Es gibt da ein unerquickliches Partyspiel für Leute, die nicht viel übereinander wissen. Man fordert das Gegenüber auf bzw. wird aufgefordert, das jeweilige Alter zu erraten. Unerquicklich ist es, weil man bei zu hoher Schätzung als unhöflich gilt, und deswegen pauschal nach unten korrigiert. Einer übersehenen Stolperfalle in Bezug auf Altersschätzung sollte man sich zudem bewusst sein. Um die geht es im Folgenden.
Auch innerhalb der Crew wird das Spiel gerne während langweiliger Nachtwachen angezettelt. Meist versuche ich mich beizeiten in Geschäftigkeit zu flüchten. Wenn ich aber einen neuen Kollegen nach seinem Alter frage, so geschieht dies aus Gründen der Einschätzung seiner beruflichen und Lebenserfahrung. Wenn der 19 Jährige seine Chefin, etwa Mitte 30, im Gegenzug mit der Aussage überrascht, ich könne seine Mutter sein, dann mag er rein rechnerisch richtig liegen, überschreitet aber die üblichen Konventionen. Und der sehr junge Kopilot, der einen Witz über mein Alter machte, hatte nicht mit meinem Kontra gerechnet: „Sag mal, weiß eigentlich Deine Mutti wo Du bist?“ Wir konnten beide nur mäßig drüber lachen. Man erkennt, welch rutschiger Abgrund sich in gewissen Situationen auftut. Schon Knigge wusste das, als er empfahl, eine Dame nicht nach ihrem Alter zu fragen.
Warum aber ist es so schwierig, das Alter einer Person zu schätzen? Abgesehen von der Tatsache, dass Krankheit und Anstrengung sich körperlich abzeichnen, haben wir nicht sonderlich viel mehr Anhaltspunkte als die Tiefe der Stirn- und Zornesfalten. Das eigentliche Problem aber liegt in der Referenz. Denn jeder Mensch geht in fast allen Dingen von sich aus. Der Vergleich mit dem eigenen Aussehen verläuft sehr subjektiv. Selbst wer sich jeden Tag im Spiegel betrachtet, hat ein inneres Bild von sich, das nicht zwingend den Tatsachen entspricht. Man kann es an Portraits feststellen, auf denen man sich mit großem Abstand anders beurteilt als kurz nach ihrer Entstehung.
Es verhält sich sehr ähnlich zum Eindruck des sich jünger Fühlens. Ausser bei zeitweiligen körperlichen Einschränkungen, fühlt sich kaum jemand älter als das Geburtsdatum vorgibt. Wir kennen uns selbst in jeder Altersversion, doch die Erinnerung an das jüngere Selbst gleicht sich nicht kontinuierlich an die Tatsachen an. Da gibt es keine automatische Kalibrierung im System Mensch, da bleibt die Messnadel hängen. Und so stecken wir in einem Selbstbild fest, das grob zehn Jahre nachgeht. Deswegen finden wir auch, wir würden um so viel jünger wirken als wir tatsächlich sind. Das Spiel Altersschätzung erfreut sich so hoher Beliebtheit, weil wir unseren Eindruck gerne von anderen bestätigt sähen. Die Mitmenschen runden freundlich ab und zack, da ist der Beweis, dass man sich nicht täuscht.
Die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild beschäftigt Menschen seit langem. Nicht nur in Altersfragen weicht der persönliche Eindruck vom äusseren oft gravierend ab. Einen blinden Fleck besitzen wir alle. Etwas, das wir an uns selbst nicht mögen oder nicht wahrhaben wollen und deswegen verdrängen. Den aufmerksamen Mitmenschen bleibt es aber nicht verborgen. Dagegen können wir uns noch so sehr wehren, da spielt uns das Gehirn einen Streich. Nicht nur deshalb ist die soziale Interaktion so wichtig, denn die Mitmenschen spiegeln uns die unbeliebtten Eigenarten wieder. In der höflichen, distanzierten Version sprechen sie es nicht direkt an, sondern drücken es durch Verhalten aus. Wer gute Freundschaften pflegt, bekommt die Wahrheit hoffentlich in gut kaubaren Portiönchen gefüttert. Und dann liegt es an uns, ob wir daran etwas ändern wollen oder uns neue Freunde, Partner und Lieblingskollegen suchen. Persönlich schätze ich ehrliche Hinweise sehr, denn die Wahrheit zu sagen, ist immer schwieriger als eine Lüge. Manchmal kratzt es ein bisschen am Ego. Danach steht der Elefant im Raum, groß, grau und Zielscheibe aller Augen.
Die Natur hat es glücklicherweise eingerichtet, dass sich Gleichgültigkeit in umgekehrt proportionaler Weise zur Eitelkeit verhält. Wenn die höheren runden Zahlen mal überschritten sind, treten bestenfalls charakterliche Eigenschaften in den Vordergrund. Aus diesem Grund tut man gut daran, sich rechtzeitig um die inneren Werte zu kümmern. Denn wer weder das eine noch das andere hat, braucht eine Menge Kohle, um sich auf irgendeine Weise zu profilieren. Kleiner Scherz. Selbsterklärend dockt, einmal infiziert, das Egalvirus in allen Lebensbereichen an, woraus sich wiederum große Freiräume ergeben. Eigentlich müsste hier jetzt ein sinniger Schlußsatz folgen oder eine Pointe. Wissen Sie was? Ich bin so alt, dass ich mich in besagten Freiräumen wohl fühle. Denken Sie sich an dieser Stelle einfach selber was aus.
Überstanden ist das Spiel bei Erreichen eines Alters, in dem man das schiere Fortleben als Leistung vor sich her trägt: „BI JA SCHO DREIADACHZG JOHR!“
Stimmt. Das hatte ich völlig übersehen. Ich bewege mich nicht so häufig in dieser Altersgruppe. Freundin (81) meint, Entwicklung sei aber immer noch drin.
Durch die jahrzehntelange Depression und die Fatigue fühle ich mich älter, als der Ausweis behauptet, daß ich sei. Bei gewissen Schwellen fragen so viel mehr Leute nach, was mir am Samstag zum 60. passierte. Schön aber auch, von den einstigen Kolleginnen endlich ernst genommen und eingemeindet zu werden: ‚Zahlen sind etwas für Buchhalter. (…) Mögen deine kleinen, aber auch großen Erwartungen für die kommenden Jahre in Erfüllung gehen. Auf zur nächsten runden Zahl mit uns gemeinsam‘.
Dankeschön