Hier stand eine längliche Ausführung über Einsamkeit. Wie sie nichts mit Alleinsein zu tun hat, sondern mit dem Gefühl des Abgetrenntseins von anderen und der Bemühungen um Resonanz und Verbindung. Wie der Ausdruck innerer Zustände Kunstwerke hervorbringt, die wiederum Deutungsspielraum lassen und letztlich doch in Unverständnis münden, weil sich die Wiedererkennenden, fußend auf der Summe eigener Erfahrungen, auch nur unzureichend auszudrücken imstande sind. Wie eine gemeinsam verbrachte Lebenszeit sich dem ganzheitlich verbindenden Erkennen dahingehend annähert, dass Menschen die Sprache des jeweils anderen wie eine Fremdsprache lernen, um die individuelle Diskrepanz zu überwinden. Und wie sie letztlich durch Umstände oder Schicksal, je nach Glaubenssystem, auf sich zurückgeworfen alleine bleiben. Wohlformuliert und ungemein pathetisch war der Text, weshalb ich ersatzweise lieber einen Freund zitiere, der auf meine Klage über die Last des Wissens und meiner Ankündigung, ich würde mir gerne Hirn absaugen lassen, trocken erwiderte: bist Du sicher, dass Du da zu viel hast?
Die Frage finde ich immer noch witzig. Vermutlich sollte ich erst meine Verdrahtungen überprüfen. Denn so manches Mal frage ich mich, wieso ein Sachverhalt für andere so undurchsichtig ist, der mir simpel scheint. Wenn es wie eine Ente watschelt und wie eine Ente quakt, ist es wahrscheinlich eine Ente. Undurchsichtig ist nur die Motivlage, die in manchen Köpfen aus einer Ente ein Flugsaurier macht. Wie manche Probleme selbstgemacht sind und der Energieaufwand in keinem Verhältnis zur Sache steht, beobachte ich bei Personen, denen die nötige Gelassenheit fehlt. Sie regen sich schnell und unverhältnismäßig über Dinge auf, die nicht in ihrem Einflussbereich liegen. Das Wetter oder Verspätungen aller Art sind gerne genommene Anlässe für Wutausbrüche oder Trotz. Im Flugzeug kommen weitere Umstände hinzu, wie fehlende Essensauswahl und Sicherheitsbestimmungen, also die Aufforderung zum Anschnallen oder Handgepäcksvorgaben. Jegliche Fremdbestimmung wird kategorisch negiert und das Problem auf Personal projiziert. Gewohnheiten, individuelle Erfahrungen und Ausnahmen werden bemüht, wobei sich Tatsachen damit nicht wegdiskutieren lassen.
In solchen Situationen frage ich mich, ob die ihren Verstand vielleicht mit dem Reisegepäck eingecheckt haben, denn sie verhalten sich wie Kindergartenkinder. Demnächst habe ich, statt wie bisher nur mit knapp 300, mit 509 davon das Vergnügen. Da soll man sich nicht fürchten? Natürlich werden auf jedem Flug 506 Passagiere freundlich grüßen, sich artig bedanken und ansonsten ruhig verhalten. Es genügt aber schon einer, um die ganze Truppe aufzumischen. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Idiot darunter befindet, steigt mit fast doppelter Anzahl erheblich. Nicht immer gelingt mir eine gelassen distanzierte innere Haltung. Manchmal greifen mich gesprochene Worte an. Manchmal spüre ich Angst bevor ich in eine Konfliktsituation gehe. Ich habe kein fertiges Konzept im Ärmel, da ich nicht weiß, was mich erwartet. Worauf ich zurückgreife, ist meine Erfahrung und etwas Fingerspitzengefühl für Situationen mit Eskalationspotential. Darauf konnte ich mich meistens verlassen, gelegentlich hab‘ ich’s aber auch schon vermasselt. Oder noch schlimmer, aus den eigenen Reihen wird mir in den Rücken gefallen. Eine Form von Verrat, mit der ich nur schwer umgehen kann.
