I Got A Ticket

(Fool’s Garden)

In der S-Bahn auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt erklärt ein Kontrolleur dem mir gegenüber sitzenden Paar, dass ihre Fahrkarte nicht korrekt gewählt sei. Notgedrungen höre ich zu. Es ist eine unangenehme Situation, denn die Beiden geschätzten Mittvierziger werden gleich darüber aufgeklärt, dass sie trotz Ticket eine Strafe zahlen müssen. Man stelle sich folgende Situation vor: da ist ein Ehepaar vielleicht irgendwo sehr früh aufgestanden, hat sich in einem fernen Land in ein Flugzeug gesetzt, ist nach einer durchflogenen Nacht in München gelandet, will die Bahn nicht ohne gültiges Ticket besteigen und scheitert am unübersichtlichen Tarifsystem der MVG.

Derartige Beobachtungen mache ich nicht zum ersten Mal. Der Kontrolleur reagiert respektvoll, fragt nach der bevorzugten Sprache und erklärt, als man sich auf deutsch einigt, dass dieses Ticket nur bis 21 Jahre gelte, man es aber an einem Serviceschalter im Bahnhof erstattet bekäme, wenn man die Strafzahlungsquittung vorlege. Der Mann zahlt und merkt währenddessen an, dass ein Paar aus dem Vierer dahinter einem ähnlichen Irrtum erlegen sei. Der Kontrolleur bedankt sich nach erledigter Arbeit und zieht weiter. Ich merke an, die Tarifbestimmungen im Münchner Verkehrsverbund seien generell verwirrend, nicht nur in ihrem Falle. Die Frau nickt und lächelt, der Mann antwortet. Er habe halt auf Erwachsene gedrückt. Wieso das Ticket nun nicht gültig sei, erschlösse sich ihm nicht. Im Grunde wirken Beide nicht verärgert oder verwirrt, sondern vielmehr gelöst. Sie haben sich mit der misslichen Situation abgefunden. Der Mann beginnt, ein wenig zu witzeln.

Aus Amsterdam kämen sie, antwortet er auf meine Nachfrage. Nein, kein Aufenthalt in Deutschland, kein Deutschlandticket, sie nähmen gleich einen Zug nach Österreich. Die Frau bestätigt seine Aussage durch Nicken und Lächeln. Sie käme aus Italien, er aus Holland, die Verwandtschaft wohne aber in Kufstein. Die werde man nun nach der teuersten Teilstrecke zwischen Flughafen und Stadtrand in Tirol besuchen. Vielleicht die Strafquittung im silbernen Rahmen als Gastgeschenk? Es sei jedoch ein sehr teures Mitbringsel. Wir unterhalten uns noch eine Weile bis Ostbahnhof, denn da müssen die Beiden aussteigen. Mir scheint, die Rollenverteilung ist sehr eindeutig: er spricht, sie nickt und lächelt. Jedenfalls kommentiert sie die ganze Konversation kein einziges Mal, obwohl ich meine Fragen immer wieder an sie richte.

Drei Menschen von der Sitzgruppe nebenan schauen immer wieder interessiert herüber. Sie scheinen das Gespräch zu verfolgen. Ja, normalerweise spricht man in der S-Bahn nicht mit Fremden. Auch wirkt die gute Laune des Holländers ansteckend. Ich muss an meine alte Freundin K. denken, die auf diese Weise immer wieder Menschen kennenlernt und neue Freundschaften gewinnt. Jemanden auf der Straße, im Museum oder Kino, im Konzert oder beim Einkauf ansprechen und sehen, wohin das Gespräch verläuft. Wenn ich in Zivilkleidung mit den Öffentlichen fahre, habe ich das schon öfter getan. Auf diese Weise unterhielt ich mich bereits mit einer dänischen Konzertviolinistin, einem amerikanischen Ehepaar, einer französischen Familie und ein paar weiteren Menschen, die mir auf irgendeine Weise auffielen.

Ich finde ja, wir sollten alle viel öfter miteinander reden. Denn wenn wir reden, stellen wir Gemeinsamkeiten fest. Und aus Fremden werden Mitmenschen. Beobachten wir uns nur gegenseitig mit schätzendem Blick, sucht das Gehirn automatisch nach Unterscheidungsmerkmalen im Vergleich zu sich selbst. Wer den Gedanken weiterspinnt, wird schnell merken, worauf ich hinaus will. Wir können nicht ohne einander, folglich sollten wir lernen, das Miteinander zu wollen.

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