Killing Me On My Feet

(John Hammond)

Als sei ich nicht lernfähig, ziehe ich morgens die hohen Schuhe zur weiten Hose an, denn Stil ist nicht verhandelbar. Zudem führt meine Verbindung mit den Öffentlichen quasi von Haustüre zu Haustüre. Was soll schon schieflaufen? Die Meldung von einer Stellwerkstörung erreicht mich so rechtzeitig, dass ich meinen Weg zum Flughafen noch umplanen kann. Nehme ich halt die östliche Verbindung statt der nach Westen. Zwei Stationen vor dem Ziel kommt eine Durchsage, dass die Störung auch diese Verbindung unterbricht. Es ist Ersatzverkehr eingerichtet. So stehe ich mit hundert anderen Menschen inklusive Koffern an einem Busbahnsteig. Sie rempeln und sind auch sonst reichlich unaufmerksam gegenüber anderen. Wegen aufsteigender Panik entscheide ich mich für ein Taxi. Den Termin kann ich jetzt ohnehin nicht mehr pünktich einhalten. Andererseits wird es denen, die mich erwarten, ähnlich ergehen.

Der Taxifahrer, ein dunkelhäutiger junger Mann berichtet von einer Familie, deren Transport er wegen eines fehlenden Kindersitzes ablehnte. Daraufhin wurde er vom Vater mit dem N-Wort beschimpft. Er erzählt von täglichen rassistischen Angriffen. Einmal sei er einem Fahrgast am Flughafen hinterhergelaufen, weil die Kartenzahlung misslang. Plötzlich erschien die Bundespolizei, da ein durch die Abflughalle rennender Dunkelhäutiger gemeldet wurde. Die Polizei hielt ihn fest, denn ausweisen konnte er sich nicht. Seine Papiere lagen im Taxi. Erst nach vielen Fragen durfte er unter Begleitung wieder zurück zum Auto. Seine Geschichte passt zu Erzählungen meines Freundes, der an der Musikhochschule viele ausländische Studierende unterrichtet. Ein paar leiden unter Angststörungen. Ständig auf der Hut sein, ständig potentielle Gefahren wittern und abwehren. Der brasilianische Bassist kann davon genauso ein Lied singen wie die Pianistentochter vietnamesischer Eltern. Ihr Nervensystem befindet sich permanent in Aufruhr, vor Auftritten genauso wie auf der Straße. Das zehrt ganz gewaltig an ihrer Energie. Dem Taxifahrer sage ich, es täte mir leid. Ich kann’s nicht gut machen aber ich kann zuhören. Wenn er wüsste, wie gut ich mich mit innerer Aufruhr auskenne. Er fragt, ob es früher auch so schlimm war. Ich überlege kurz, denn Rassismus gab es schon immer. Der Unterschied zu früher liegt wohl darin, dass sich jene mit starken Meinungen jetzt viel ungehemmter verhalten.

Auf dem Rückweg steht das SEV Taxi schon an der Bushaltestelle bereit. Ich steige zu einer kleinen Reisegruppe auf dem Weg zur nächsten Station, von der die S-Bahn nach 20 Minuten Wartezeit abfährt. Kurz vor dem Hauptbahnhof kommt die Durchsage, dass soeben im Hauptbahnhof ein Feueralarm ausgelöst wurde und die Haltestelle entfällt. An der nächsten Station wechsle ich in die Gegenbahn und fahre zwei Stationen zurück. Dort laufe ich zur Trambahn und nehme vier Stationen später einen Bus. Es regnet in Strömen, meine Füße tun weh und die Laune ist dementsprechend mäßig. Insgesamt war ich eine Stunde länger unterwegs als ich normalerweise für die Wegstrecke brauche. Immerhin war der wichtige Termin nicht ganz so unerquicklich wie beim letzten Mal. Aber die Füße, die mögen diese hohen Schuhe nicht. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich mit Schuhen jeglicher Höhe viele Kilometer problemlos zurücklegte. Noch bin ich der Meinung, es läge nicht am Älterwerden, sondern am fehlenden Training. Balletttraining stärkt die Fußmuskulatur, doch meine Füße erinnern das letzte Training nicht mehr. Ein Holzmassageroller liegt ungenutzt unter meinem Schreibtisch, und auf Zehenspitzen Zähneputzen fiel der Faulheit zum Opfer. Man könnte so viel tun, die Zeit so gut nutzen. Kniebeugen während man wartet bis das Wasser kocht, vor und nach jedem Klogang eine Liegestütze einbauen, im Nu wäre man wieder fit.

