Odysseus – The Musical

(John Rivera-Herrans)

Der Sonntag kommt mal wieder mit hohen Temperaturen daher, auf die ich so überhaupt keine Lust habe. Ich will weder zwischen massenweise Deckenbesetzenden am Eisbach liegen noch auf ein gastronomisches Schattenplätzchen hoffen müssen. Daheim zehrt die Hitze am Denkvermögen und nimmt mir die Freude an der ansonsten freudigen Ausübung meiner Lieblingstätigkeiten Klavierspielen, lesen, schreiben oder schlafen. Da bietet sich am ehesten der möglichst lange Aufenthalt in klimatisierten Räumen an. Und weil derzeit die dreistündige Verfilmung der Odyssee läuft, gehe ich am Nachmittag ins Kino.

Nicht dass mich der Film wirklich interessieren würde. Denn eigentlich mag ich kein erwartbares Gemetzel und keine moralisch wertvollen Hollywoodbotschaften. Ich mag aber Christopher Nolan und Matt Damon, beide aufgrund ihrer künstlerischen Fertigkeiten. Nun kann man bei der Hauptbesetzung geteilter Meinung sein, denn den Odysseus nehme ich Damon nicht durchgängig ab. Immerhin hat er keine Mühen gescheut und für die Rolle seinen Körper auf Vordermann gebracht. Andererseits ist das Gesicht keines, mit dem ich einen gestählten Helden assoziiere. Und auch für die Rolle des Antinoos hätte ich mir ein anderes Gesicht als das von Robert Pattison gewünscht, der die verweichlichte Vampiraura wohl nie mehr ganz ablegen wird.

Drei Stunden in klimatisierter Luft im bequemem Sessel verweilen, das hat schon was. Gegen den Lärm lasse ich meine Kopfhörer auf. Die Lautstärke im Kino ist so heftig, dass ich auch so noch alle Dialoge verfolgen kann, habe aber einen brauchbaren Schutz bei Schreckmomenten. Die mag ich nämlich überhaupt nicht. Ich schaue mir keine Gruselfilme und keine Thriller an, weil die mit Überraschungseffekten arbeiten. Man ahnt was kommt, wenn es aber kommt, dann auf unvermutete Weise und häufig plötzlich und mit viel Getöse. Dafür bin ich viel zu zart besaitet, denn mein Puls beruhigt sich erst nach einigen Minuten wieder. Es soll Menschen geben, die diesen Effekt von Adrenalinausschüttung lieben und suchen. Ich gehöre nicht dazu. Zu viel Schrecken im Leben haben mich dafür unbrauchbar werden lassen.

Irgendwann setze ich meine Sonnenbrille auf. Die Strandszenen mit riesigem Trojanischen Pferd sind im verdunkelten Raum so gleißend, sie tun mir in den Augen weh. So sitze ich in meinem Randsessel und muss bereits nach einer Stunde meine Schuhe vor dem ersten Toilettengänger retten. In den folgenden 120 Minuten findet ein regelrechter Toilettentourismus statt. So bezeichnen wir übrigens an Bord die Klobesuche aus einer niedrigeren Klasse. Ich denke, wie dumm, denn auf einen dreistündigen Film sollte man sich vorbereiten, etwas weniger trinken und vorab gut strecken, bequeme Kleidung tragen und vielleicht ein paar hilfreiche Utensilien wie Nackenrolle oder Schlafmaske mitführen. Viel verpassen sie während ihres Toilettenganges nicht, denn die Handlung läuft so vor sich hin. Mal Gemetzel, mal Dialog, mal Nahaufnahmen und mal Landschaft. Man kann auch nach einem kleinen Nickerchen jederzeit wieder einsteigen ohne etwas zu verpassen. Habe ich ausprobiert, kann ich empfehlen.

Den Bechdel-Test besteht das Monumentalwerk übrigens nicht, was auch nicht weiter verwundert. Schließlich waren Frauen zu Homers Zeiten auch nur in ihrer Funktion als Mutter, Fürsorgende oder Heiratsmaterial interessant. Bei den Göttinnen ist das was anderes, denn Mann fürchtet sich vor ihrer Macht. Wenn also Zendaya als Athene, Charlize Theron als Kalypso oder Samantha Morton als Kirke was zu sagen haben, hören die Männer auch mal genau hin. Anders verhält sich das bei Lupita Nyong’o als Klytaimnestra, der Mann erst Beachtung schenkt als sie Agamemnon totet. Danach versinnbildlicht sie für den Rest ihres Lebens die schlechte Ehefrau.

Die Homerstory habe ich nie gelesen, zu lang, zu monothematisch, weshalb ich nichts zu fehlender Werktreue sagen kann. Ich vermute mal, das ist ähnlich wie bei der Bibel. Die habe ich zwar gelesen, kann mich aber hauptsächlich an Ereignisse aus alten Verfilmungen erinnern. Wenn ich an Moses denke, denke ich an Charlton Heston. Wer braucht schon die Bibel lesen, wenn man sie auch sehen kann. So wird es womöglich zukünftig auch Matt Damon sein, den die Jugendlichen in der Altgriechisch- oder Geschichtsstunde vor Augen haben. Und das wiederum finde ich kritisch, denn Matt Damon hat doch erst kürzlich eine Spielbank ausgeräumt, wurde als erinnerungsloser Agent um die halbe Welt gejagt und schließlich auf dem Mars vergessen. Das kann so einem kleinen Fiktionssüchtling schon mal die Epochen durcheinanderwirbeln.

Ein paar gute Seiten hat der Film aber durchaus. Die Bilder sind gewaltig, die Erzählstränge gut nachvollziehbar und die Darstellung durchweg gelungen. Im Vergleich mit so manchem anderen Film insgesamt gute Unterhaltung, die sich über drei Stunden zieht. Sobald er im Fernsehen kommt, kann man dazwischen auch mal was kochen oder ohne Tonausgabe mit Mutti telefonieren. Die beste Szene kommt aus der Kategorie moralische Hollywoodbotschaft, denn am Ende stellt der geläuterte Odysseus fest, dass Kriege doch irgendwie sinnlos sind, allein aus dieser Erkenntnis heraus aber noch lange nicht aufhören. Ja, da sind wir alle an Bord, denn das haben wir auch ohne Zyklopen und Sirenen feststellen müssen. Man braucht dafür nicht mal zehn Jahre auf Selbstfindungstrip gewesen sein. Andererseits muss so ein Film ja irgendwie aufhören. Das fand ich dann auf eine Art schon passend.

[Falls Sie wirklich gute Liveunterhaltung erleben möchten: am 24.10.26 lesen die Kaltmamsell, Novemberregen, Vanessa Giese und Mequito um 19.00 Uhr im Boxwerk, Schwindstr. 14 in München. Das wird bestimmt viel besser als eine Monumentalverfilmung. Die Örtlichkeit ist übrigens barrierefrei, auch die Toilette]

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6 Kommentare zu „Odysseus – The Musical“

  1. Ich musste den Satz zwei mal lesen was man alles in einen dreistündigen Film mitnehmen soll. Nackenrolle (ja ok, wenn man ganz vorne sitzt) und Schlafmaske????
    Da musste ich dann nachschauen ob Du Film oder Flug geschrieben hast…. 😂

  2. Hallo, ich habe von der Blog-Lesung bei Frau Kaltmamsell erfahren. Muss ich oder darf ich Karten im Vorfeld erwerben? Ich freue mich sehr!

    Viele Grüße Britta

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