Obwohl ich Teil einer Crew bin, gehe ich am Ende mit der Scheiße allein heim. Unmittelbar danach stellt sich dieses Einsamkeitsgefühl ein, von dem es ursächlich viele Varianten gibt, das Resultat aber bleibt gleich. Auch die reflexartige Frage, weshalb wir es uns oder anderen so schwer machen. Die jeweilige Antwort ändert nichts am Ergebnis, der Wiederholungsfall ist quasi vorprogrammiert. Mit einem Angriff auf unsere Identität umzugehen, haben wir alle gelernt. In Deckung gehen und sich bloß nichts anmerken lassen. Der Gegner könnte jede Schwäche ausnutzen. Mal abgesehen von der zweifelhaften Einordnung in schwach und stark, in Kontrahenten und Siegende, wäre ein Verhalten entgegen erwartbarer Muster interessant zu beobachten. Auf eine empfundene Verletzung emotional reagieren statt sich hinter der Maske der Souveränität zu verstecken. Meine heimliche Heldin ist die Kollegin, die sich aus dem Konflikt zurückzog mit den Worten: Ich hab‘ das alles so satt, haut euch doch mit Schäufelchen auf den Kopf und bewerft euch mit Sand aber bitte ohne mich. Der Überraschungseffekt war auf ihrer Seite.
Im Grunde geht es mir darum, wieder menschlicher und dadurch auch greifbarer zu werden statt angestrengt unnahbar. Eine Installation von Beuys im Lenbachhaus heißt Zeige deine Wunde. Im beruflichen Kontext vielleicht kein passendes Motto, kommt mir die Aufforderung ansonsten immer mal in den Sinn. Verwundbar sind wir alle, ob wir’s zugeben oder nicht. Den Unterschied macht die Erkenntnis, dass wir damit nicht alleine sind. Erst der Blick hinter die Kulissen gewährt diese Einsicht und ist der Stoff, aus dem verbindende Brücken über die Einsamkeit gebaut werden. Das soll für heute genug Pathetik gewesen sein. Vielleicht finde ich doch noch einen Ort, an dem man Hirn absaugt.
Nachvollziehbar, mir scheint, als kennte ich die Gedanken. als Teenie hatte ich ein Gedicht an der Tür, es gab mir an vielen Tagen Kraft, an anderen Tagen machten sie traurig – heute erscheinen mir die Sätze fast als Mahnnung und Drohung: „Ich habe in Drachenblut gebader, und kein Ahornblatt ließ mich irgendwo frei“.
Tough. Im Arbeitsleben war ich meist in Situationen, die an Erfolgskriterien gebunden waren. Und die waren wiederum ausserhalb meiner Einflussnahme. Wenn eine(r) von uns sein Soll nicht geleistet hat, mussten es andere auffangen, eben weil „Tatsachen [sich] damit nicht wegdiskutieren lassen“. Man konnte natürlich den Sinn der ganzen Unternehmung in Frage stellen.
Andererseits habe ich es immer wieder erlebt, wie Mensch-Sein scheinbar unumstössliche Barrieren durchdrungen hat.
Da war diese CEO eines Medienkonzerns, die eine neue Serie aus dem Boden hob und dabei zu zum Workshop ins Kopenhagener Studio mit ihrem Säugling kam, ihn mitten im Gespräch an ihre Brust andockte und trinken liess. Es lag so viel Schönheit in ihrer selbstverständlichen Geste.
Da war diese Teamleitern, die nach wiederholtem Bullying eines ganzen Teams durch eine Kundin intern sagte „Beim nächsten verletzenden Wort stehen wir alle wortlos auf, und verlassen den Raum. Egal, was es für unsere Firma finanziell bedeutet.“ Die Kundin war daraufhin wie ausgewechselt, als ob sie mitgehört hätte.
Es sind solche Momente, die mich bewegten.