Mindestens ein Nutzer bewertet meine Füße mit nur einen Stern, zudem haben Kunden, die diese Füße benutzen, auch Einlagen gekauft. Meine Erfahrung mit Orthopädietechnik ist unter dem Label demütigend abgespeichert. Wenn der gute Mann mir die Einlagen nicht an meine Schuhe anpassen möchte und stattdessen rät, eine Nummer größer oder gleich flaches Schuhwerk zu erwerben, hat der meiner Ansicht nach seinen Beruf verfehlt. Schon meine Kleidungsgröße schwankt seit fünf Jahren zwischen drei Größen hin und her, was zu Beginn Neuerwerb und großzügiges Aussortieren nach sich zog. Das muss bei den Schuhen nicht auch noch sein. Mützen und Schals passen aber alle noch. Immerhin.

Nachts werde ich seit ein paar Wochen von üblen Krämpfen in diversen Muskelgruppen heimgesucht. Die in den Zehen sind zwar nicht die schmerzhaftesten aber ganz ohne Boden- oder Wandkontakt schwer zu lockern. Noch tröste ich mich mit der Tatsache, dass mir bisher schlimmere Rückenschmerzen erspart geblieben sind. Dieser, mein Körper leistet im Allgemeinen, abgesehen vom wirklich schlechten Sehvermögen ab Werk, gute Dienste. Ein unzufriedener Mensch findet Mängel, ein zufriedener Dankbarkeit. Deshalb bin ich dankbar für das, was gut funktioniert. Beispielsweise bin ich immer noch extrem beweglich, kann mir meine Schuhe bei gestreckten Knien binden und komme ohne größeren Balanceakt in die Socken. Das ist doch auch schon was.

In Bezug auf Partytricks kann ich einäugig Schielen und habe noch eine Merkwürdigkeit in der Hinterhand: die Ohren taub stellen. Nein, das ist nicht nur eine Floskel, das geht wirklich. Der Musculus stapedius im Mittelohr, auch Steigbügelmuskel genannt, ist der kleinste Körpermuskel, der im Normalfall nicht willentlich anzusteuern ist. Über einen Reflexbogen aktiviert, schützt er das Ohr vor Schädigung durch zu hohen Lärmdruck. Bei auftretendem Lärm kontrahiert der Muskel zeitverzögert und verhindert das Mitschwingen des Steigbügelknöchelchens. Die Autoindustrie nutzte dieses Wissen, indem sie Sensoren verbaute, welche kurz vor einem Unfall einen erhöhten Geräuschpegel auslösen. Auf diese Weise aktivert sich der Stapediusreflex rechtzeitig vor dem Aufprall und beugt Trommelfellschäden vor. Ob diese Funktion noch verbaut wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls gibt es eine Handvoll Menschen, die diesen Muskel aktiv kontrahieren können, mich eingeschlossen. Beispielsweise kann ich Sirenenlärm oder unangenehme Stimmen damit ausblenden. Es hört sich an wie ein Rauschunterdrückungssystem, von Manchen als rumble beschrieben, ist von aussen nicht sichtbar aber auf Dauer ein bisschen anstrengend. Für Interessierte existieren vielfältige und frei zugängliche Studien im Netz über den Stapediusreflex in Zusammenhang mit Tinnitus, sowie seine Nähe zum Tensor Tympani Syndrom. Noch bin ich nicht ganz durch mit dem Thema, deshalb hier keine Verlinkungen.

