Unter normalen Umständen hätte ich heute nichts zu Bloggen gehabt, doch dann kam, wie das so ist, das Leben dazwischen. Es ist gerade gut zu mir, das Leben, und hätte ich das bis vor Kurzem behauptet, man hätte es mir nur mit einem Augenzwinkern geglaubt. Andererseits muss ich zugeben, ich hatte auch viel Glück in so mancher Situation. Irgendetwas, oder -jemand für Gottesgläubige, die ich bekanntlich nur im allerweitesten Sinne bin, werkelt da im Hintergrund mit Situationen und Umständen, Menschen und Gelegenheiten herum und fügt Sachen zusammen wie ich es nicht besser arrangieren könnte. Das sind nach unerklärlichen Regeln funktionierende Gewalten, aus denen sich so Zartes bildet wie Schneekristalle oder Sternenhimmel. Und dann trete ich schon mal ein oder zwei Schritte zurück und betrachte diese Zusammenkünfte an Ereignissen mit Abstand und Dankbarkeit.
Manchmal frage ich mich, ob die Kunst darin liegt, sich alles Schönzureden. Doch Schönfärberei wirkt auf mein Bauchgefühl wie Pantoprazol: bei nachlassender Wirkung,wird mir wieder übel. Die Droge der Kopfgesteuerten also, die bei mir instantan allergische Reaktionen im Equilibrium zwischen Bewusstsein und Intuition hervorruft. Das möchte ich nicht. Andererseits funktioniert der Gang über unwägbares Gelände viel besser mit einer Portion Vertrauen. Im Idealfall hat man’s mit der Muttermilch eingesaugt, in meinem Fall war es ein quälend langsamer Lernprozess, ähnlich dem Antrainieren von Bewegungsmustern. Muskeln brauchen zu Beginn des Trainings sechs Wochen, bis sie wissen, was man von ihnen überhaupt will, so meinte einst mein Physiotherapeut. Mir scheint, die Seele braucht da wesentlich länger.
Vertrauen, das wissen wir alle, ist nur bedingt willentlich anzusteuern. Das findet irgendwo in der Körpermitte statt. Dabei ist es genau das: eine Annahme grundlos so lange zu halten, bis sie sich bestätigt. Dem Kopf gefällt das nicht, der findet zig Gegenbeispiele aus der Vergangenheit und Optionen zukünftigen Scheiterns. Er ist von Natur aus auf Gefahrenabwehr trainiert. Vertrauen entspringt dem Augenblick, es ist nicht Gewissheit, nicht im Ganzen und auch nicht in Teilstücken. Vertrauen ist der Vorsatz, Gutes zu erwarten. Das braucht ne Menge Geduld, die bei Überstrapazierung wie ein Gummiband zurückschnalzt. Was der Kopf halten soll, sind quasi die Enden des Gummibands. Je weiter gedehnt umso anstrengender wird das Dagegenhalten.
Letztlich ist Vertrauen die Fähigkeit, einen unangenehmen Zustand für unbestimmte Zeit auszuhalten, dessen imponderablen Ausgang wir als segensreich antizipieren. Ja, da haben wir den Salat, denn wir Egozwerge möchten doch so gerne, dass alles nach unserer Vorstellung läuft. Dafür haben wir jahrelang geplant, gelenkt und nicht nur uns selbst, sondern vor allem unsere Umwelt manipuliert. Fast schon putzig anzusehen, wie Jene, die damit konfrontiert, mit aller Kraft gegen die Machtlosigkeit aufbegehren. Wie sie kompensieren, kaschieren und schließlich beleidigt kapitulieren. So ist Leben nämlich. Während wir uns am Steuer wähnen, genügt eine kleine Geste, ein Windhauch des Schicksals, und der Schleier der Selbstwirksamkeit reißt entzwei.
