Keep Breathing

(I. Michaelson)

Der Cursor blinkt einsam im geöffneten Schreibfenster. Worüber soll ich schreiben? Meist weiß ich es genau, wenn ich auf „neuer Beitrag“ klicke. Dann tippe ich drauf los, während sich mein Gedankenstrang formt. Am Ende ist das Thema nur eine Anlehnung an das, wovon ich ursprünglich berichten wollte. Eigentlich schön, denn da entsteht etwas im Augenblick und nicht schön, weil die offene Idee immer noch irgendwo im Kopf herumschwirrt. Lose Enden, die nirgends anknüpfen wie ein Puzzleteil, das seinen Platz im Bild noch nicht gefunden hat.

Nach wie vor taste ich mich heran an das Leben vor der Türe. Einkaufen gehen, Verpflichtungen nachkommen aber auch ein Nachmittag in einer Ausstellung, ein Verwandtenbesuch mit kleinen Kindern, die meine Anwesenheit ganz selbstverständlich für Spielen, Vorlesen und um mich Herumhüpfen nutzen. Am Abend bin ich froh über die Stille in meinen vier Wänden. Ich merke, wie sehr mich meine frühere Normalität jetzt Kraft kostet. Vorhin war ich seit Monaten zum ersten Mal wieder im Tanztraining. Auf dem Weg zur Schule spürte ich die steigende Anspannung. Am liebsten wäre ich wieder umgekehrt. Als ich das Gebäude betrat, war mein Überdruckventil geöffnet. Nach einer Weile überwog die Konzentration auf gewohnte Bewegungsabläufe. Ein alter Trick, sich in die Gegenwart zurückzuholen, indem man sich auf Dinge konzentriert, die nichts mit dem inneren Tumult zu tun haben, Rechenaufgaben lösen, auf der Stelle springen oder einfach nur atmen.

Am Ende des Aufwärmtrainings war der Plan, den Saal noch vor Beginn der Choreographie zu verlassen, doch der Lehrer stieg ohne Pause in weitere Übungen und Diagonalen ein. Die Unterrichtsetikette schreibt vor, das Studio während Erklärungen oder Exercices nicht zu betreten oder zu verlassen. Also harrte ich bis zum Ende der laufenden Übung in der hinteren Ecke aus. Eine andere Schülerin hatte den Raum für einen Toilettengang verlassen und kam mir auf dem Weg zurück entgegen. Die Frage, ob alles okay sei, überforderte mich, der Moment, in dem eine verbale Reaktion angemessen wäre, verstrich ungenutzt. Ich blieb stumm. Eine simple Frage, eine soziale Interaktion, an der ich scheiterte und dissoziierte, meine Sicherung durch zu hohe Gedankenspannung durchgebrannt. Wahrscheinlich fand sie mein Verhalten in diesem Augenblick mindestens unfreundlich, wenn nicht gar arrogant. Wenige Minuten später war ich wieder voll da und erschrak. Was war das denn? Wird es wieder oder bleibt das jetzt so?

Darüber Nachdenken führt nicht weiter. Es hilft aber die Gewissheit, dass ich mich einem anvisierten Ziel in kleinen Schritten annähere. Nicht alles auf einmal wollen, sich an dem freuen, was funktioniert und die Grenzen jeden Tag ein klitzekleines Bisschen dehnen. Nächste Woche besuche ich ein Klavierkonzert. Musik gespielt von einer Pianistin, die ich gut kenne, und auch die Stadt ist mir bereits von früher bekannt. Die Herausforderung liegt dann nicht im Verlassen meiner gewohnten Umgebung, sondern in der zeitlichen Ausprägung. Ich habe viel Puffer eingeplant, um mich vorzubereiten. Soziale Interaktionen, bei denen es nicht um mich, sondern eine andere Person oder Sache geht, sind leichter zu bewerkstelligen. Die automatische Frage „wie geht es Dir?“ werde ich künftig völlig aus meinem Smalltalkarsenal löschen, denn die lässt keinen Spielraum zwischen Lüge und Wahrheit. Es gibt weitaus zielführendere Fragen, mit denen man sich für eine Konversation warmlaufen kann. Am Ende zählt nur eines: gegenseitiges Wohlwollen. Es reduziert nicht nur für Introvertierte oder Depressive merklich die Anspannung in sozialen Interaktionen, es tut allen gut. Morgen übe ich das mal auf der Straße.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner