Never Gonna Give You Up

(Rick Ashley)

Es ist mal wieder alles ganz anders als antizipiert. Klar sind auf der re:publica viele Menschen, klar ist es laut, voll, eng. Scheinbar bin ich aber in meiner neuen Realität noch nicht angekommen. Eine Realität, in der ich sensibler, empfindlicher auf meine Umwelt reagiere. Seit ein paar Wochen stelle ich fest, dass nicht nur intendierte Verhaltensänderungen der Gewöhnung unterliegen, sondern auch mein Selbstbild. Dieser Unterordner im Programm Verhaltensänderung hatte noch kein update. Ich lerne, wenn auch langsam und mittels Rückschlüssen aus viel error, dass ich mich selbst nicht mehr zuverlässig einzuschätzen weiß. Denn wo ich mich früher unter Menschen wohl fühlte, ja sogar immer im lautesten Keis mittendrin zu finden war, lösen heute Menschenansammlungen bei mir Beklemmungen aus.

Das neue, fehlerhaft installierte Feature heißt Panikattacke 1.0. Ich kenne und möchte das nicht. Es ist eine neue Erfahrung, eine ziemlich unangenehme, um es euphemistisch auszudrücken. Und während ich auf vielen anderen Gebieten neue Erfahrungen suche, finde ich diese doch sehr befremdlich. Nicht immer alles mitmachen, auch mal aussitzen, mit dem zufrieden sein, was man hat. Wenigstens die Abzweigung weg von den IT Analogien ist damit geschafft.

Am Sonntag dachte ich noch sehr naiv, zugegeben, dass auf der republica wohl eher nicht so viele Menschen seien, denn die wenigen Gruppierungen auf dem Innenhof schienen doch zumindest die Vorhut der Veranstaltung zu sein und das Areal nicht sonderlich weitläufig. Ich überschlug’s im Kopf mit Faktor 10 und war beruhigt. Am Montag wurde ich, quittiert durch bayrische Flüche, vom ersten querenden Vollhorst in der Wartereihe am Einlass stehend über den Haufen gerannt. Umgehend stellte ich meinen Schimpfwortschatz auf lokale Präferenzen ein. Ab diesem Zeitpunkt und für die kommenden drei Tage also nur noch Kinski: „DU DUMME SAU!“

Bei der Eröffnungsveranstaltung war die Hütte bei Bühne 1 voll. Ich kämpfte mich auf die hintere Tribüne, zwängte meine Schritte in die Lücken zwischen auf der Zugangstreppe Sitzende. Als ich dann ganz hinten oben stand, wurde mir schlagartig nicht nur die riesige Menge Anwesender bewusst, sondern auch die Tatsache, dass die, wie ich, mit verstopften Fluchtwegen im Fall der Fälle ja überhaupt nicht mehr schnell genug da raus kämen. Entschuldigung, ich werde seit über 25 Jahren auf den Fall der Fälle geschult. Das kriege ich nicht so einfach aus dem Kopf und schon gar nicht aus dem System. Als dann die aus dem Bauch aufsteigende Erregung meine Kehle erreichte, zwängte ich mich zum Mischpult und von dort die Treppe runter. Die nächsten 15 Minuten verbrachte ich mit Puls.

Am zweiten Tag startete ich mit einer unglaublich interessanten Session, die mich zugleich sehr stark berührte. Nein es war mehr als nur Berührung, es war ein Wirbelsturm, der da in meinem Innersten entfesselt wurde. Igor Levit, Jouanna Hassoun und Johannes Volkmann diskutierten über das Thema Reden wir noch oder canceln wir schon? Keine der Anwesenden verstrickte sich in Fallbeispiele, wie man das von anderen Debatten kennt. So blieb die Diskussion beim Kernthema, dem Miteinander und der menschlichen Gleichheit als Ausgangsbasis. Einzig der CSU Abgeordnete schien manchmal in politische Plattitüden abdriften zu wollen, wurde dann aber sowohl von der Moderation als auch von Igor Levit auf vorbildliche Weise wieder in’s Boot geholt. Während so emotional aufgeladene Themen wie Asylpolitik und der Nahostkonflikt wie eine bedrohlich dunkle Wolke durch den Raum waberte, spürte ich den Fausthieb des davon verursachten menschlichen Leides in der Magengrube.

Am Ende der Session wartete ich geduldig, bis Herr Levit alle Gespräche abgewickelt hatte, wobei er immer wieder betonte, er müsse schnell weg. Ich drückte ihm die Hand, während ich nur ein Wort sagte: Danke. Manches braucht keine vielfältigen Ergänzungen. Dieser Mann stellt sich fortwährend einer ihm feindlich gesinnten Öffentlichkeit und kämpft in unglaublich respektvoller, eloquenter und authentischer Manier für die Menschlichkeit. Das tut er nicht nur für sich, sondern für mich und alle, denen weder die Reichweite noch die Worte zur Verfügung stehen.

