I’m Not Okay

(Billie Eilish)

Seit geraumer Zeit beobachte ich an mir eine seltsame Entwicklung. Zunächst fiel mir nur bei einem Besuch auf dem Edgetower auf, dass ich in der Höhe weiche Knie bekomme. Noch letzte Woche behauptete ich, nicht von Höhenangst betroffen zu sein, doch heute fand ich mich recht schwankend auf einer schmalen und vor allem hohen Treppe neben dem Guggenheimmuseum in Bilbao wieder. Und es gibt noch einiges andere, was für Menschen, die sich selbst als normal bezeichnen, an mir recht seltsam scheinen muss.

Dass ich recht sensibel auf Einflüsse aus meiner Umgebung reagiere, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Ein hoher Geräuschpegel, grelles Licht oder ungewöhnliche Menschendichte schlägt in meinem inneren Equilibrium so heftig aus wie eine Schiffschaukel kurz vor dem Überschlag. Trigger für eine starke Aktivierung des Sympathikus, mit dem dann entweder die Flucht oder unterschiedlichste Kampfformate initiiert werden, sind aber, wie jüngst konstatiert, nicht nur negative Auslöser. Selbst eine so schöne Sache wie Vorfreude oder inniges Vermissen führen zu völliger Übersteuerung meiner Reizamplitude. Wo in Liebesliedern rosa getöntes Licht und Schmetterlinge im Bauch auftauchen, habe ich schon Kamikazebomber im Anflug bei Stroboskopbeleuchtung. Alles nicht besonders vertrauensfördernd bei einem zarten Pflänzchen wachsender Interaktion.

Weil alles zwei Seiten hat, ist für mich in Bezug auf Wahrnehmung aber auch ein Schmankerl drin. Ich bekomme sehr viele Informationen frei Haus geliefert, die anderen möglicherweise entgeht. Und dann öffnet sich ein mit Worten unzureichend beschreibbarer Raum, in dem die Magie lebt und die Ahnung von etwas Größerem. Das passiert mir gelegentlich bei moderner Kunst, die ich weder rational verstehe noch erklären kann. Gerade war ich im Guggenheimmuseum in Bilbao. Die Installationen von Richard Serra haben es mir angetan. Große Stahlplatten, in Ovale oder Wellen geformt und begehbar. Ich ging bereits im Flughafen Toronto mitten durch seine dortige Installation. Sie verändern die Wahrnehmung von Klang und Raum aber auch jene zwischen Selbst und Umgebung. Für klaustrophobische Menschen ist das übrigens nix. Die anderen finden sich beim Hineinwandern irgendwann in einem Kern geborgen.

Diese Erfahrung ist übrigens im gesamten Gebäude erlebbar, denn das Guggenheim scheint sich trotz Stahl und Metall an seine Kunstwerke anzuschmiegen. Leider macht das hohe Besucheraufkommen das Erlebnis schon bald zunichte. Denn wenn ab 11 Uhr lärmende Schulklassen durch die Halle rennen, wird der Aufenthalt zur Grenzerfahrung negativer Art. So war ich innerhalb kürzester Zeit von Eindrücken gesättigt und mental erschöpft. Das steigerte sich in Aggressivität und Menschenhass. Meine neueste Bildserie werde ich „Menschen in Museen“ nennen und ist denen gewidmet, die sich stets direkt vor einem Kunstobjekt oder der zugehörigen Beschreibung platzieren, die laute Konversation betreiben, in denen sie ihrer Unkenntnis über die Materie ganz allgemein Ausdruck verleihen und die Kunst nur als bildungsbürgerliches Statussymbol konsummieren, darüber urteilen, sich aber nicht darauf einlassen wollen.

Auch am heutigen Tag bin ich überaus erschöpft aber noch immer von Erinnerungen beseelt. Das ist quasi mein persönlicher Kunstkater: einerseits leide ich unter den Schmerzen der Überstimulation, andererseits war das ne richtig geile Party, deren Erinnerungsfetzen mich heute noch kichern lassen und staunen ob der eigenen Courage. Und dann gab es noch Umstände, die ich nicht besser hätte arrangieren können – eine Reminiszenz an meinen letzten Eintrag über Synchronizitäten. Vielleicht ist das eine Überleitung zum Panpsychismus, die mir dort noch fehlte.

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