Off Key

(Sinatra&Jobim)

Als Neue Musik werden klassische Kompositionen ab Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Darunter fällt viel Elektronische Musik, wie beispielsweise die musique concrète von Pierre Boulez und Olivier Messiaen. Stockhausen hat sich um 1950 intensiv in der Elektronik ausgetobt. Danach war man sich unsicher, wie es weitergehen solle. Neuere Kompositionen wenden sich entweder der Wiederbelebung des Alten zu oder ergehen sich in Geräuschansammlungen jeglicher Couleur. Das hörte ich mir gestern etwas genauer an.

Eigentlich empfinde ich diese Art der Musikdarbietung als anstrengend, weil sie oft konstruiert und verkopft wirkt. Intellektuell kann ich das alles nachvollziehen, finde aber, Kunst, egal in welcher Form, sollte Menschen auch auf emotionaler Ebene berühren. Mich berührten die Kompositionen von Elnaz Seyedi, einer zeitgenössischen, aus dem Iran stammenden Komponistin, nur auf sensorischer Ebene, dort aber im negativen Sinne. Denn wenn ein Cellobogen über die Kanten des Instrumentenkorpus streicht, muss ich mir die Ohren zuhalten. Da hilft auch kein gleichzeitiges Video von aus einzelnen, weißen Bögen entstehenden Schriftzeichen, die mich zu Beginn an Nike-Werbung erinnerten und ein bisschen schmunzeln ließen. Die erquicklichste Darbietung des Abends waren die vier Lieder op.2, ein Frühwerk Alban Bergs, eine fast noch spätromantische Komposition der zweiten Wiener Schule.

Die Pianistin und Freundin Kathrin Klein begleitete nicht nur den Sänger an diesem Abend, sie spielte auch eine Uraufführung für präpariertes Klavier. Ich muss gestehen, ich ging da nur wegen ihr hin. Am Ende war’s dann nur ein bisschen schlimm. Nach dem Konzert musste sie, wie schon letztens in der Pinakothek der Moderne, alle möglichen Gegenstände wieder aus dem Flügelinneren entfernen. Münzen, Postits, Markierungspunkte, denn für die Kompositionen spielt sie das Instrument nicht nur auf den Tasten, sondern hauptsächlich auf den Saiten im Inneren des Flügels. Klingt komisch, ist aber so. Im Anschluss gab’s Wein, Wasser und kleine Stücke trockenes Brot, was irgendwie zur zuvor gehörten Musik passte. Den Wein hätte ich lieber vorher getrunken.

Kathrin wohnte übrigens einst im selben Haus wie ich. Oft hörte ich sie üben, damals noch klassischere Stücke. Später spezialisierte sie sich auf Neue Musik und hat inzwischen eine Lehrstelle an der Münchner Hochschule für Musik. Seit ihrem Auszug stehen wir in losem Kontakt. Ich bemühe mich, ihre Konzerte zu besuchen, denn wenn jemand schafft, mir neue Kompositionen schmackhaft zu machen, dann ist sie das. Von ihr existiert übrigens auch eine schöne Einspielung der gemäßigterer Art. Lieder von Messiaen, die sie nicht nur begleitet, sondern die richtige Klangatmosphäre erschafft. Klare Hörempfehlung meinerseits.

Als ich kürzlich über moderne Kunst nachdachte, kam ich aus der bildenden Richtung. Bei Musik habe ich sehr viel mehr fachlichen Hintergrund, kann aber erstaunlicherweise sehr viel weniger von dem nachvollziehen, was zeitgenössische Komponierende fabrizieren. Die Sinnkrise der ernsten Musik müsste doch inzwischen überwunden sein. Weshalb ergehen sich dann preisgekrönte Komponistinnen immer noch in Geräuschen anstatt etwas zu erschaffen, das die Musik auf ihre ganz eigene Wirkweise erklingen lässt? Ich fragte ein, zwei Menschen, ob sie von der gestrigen Darbietung auf irgendeine Weise berührt waren. Eine interessante Antwort lautete, man hätte den Gitarristen in seinem leidenschaftlichen Spiel sympathisch befunden und deswegen auch die Musik wohlwollend aufgenommen. Kann ich verstehen, ist aber nicht Sinn einer Komposition. Die darf ruhig hässlich klingen, wenn es der Sache dient, jedoch kann abstoßende Wirkung nicht für sich alleine stehen, wenn sie keine weitere Reaktion im Konsumierenden hinterlässt als Abwendung.

So schließt sich der Kreis zum Leben als solches, das ja bekanntlich auch nicht nur aus Schönheit und Genuss besteht. Bestenfalls ist im Leben einfach alles drin, das tragische, das erquickliche, das ruhige und das energetische Element. Nicht alles auf einmal, Gott bewahre, eher abwechselnd. Als ich nach dem Konzert daheim am offenen Fenster stand und in den Sternenhimmel blickte, da dachte ich, so muss es sein. Ein volles Leben leben und alles mitnehmen. Mein neues Lebensmotto ist also: am Ende will ich satt am Leben sterben. Einmal mit alles, bitte.

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