More Than Rain

(Tom Waits)

Kürzlich wurde ich auf dem Heimweg von einer ehemaligen Kommilitonin mit dem Fahrrad fast umgefahren. Sie wohnt im selben Karrée und schoss aus dem Hauseingang an dem ich vorbeilief. Erkannt hat sie mich nicht, wohl weil sie dort nicht mit mir rechnete. Einst studierten wir in Stuttgart in parallelen Flötenklassen, sie beim beliebten Professor, der all seinen Studierenden durch Beziehungen zu Orchesterstellen in verschiedenen Städten verhalf. Mich mochte er nicht. Ich weiß das, weil er mich einst abwies, als ich um die Aufnahme in seine Klasse bat. Dann gewann ich ein Probespiel für eine Aushilfsstelle im Süddeutschen Rundfunk Stuttgart, in dem er die Position der Soloflöte besetzte. Bei Bedarf hätte ich einspringen sollen, doch das Telefon blieb stumm. Stattdessen sprangen seine Studierenden ein. Am Ende fragte ich ihn, warum überhaupt ein Probespiel angesetzt war, wenn er die Entscheidung dann eigenhändig ausser Kraft setzt. Ja, so direkt und undiplomatisch war ich damals. Mit Ende Zwanzig sei ich zu alt, meinte er. Wofür ich zu alt sei, hat er nicht spezifiziert.

Ich erinnere mich, wie die Kommilitonin und ich zu einem Probespiel nach München anreisten. Seltsamerweise trennten sich unsere Wege an der U-Bahnhaltestelle, in deren Nähe wir inzwischen beide wohnen. Wenn es Zufälle gibt, dann ist das einer der denkwürdigeren Sorte. Als ich herausfand, dass sie hier wohnt, überlegte ich, ob und wie ich den Kontakt aufleben lassen sollte. Allerdings dürften wir nicht mehr viel gemeinsam haben, weshalb ich den Gedanken wieder verwarf. Wenn sie mich das nächste Mal mit dem Fahrrad auf dem Gehweg touchiert, spreche ich sie an. Das dürfte Gemeinsamkeit genug sein.

Vor ein paar Jahren war ich in einer Beziehung mit einem Mann, der im Nirgendwo wohnte. Ein großes Haus, in dem sogar Platz für einen Flügel gewesen wäre, mit Blick auf den Garten und den angrenzenden Wald. Das Dorf besteht aus ein paar Häusern, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen. Ich wurde entweder am Bahnhof abgeholt oder legte die 10 Kilometer mit dem Fahrrad zurück. An manchen Tagen hörte ich aus dem Nachbarhaus Klavierklänge. Da übte jemand auf hohem Niveau. Auch ich übte dort gelegentlich Flöte. An einem schönen Sommerabend waren die Nachbarn zum Grillen eingeladen. Die Klavierspielerin entpuppte sich als die ehemalige Fagott-Kollegin aus dem Stuttgarter Orchester. Ja, die Musikwelt ist klein, aber dass sie so klein ist, hätte ich nicht für möglich gehalten. Fortan begleitete sie mich auf dem Klavier, denn das Instrument war ihre eigentliche Leidenschaft. Inzwischen lebt sie vom Unterrichten. Nach meinem Auszug verlor sich der Kontakt, denn in das Dorf wollte ich wegen schlechter Erinnerungen unter keinen Umständen zurückkehren.

Gestern begann ich das Buch Eine exklusive Liebe von Johanna Adorjàn. Es handelt vom Schicksal ihrer Großeltern väterlicherseits, in Kopenhagen ansässige, ungarische Juden, die sich gemeinsam das Leben nahmen. Lange habe ich mich vor dem Lesen gedrückt, denn ich kenne den Vater der Autorin, einen Flötisten, gut. Vielleicht etwas zu gut. Ich wusste, dass dieses Buch, so hervorragend es geschrieben ist, persönliche Erinnerungen und Ressentiments wecken würde. Aber die Zeit hat sich geändert, und auch Erinnerungen verändern sich mit uns. Vorausgesetzt, man meißelt sie nicht in Stein. Heute ist mein Blick auf die Person, die ich einmal war, wohlwollender. Auch der auf andere Personen, die meinen Weg damals nicht unwesentlich prägten. Heute kann ich den Ärger und den Schmerz von früher loslassen, denn er hat keinen Zweck mehr zu erfüllen.

Heute muss ich mich nicht mehr davor fürchten, die Fehler von damals zu wiederholen, denn heute mache ich neue. Wie wir alle, andauernd. Der Schmerz aber wird zu Verbitterung, wenn sich Erinnerungen nicht verwandeln und von der Zeit in verständnisvollem Licht beschienen. Und am Ende bleibt uns nur das, ein Film bestehend aus aneinandergereihten kürzeren und längeren Episoden, verschieden ausgeleuchtet, mal bunter, mal schwarz-weiß, mal geräuschvoll, mal leise, der zu den unpassendsten Zeiten aus dem Archiv im Kopf abspielt. Am liebsten mag ich diesen Film, wenn er warm und nah ist. Und sehr bunt.

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2 Kommentare zu „More Than Rain“

  1. Ich bin etwas erstaunt. War nicht lange Zeit die Rede von Klarvierspielen gewesen? Und jetzt Flöte … vermutlich beides auf hohem Niveau? – Ein bisschen neidisch bin ich außerdem.

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