Nicht nur, aber auch wegen des kühlen Raumes, war ich gestern, wie zuvor angekündigt, im Kino. Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war, ein unbedingt empfehlenswertes Portrait der Schriftstellerin, dargestellt und über die Länge des gesamten Filmes alleine getragen von Sandra Hüller, der Meryl Streep der deutschen Schauspielkunst. Bitte entschuldigen Sie, falls dieser Vergleich bereits gezogen wurde, doch wirkt sie in jeder Rolle, die sie darstellt, so authentisch, so wenig sie selbst wie nur irgend möglich, während sie sich die verkörperte Charaktere zu eigen macht. Die Verwandlung zur Lyrikerin geschieht langsam, behutsam und nachvollziehbar. Regisseurin Regina Schilling lässt das Publikum daran teilhaben. Alles, was Sandra Hüller braucht, ist eine Perücke. Zwischen den beiden Frauen existiert eine leichte Ähnlichkeit, auch ist Hüller etwa so alt wie Bachmann zum Zeitpunkt ihres Todes. Die Metamorphose ist vollzogen, wenn die Schauspielerin in ihrer eigenen Kleidung ausgelassen zu den gesprochenen Gedanken der Schriftstellerin tanzt. Wir nehmen nur noch Bachmann wahr, hören ihre Stimme, teils von Hüller selbst gesprochen, teils durch Einspielungen alter Aufnahmen angereichert und beobachten ihre Entwicklung zur beeindruckenden, dominanten Persönlichkeit, die sie laut Weggefährten gewesen sein muss.
Von den Männern, die sie als krank bezeichnet, wird Bachmann wegen ihrer künstlerischen Kraft geschätzt, ihrer Wortgewalt und Arbeitswut, aber niemals als Person oder gar als Frau. Sie ist die inspirierende Muse für Max Frisch, der in einem Interview befragt wird, ob es nicht schwierig gewesen sei, mit der komplizierten Bachmann alltäglich zu tun gehabt zu haben. Paul Celan wird gar wegen ihrer männlichen Wirkung von der gemeinsamen Beziehung abgeraten. In einer von Männern dominierten Welt kann sie nur bestehen, weil sie ihre Weiblichkeit ablegt und fortan leugnet. Doch das Sehnen bleibt, als ganze Person wahrgenommen und letztlich angenommen zu werden. Hierin entfaltet sich die ungeheure Wirkung des Portraits, denn schlussendlich nimmt das Publikum als Beobachtende einer brüchigen Persona die Rolle der Bezeugenden ein. Die Verletzlichkeit, die ehedem nur in ihrem Werk sichtbar werden darf, hat einen Körper bekommen. Ihre Existenz, abgelöst von männlich definierten, funktionalen Rollen, erfährt durch die menschliche Darstellung posthum jene Befreiung, die ihr zeitlebens verwehrt geblieben ist.
Sie ist mir sehr nah, diese Ingeborg, auch noch als ich das Kino verlasse. Ihr Leben, das zwischen 1926 und 1973 stattfindet, kann genauso gut heute gedacht werden. Die Beschäftigung mit Bachmann ist neu für mich, doch ihre Charakteristika und Idiosynkrasien übertragbar. Sie muss schreiben, um zu leben, wie sie selbst sagt, weil sie im Leben nicht alle Anteile leben darf. Vielleicht ist es das Opfer, das sie als Schriftstellerin der Welt schenkt und das ihr Dasein überdauert.