Es ist wieder soweit, der Therapietermin steht an. An diesen Tagen ist jegliche Planung darauf ausgerichtet, denn ich weiß nie, wie es mich erwischt, ob da eine Schublade geöffnet wird, die ich schon längere Zeit zugedrückt halte oder ob ich einfach nur bestätigt werde, auf einem guten Weg zu sein. Alle darauffolgenden Tätigkeiten sind auf eventuelle Verwerfungen vorbereitet. Denn wenn ich mich durch den Wind fühle, wenn da zu viel emotionaler Wellengang in mir drin stattfindet, bin ich auch zu einfachen Aktionen wie Einkaufen nicht mehr in der Lage. Meistens vergesse ich die Hälfte und will niemandem begegnen. Mein Bedarf an Menschlichem ist dann bis auf Weiteres gedeckt.
Aber auch vorher befinde ich mich in einer seltsamen Zwischenwelt. Nicht ganz präsent, nicht ganz weg, als ob ich gerade aus einem Traum erwacht sei, mich erst strecken muss und dem Nachspüren, was die Traumbilder in mir ausgelöst haben. Denn wenn man aus einem intensiven Traum aufwacht, schwappt noch jede Menge Zeug im Gefühlscontainer herum, der vom Kopfkino durchgeschleudert wurde. Diese Zwischenwelt ist ein aufschlussreicher Ort. Einmal geöffnet, bietet sie viele Hinweise auf das, was im Wachzustand, also im täglichen Funktionieren, schon auch da ist, man beachtet es nur nicht. Man wundert sich vielleicht, wo dieses komische Bauchgrummeln denn jetzt herkommt oder der Druck auf dem Brustkorb. Da aber nichts so richtig weh tut, kann es so schlimm nicht sein.
Im Grunde hat man Glück, wenn’s wirklich so weh tut, dass es nicht zu ignorieren ist, denn dann ist da ein Leck, das repariert werden muss. Dann meldet die Schaltzentrale, dass da was nicht stimmt. Kontrolllämpchen etc. ich könnte mich ewig in diesen Metaphern ergehen und muss unweigerlich an den sich kürzlich gejährten Tschernobylunfall denken. Seelische Kernschmelze, Kettenreaktion, man kennt es. Instantan wird mir bewusst, was die östliche Lehre mit den schlafenden Menschen meint. Verstanden hab‘ ich’s natürlich schon früher, nur die Intuition dazu hat mir noch gefehlt. Weil wir alle schlafend durch’s Leben gehen, merken wir nicht, was wirklich zählt, was wichtig ist und was uns als Menschen doch ausmacht. Da ich aber gleich den Termin habe, muss auch dieses Thema noch warten.
Heute könnte ich die Bombe zünden. Meine Therapeutin und ich, wir kennen uns seit ungefähr zweieinhalb Jahren. Zu Beginn konnte sie mir noch keinen regelmäßigen Termin anbieten. Nach einer Weile hatte ich so viele Themen, dass ich einen Teil davon der Einfachheit halber ausklammerte. Und weil ich kleiner Peoplepleaser nicht in ihre Ungunst geraten wollte. Altes Schema, bekannt, bricht aber gelegentlich noch durch, vor allem wenn’s wichtig ist. Heute ist unsere Beziehung so gefestigt, dass ich weder in Gefahr laufe, sie zu schockieren, noch auf die falsche Fährte zu bringen. Sie kennt mich besser als jede andere Person, kennt meine Schwächen und Stärken, ist auf meiner Seite und kann auch mit Erzähltem neutral umgehen. Das können oft nicht mal Leute in langjährigen Beziehungen von ihrem Pendant behaupten. Bei Konflikten partnerschaftlicher Art kann die Frage: „Was fehlt Dir, das Du nicht von mir bekommst?“ durchaus aufschlussreich sein. Diese Frage wird aber meist aus Angst umgangen, man könne da eine Schublade öffnen, die nicht mehr zuzudrücken ist. Genau wie Geständnisse der etwas expliziteren Art. Aber ich schweife ab, denn es soll hier um was anderes gehen.
Vielmehr geht es um eine Erkenntnis, die ich während einer Party zum ersten Mai hatte. Eine Person, der ich auf recht eindrückliche Weise etwas angedeihen ließ, das ich nur von der anderen Seite kannte. Das macht mich sehr nachdenklich, um nicht zu sagen es erschreckt mich. Heute keine Details, da muss ich noch einige Zeit darauf rumdenken. Aber es gibt ja Freunde, derzeit an eigenen Themen abarbeitend, und die Therapeutin. Für alles andere funktioniert mein Blog aber gut.