sollten geschlossen sein, wenn die Tabletts nicht durch den Neigungswinkel oder Abbremsen auf dem Boden in Eingangsbereichen herausfallen und eine riesige Sauerei hinterlassen sollen. Das ist alles schon passiert. Müdigkeit macht vor Routine keinen Halt.
Jedenfalls war es Usus, wenn alles gesichert ist, als Kabinenchefin ins Cockpit zu treten, den Funkverkehr oder das Checklistenlesen abzuwarten und in einem günstigen Moment mit dem Daumen nach oben sowie den Worten Kabine ist klar! den Abschluss der Überprüfung zu melden. Lange erzählte man sich intern eine Anekdote von der japanischen Flugbegleiterin, die man zur Chef de cabine ausbildete, die aber aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds ihre Position als den Flugzeugführenden untergeben und somit weniger respektabel erachtete. In Folge vermied sie es, das heilige Cockpit für die Klarmeldung zu betreten. Entweder meldete sie überhaupt nicht klar oder nur bei Nachfrage. Man sprach mit ihr und verdeutlichte die Wichtigkeit dieser Meldung im Arbeitsablauf. Fortan öffnete sie die Türe, blieb auf der Schwelle stehen und schrie mit schriller Stimme Kabine klar! hinein, während die Flugzeugführenden, hochkonzentriert auf ihre Vorbereitungen, jedes Mal fürchterlich erschraken. Das war das Ende der Aufstiegschancen auf der Karriereleiter regionaler Flugbegleitender.
Auf Kurzstreckenflügen blieb die Cockpittüre schon mal geöffnet, was einige meiner Arbeitsschritte erleichterte. Zwei Becher heißer Kaffee transportieren sich leichter, wenn man keine freie Hand zum Öffnen einer Türe braucht. Den Passagieren hat der Blick nach vorne immer gefallen. Nach Nine-eleven, wie das weltbewegende Ereignis in der Fliegerei abgekürzt wird, gab es reichlich Überlegungen, wie man Passagiere am Betreten des Cockpits hindern könnte. Die Türe wurde verstärkt, Vorschriften geändert und zum Öffnen von aussen ein Pincode eingeführt. Das klingt für Fußgänger erst mal logisch. Wenn man aber weiß, dass die Türe der erste Fluchtweg der Pilotinnen bei Crash ist und sich auch zum Fall der Fälle, beispielsweise bei Verkeilung, etwas ausgedacht werden muss, sieht die Sache schon anders aus. Und dann gibt es ja noch die ganz profanen, menschlichen Notfälle. Eine Pilotin oder ein Pilot muss auch mal auf’s Klo, braucht mal Nahrung oder muss aus anderen Gründen nach hinten. Die Regel: sobald sich Passagiere an Bord befinden, bleibt die Türe zu, ist folglich zu einfach gedacht und nicht strikt umsetzbar.
Manche von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an den damaligen Beschluss der Bundesregierung, bei einer terroristischen Bedrohung mittels Flugzeug eine Abschussfreigabe zu erwirken. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass sich das als fliegendes Personal scheiße anfühlt. Es erinnert an das allseits bekannte Trolley-Problem. Ist es moralisch vertretbar, ein paar wenige Menschen zu töten, um eine wesentlich größere Personenanzahl zu retten oder ist das gleich verwerflich? Wenn man dummerweise zur kleineren Gruppe gehört, sieht die Sache nämlich schon anders aus. Bei Sicherheitsvorfällen, beispielsweise wenn Passagiere randalieren, und da muss noch nicht mal eins gewaltsam versucht haben, ins Cockpit einzudringen, steigen über amerikanischem Boden Kampfjets auf. Die begleiten das Passagierflugzeug rechts und links in geringem Abstand bis zur Landung. Sollte es notwendig sein, würden die nicht fackeln und schießen. In diesem Fall überlege ich immer als erstes, ob ich morgens mein Geschirr gespült und das Bett gemacht habe. Klare Übersprunggedanken, denn wer erträgt schon die Vorstellung, möglicherweise gleich gewaltsam zu sterben?