Manches Mal muss man sich taub stellen und verletzende Äusserungen stummschalten. Manchmal braucht es eine große Dosis Ignoranz, wenn nichts anderes mehr hilft. Einflüsse von aussen wie Regentropfen an sich abperlen lassen, und die mentale Unversehrtheit schützen, bevor sich alles körperlich auswirkt. Und dann gibt es Menschen, die wirken wie ein Sonnenstrahl. Man fühlt sich sofort von ihrer Ausstrahlung angezogen. Einen kurzen Augenblick der Wärme für andere herstellen, ein freundliches Wort, ein Kompliment, ein Lächeln, das ist auch ganz ohne großen Aufwand möglich. Scheiß auf Regen und schmerzende Füße. Das kann ich wegpacken, wenn es Menschen gibt, die trotz täglicher Angriffe noch freundlich zugewandt reagieren. Gemeinhin sollte man das Verhalten von Personen nicht in ihren besten, sondern den schlimmsten Phasen beurteilen, um sie wirklich einschätzen zu können. Denn in den schlimmsten Phasen, wenn die Kraft für besondere Manöver fehlt, kommt das Verhalten zutage, das sich eins antrainiert hat oder eben nicht. Gelebte Werte.

Wenn aber eine Frau in hohen Schuhen missgelaunt wirkt, dann verurteilen Sie sie nicht. Die Frau bemüht sich im Auftrag der Ästhetik. Um dem Alltag Schönes zuzuführen, richtet sie ihre innere sowie äussere Haltung mit Hilfe von Absätzen auf und geht als Hoffnungsträgerin schmerzerfüllt durch die Welt. Ich finde, diese Form von Opfer verdient allen Respekt.

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2 Kommentare zu „Killing Me On My Feet“

  1. Durch das viele Lauftraining habe ich eigentlich sehr robuste Füße. Da meine Füße zudem sehr groß sind, habe ich auch statisch keine Probleme mit hohen Absätzen und kann darauf ewig laufen….

    … bis auf Pfingstmontag, wo ich in Düsseldorf weillte und wir beschlossen zu einem Biergarten am Rhein zu gehen. Ich konnte nicht ahnen, dass der geschlagene 6km entfernt ist. Orthopädisch gesehen hat das meinen Füßen nichts ausgemacht. Aber weil es ein warmer Tag war und ich ins Schwitzen kam, hatte ich mich hernach an jedem Fuß wundgelaufen. Zurück dann mit Bus bzw Uber.

    Die Sache mit dem Gehör ist bei mir andersrum: Vor 10 Jahren sind mir Paukenröhrchen eingesetzt worden. Seitdem kann ich eine Sache nicht mehr, die die meisten Menschen können: Wenn wir kauen, dann wird automatisch die Schallübertragung vom Kiefer zum Ohr unterbrochen, damit man beim Kauen weiter hören kann. Wenn ich kaue, dann höre ich es nur Knurpsen und kann nicht mehr verstehen, was jemand mit mir spricht. Ich muss dann eine Kaupause einlegen.
    Es ist erstaunlich, welche Muskeln irgendwo verbaut sind und dass man diese irgendwann bewusst ansteuern kann.

    • Von der Unfähigkeit, interne Geräusche auszuschalten, die über die eustachische Röhre übertragen werden, habe ich auch gelesen, und von einer Operationsmöglichkeit, die ich aber wieder vergessen habe. Es ist ein faszinierendes Feld, das sich einem eröffnet, wenn man in mechanische Körpervorgänge eintaucht, wie es die Schallübertragung zu sein scheint. Dann ist da viel mehr als Schallwellen und Knöchelchen, ein komplex funktionierendes System, das uns ermöglicht, Geräusche nicht nur wahrzunehmen, sondern sie einzuordnen und sogar darin zu versinken.

      (Große Standfläche ist super, verhindert das nach vorne Kippen….-)

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