Beim Verlassen des Zuschauerraumes spürte ich mein sinkendes Interesse an weiteren Vorträgen. Die vergangene Stunde brauchte Zeit, sich zu setzen. Immer wieder suchte ich Randbereiche im Freien oder in der Halle auf. Während ich die überbordende Geräuschkulisse mit Hilfe von Superduperkopfhörern weitestgehend ausschalten kann, gelingt mir das mit Licht und vor allem rempelnden Menschen nicht. Auf einem Liegestuhl sitzend wurde ich dreimal überstolpert, dann mehrfach durch Passierende geboxt. Das brachte mich an meine Kapazitätsgrenze. Ich suchte die Unterstützung des Awarenessteams, denn die Vorzeichen eines sagenhaftern Meltdowns, den ich nicht zwingend inmitten der großen Halle erleben wollte, kündigten sich langsam aber sicher an.

Ein junger Mann führte mich in einen ruhigen, an die Speaker’s Area angrenzenden Raum. Weisse Wände, ein Sofa, ein paar Sitzkissen, ein Teppich und ein paar Kisten mit Utensilien, mehr war dort nicht vorzufinden. Da ich mit Atmen beschäftigt war, setzte er sich schweigend mit etwas Abstand neben mich und wartete ab. Irgendwann kamen wir in ein langsames Gespräch. Ich erinnerte mich daran, wie Levit von seinem Shitstorm in der Auseinandersetzung mit dem AfD Politiker Wappler erzählte. Nun ist Wappler ein bekanntes Wiener Schimpfwort für einen Idioten. Wir mussten beide lachen. Währenddessen verging eine Stunde, die ich für 15 Minuten hielt. Ein weiterer Diskussionskreis über das Bloggen hatte bereits begonnen. Es sollte für diesen Tag meine letzte sein. ich fühlte mich erschöpft und leer, doch Schlafen war mir unmöglich.

Für den dritten Tag wollte ich überhaupt keine Großveranstaltungen mehr besuchen, wäre da nicht der Vorschlag der Kaltmamsell inklusive Platzreservierung in der dritten Reihe gewesen. So kam ich noch in den Genuss von Anne Rabe, deren Buch Das M-Wort ich später erwarb. Danach lernte ich, auch persönlich, den kreativen Kopf der mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Band Deichkind, Henning Besser kennen. Und mit jedem Vortrag verfestigte sich in mir die Erkenntnis, dass die Gedankengänge für mich alte Vertraute sind, die ich bereits seit etwa 25 Jahren im Kopf und im Herzen trage. Es ist wichtig, immer wieder darüber zu sprechen, mit denen, die das vielleicht nicht so gut nachvollziehen können und mit denen, die neugierig in diese Gedankenwelt treten. Denn nur so entsteht ein Gegenpol zu den harten und reduzierenden Narrativen der allgemeinen Öffentlichkeit. Für mich aber war es an diesem Tag die Erkenntnis, dass ich nichts verpassen würde, wenn ich jetzt ginge. Oder wie ich dem Awarenessmann zuvor erklärte, müsse ich die schwäbische Sozialisation auch mal links liegenlassen und statt des Ticketpreises lieber den Preis meiner Kräfte berücksichtigen.

In der Retrospektive finde ich noch sehr viele Impulse. Solche, die von aussen kamen und die von mir selbst. Noch weiß ich nichts über eine Form, bin mir aber sicher, dass es sich finden wird. Der Impuls zum Widerstand, zum Anderssein und emotionale Sensibilität sind nämlich, wie sich an vielen gelebten Beispielen bestätigte, keine Antagonisten, sondern können sich sehr gut befruchten. Und so bin ich wieder auf der Suche nach Neuland für Kopf und Seele. Wie viele Andere da draussen auch. Denn so viele auf der re:publica Anwesende können kein Zufall sein. Wir brauchen uns nur gegenseitig erkennen und stützen. Die Richtung gemeinsamer Bewegung ergibt eine Welle, mit der wir zukünftig auch größere Boote schaukeln können.

2 Kommentare zu „Never Gonna Give You Up“

  1. Die erste re: ist immer etwas überfordernd. Das war bei mir auch so. Auch wenn ich nicht so tiefe Täler durchschritten habe wie Du, war mir das am Anfang auch zu viel. Und es ist völlig in Ordnung nach einer Session wo man so viel mitgenommen hat, sich erst mal hinzusetzen und das sacken zu lassen. Machte ich die letzten Male auch immer. Es freut mich zu hören, dass es Dir aber insgesamt gefallen hat. (Deine Mail)
    Ganz liebe Grüße aus Lichtenstein (noch)

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