Trainingsinhalte wurden dahingehend angepasst, dass man sich nach Nine-eleven mit der Psychologie von Selbstmordattentaten auseinandersetzte. Während man davor von Terroranschlägen ausging, wie beispielsweise die Entführung der Landshut, bei denen Verhandlungsgeschick und Kooperation in gewisser Weise zum Erfolg führen, ist das Ziel von Selbstmordattentaten, ungeachtet des eigenen Lebens möglichst viel Schaden anzurichten. Über genaue Inhalte bin ich, auch aus Eigenschutz, zum Schweigen verpflichtet. Es sei aber versichert, dass wir alle gute Methoden und Procedures an die Hand bekommen, die im Fall der Fälle eingesetzt werden. So sind Crews heute nicht nur dafür zuständig, die Passagiere mit Essen und Getränken zu versorgen, im Notfall Flugzeuge innerhalb von 90 Sekunden vollständig zu evakuieren oder Brände zu bekämpfen, sondern eben auch bei derartig schwierigen Vorfällen einzugreifen. Diese Komplexität bleibt dem ordinären Passagier im Normalfall verborgen. Vielleicht möchten Sie sich aber nochmal kurz überlegen, ob Sie zukünftig eine Flugbegleiterin als Saftschubse titulieren oder über dumme Witze lachen, in denen die blonde Stewardess – auch diese Bezeichnung ist sexistisch und nicht mehr zeitgemäß – in jeglicher Hinsicht für das physische Wohl der männlichen Piloten zuständig sei.
Das obige Zitat stammt übrigens von Künstler Max Beckmann und drückt sehr schön die relative Irrelevanz aus, die einem persönlich tragischen Ereignis innewohnt. Ganz so einfach ist es natürlich nicht aber als Leitsatz fürs eigene Drama auf manche Weise hilfreich. Denn global betrachtet wird doch einiges unwichtiger als es im ersten Moment scheint. Oder wie eine Autorin ihr Buch betitelte: Vom Mond aus betrachtet, spielt das alles keine Rolle. Was wir, nicht nur aber auch, aus den Anschlägen vor 25 Jahren gelernt haben: Menschen sind anpassungsfähig, verdrängen Schlimmes und machen weiter, denn weiter geht es immer. Oder wie das Motto unserer Lesung am 24.10. in München lautet: It ain’t over ‚til it’s over (schamlose Werbung, denn wir haben eine große Halle zu füllen). Und wenn’s vorbei ist, ist es vorbei. In diesem Sinne und in Erinnerung an alle Gewaltopfer, machen wir, die wir noch können, das Beste aus unserem Leben.
Da meine Frau Portugiesin ist, fliegen wir oft und regelmässig nach Portugal. Und unsere Kinder mit uns, seit sie Babies sind. Einmal kam unser Sohn, er muss damals fünf oder sechs gewesen sein, mit der Purserin länger ins Gespräch. Er erzählte leidenschaftlich alles, was er über Flugzeuge wusste. Was eine Menge war.
Beim Ausstieg haben wir uns Zeit gelassen. Da hat die Purserin für ihn die Cockpit-Tür aufgemacht, und er durfte durchlugen und den Piloten Hallo sagen. Das hat ihm die Sprache verschlagen, und ehrlich gesagt mir auch. Ein „Danke“ hat er hingekriegt. Ein verwackeltes Foto gibt’s von diesem Augenblick, wie er hineinlugt.
So wie ich Dich verstehe, war das wahrscheinlich nicht ganz so regelkonform. Umso dankbarer bin ich der Purserin für diesen Augenblick.
Wenn man nicht gerade in die USA oder Kanada fliegt, geht so ein Cockpitbesuch am Boden schon. Es kommt immer auf die Piloten an und die Zeit. Wenn bis zur Umkehr des Fliegers genug Puffer liegt, gibt’s auch mal Bilder von den Sprösslingen auf dem CoPi-Sitz.
Ich hab‘ mal nen Neunjährigen nach vorne bugsiert, der das wollte, während der Cpt das eher nicht wollte. Auf die Frage vom Chef, ob es denn sein erster Cockpitbesuch sei, antwortete der Bengel betont cool: nö, ich war schon total oft hier vorne. Tja, die lieben Kleinen.
„nö, ich war schon total oft hier vorne“ — genau das will man auf’s Brot geschmiert kriegen, wann immer man mit diesen Piloten dann zu tun hat. „Getroffen und versenkt.“
Der Sohnemann war wie gesagt sprachlos. Ob es dazu führte, dass die Piloten dies als Desinteresse interpretierten, kann ich nicht sagen. Was ich aber sagen kann: „Schau mal in die Kamera“ hatte Null Effekt. Er war wie hypnotisiert. Deshalb im Foto auch nur sein Hinterkopf.
Die meisten zukünftigen Piloten und Pilotinnen sind anfangs ziemlich still und schüchtern. Wenn sie aber erst mal ein paar Knöpfe drücken durften, hören sie nicht mehr auf zu reden. Ein bedeutsamer Blick vom Cpt und dann muss ich für einen Abschied ohne Tränen sorgen (Spielzeug als Bestechung)
Ich komme