Was aber, wenn es da sowas wie einen Masterplan gäbe? Nicht wie es sich Menschlein zusammenreimt, wie ein fester Ablaufplan, nicht wie das vorbestimmte Schicksal. Das existiert nur in Märchen und Schundromanen. Nein, so etwas, das sich wie ein feines Netz über den freien Willen spannt. Freier Wille als Andeutung, als Platzhalter für das Winden im eigenen Saft und nicht im Sinne von Entscheidungsinstanz gemeint. Ja, was wäre dann? Könnten wir unsere Sorgen dann nicht guten Gewissens beiseite legen? Wüssten wir mit Sicherheit, dass wir nichts ausrichten können und nichts lenken, sondern höchstens stützen und halten, wäre dann nicht alles sofort ein klein wenig leichter? Die Sicherheit existiert nicht, wohl aber das Vertrauen. Der Gedanke: es wird schon werden. Den wir fortwährend nähren sollten, damit er stärker wird. Dann bewegt sich was im Universum, fügt hinzu und rückt Neues in unser Sichtfeld, von dem wir noch nicht wissen, dass wir es irgendwann vermissen werden.(*

Heute Morgen beeile ich mich, es ist nämlich beim Aufwachen schon hell. Den Sonnenaufgang verpasst aber noch vor den Spaziergangsmassen, gehe ich ohne Ziel durch die ruhigen Straßen, schreite an Baudenkmälern vorbei, mache Fotos von dieser und jener Szene. Nach einer Stunde schlage ich die Richtung zur U-Bahnstation Sendlinger Tor ein. Auf dem Weg durch’s Hackenviertel komme ich an einer Kiste im Hauseingang mit der Aufschrift zu verschenken vorbei. Darin ein paar Bücher, drei Bände Politisches Denken in der Philosophie, eines über Bismarcks preussisch-deutsche Politik, eine Vinylsammlung quer durch Klassik, Pop und Jazz. Die Bücher nehme ich alle mit, von den Platten wähle ich drei aus. Eine ist die auf dem obigen Bild, zwei andere von Miles Davis, nämlich Sketches of Spain und Greatest Hits. Die Politikbände bringe ich nach wenigen Schritten wieder zurück, denn vermutlich werde ich sie nur anlesen und dann so lange im Regal aufbewahren, bis sie erneut vor der Türe landen. Der Bismarck aber passt prima in meine Handtasche und die Platten klemme ich mir unter den Arm. Ausgerechnet heute habe ich keinen Beutel dabei.
Die Bahnstation strahlt menschenleer in gelb. Am Gleis angekommen, stelle ich die Platten auf den Absatz vor das Fenster der Kontrollkabine. Ich brauche freie Hände zum Fotografieren. Dann knipse ich das erste Plattencover. Während ich die Hüllen auffächere, rutscht der spanische Davis auf Nimmerwiedersehen in den Spalt zwischen Scheibe und Wandverkleidung. Das war ein kurzes Vergnügen, denke ich, doch ärgert es mich nicht. Ich bleibe vielmehr gelassen, denn so oft sind mir schon Geld, Gelegenheiten und sogar Menschen entglitten, da war der Ärger sogar nachvollziehbar. Andererseits braucht Neues immer Platz, den ich nicht habe. Wer weiß, vielleicht ist unter den Bahnangestellten ein großer Miles Davis Fan und freut sich nach den nächsten Instandhaltungsmaßnahmen über das Fundstück. Und ich hab‘ jetzt was zu Bloggen. Dass die als Einleitung konzipierte Überlegung etwas ausuferte, war mehr Zufall als Vorsatz. Eine Koinzidenz vielleicht, wie die Entdeckung von A Love Supreme im Karton auf den Stufen. Irgendwie ist nicht nur alles miteinander verknüpft, es fügt sich auch ganz ausserordentlich zusammen. Wir merken es leider oft erst im Nachhinein.
(* noch suche ich nach einer neutraleren Bezeichnung als „Universum“, denn jede mir bekannte Begrifflichkeit ist entweder religiös konnotiert oder esoterisch besetzt. Die „Bestellungen beim Universum“ waren so ein Negativbeispiel für letzteres, ganz zu schweigen vom Kassenschlager „The Secret“. Davon möchte ich mich sehr weit distanzieren.
Der Beitrag triggert mächtig. Deswegen musste ich etwas „ausgraben“. So zwischen Universum und „es wird schon werden“. Weit hergeholt, ja, aber unschlagbar in der Zahl möglicher Ableitungen. Ich bin in Sachen Mathe / Physik eine absolute Null, aber trotzdem bleibt da etwas für mich übrig… Das kann ich nehmen und damit üben, denken, fühlen, spielen. Kann man nennen wie man will. https://www.spektrum.de/magazin/parallel-universen/830044
Sehr interessanter Artikel. Und jetzt Hand auf’s Herz, hast Du den beim ersten Lesen kapiert? Ich muss da nochmal dran…