Onehundredandtwenty

Es braucht sehr viel Glück, um einen Therapieplatz bei einer passenden Psychologin zu finden. Das war schon vor 30 Jahren schwer und ist bis heute nicht leichter geworden. Diese Tatsache ist nicht nur dem Krankenkassensystem geschuldet, sondern auch der Einstellung zugelassener Praxen. Seit einigen Jahren gelten für die Kassenzulassung ein paar Regeln. Beispielsweise muss jede Praxis im Verhältnis zu ihrem Angebotsvolumen bis zu 100 Minuten telefonische Erreichbarkeit gewährleisten. In der Realität gestaltet sich das dann so, dass in den angegebenen Zeiten – meist an ein oder zwei Wochentagen – der Anrufbeantworter läuft. Die Ansage oft herzallerliebst formuliert mit dem Hinweis, es gäbe unter dieser Nummer auf absehbare Zeit sowieso keine Therapieplätze. Dieses Spiel habe ich bis zum letzten Level die vergangenen Wochen durchgespielt. Aber da ist ja noch die zentrale Vergabestelle der Krankenkassen, denn jede ärztliche Praxis muss freie Termine dort melden. Die werden dann an Suchende so zeit- und ortsnah wie ‚in fünf Wochen‘ bis ’50Km entfernt‘ vergeben.

Auf diese Weise bekam ich nun fünf Adressen zugesandt, von denen waren zwei nicht erreichbar – das Band endete abrupt nach der Ansage mit dem Versprechen auf Rückruf (auch die Mailanfrage blieb unbeantwortet). Eine erschien in ihrem Internetauftritt so dermaßen unsympathisch, dass ich mir eine Kontaktaufnahme ersparte. Bei einer der Verbleibenden war ich dann gestern. Jetzt ist es so, dass man in einer psychologischen Praxis nicht einfach auf eine Körperstelle deuten kann, die dann geröntgt, abgetastet oder sonstwie begutachtet wird, sondern man erzählt halt seine Geschichte. Da ich meine nicht zum ersten Mal erzähle, hatte ich den Bericht ein wenig gestrafft. Allerdings schaffe ich’s nicht unter 20 Minuten. Und da unterbrach die Dame sehr barsch, denn sie würde weder mit dem Schreiben hinterherkommen, noch sei sie in der Lage Fragen zu stellen. Es würde sie schlichtweg überfordern und ich solle mich doch jetzt einfach mal erden, den Igelball mit der Hand drücken, meine Füße richtig aufstellen und im Hier und Jetzt ankommen. Zunächst war ich irritiert, denn ich fühlte mich nicht sonderlich angespannt oder gar aufgeregt, doch mein Erzähltempo hatte die Dame zur Annahme gebracht, ich befände mich mitten im Trauma. Als ich ihren Anweisungen nicht sofort nachkam, wies sie mich nochmals sehr barsch an, augenblicklich das umzusetzen, was sie mir anwies. Eine beliebte Frage in der Traumatherapie ist ja, wie alt man gerade sei, auf die ich wahrheitsgemäß mit meinem derzeitigen Alter antwortete und bemerkte, ihre Reaktion hätte mich nicht weiter als zwei Wochen zurückversetzt, woraufhin sie meine Aussage als Kontrollverhalten wertete.

Genau da hätte ich eigentlich aufstehen und gehen sollen. Das tun traumatisierte Personen aber nicht, denn bei den meisten fand die Traumatisierung unter Zwang, Manipulation und ohne Fluchtmöglichkeit statt. Sie kennen vielleicht das Bild eines Elefanten, der als Junges am Bein angekettet und geprügelt wurde und den später ein dünnes Seil um eben jenes Bein gewickelt von jeglicher Flucht abhält, weil das Erlernte so sehr verankert ist. Also blieb ich sitzen und hörte mir noch ein paar Ausführungen an, warum gerade bei Flugbegleitern eine Stabilisierung nicht möglich sei und eine Traumatherapie deswegen zum Scheitern verurteilt. Die Dame hätte von drei erfolglosen Fällen in der Vergangenheit gelernt. Überdies würden auch viele Traumatherapierende aufgeben, weil eine Heilung so unwahrscheinlich sei. Ich dachte an andere Berufsgruppen wie Pflege oder Medizin, die ebenfalls im Schichtdienst arbeiten – das angebliche Kriterium für nicht funktionierende Stabilisierung, sprich geregelter Alltag. Schließlich bedankte ich mich mit ruhiger Stimme für ihre Zeit, bemerkte, dass es für mich sowohl am wesentlichen Element des Vertrauens fehle und ich noch einige weitere rote Flaggen während unseres Zusammenseins bemerkt hätte. Auf meine Frage des weiteren Vorgehens mit der Kasse – normalerweise bekomme ich einen Befund, der mir ermöglicht, einen Termin bei einem weiteren Therapeuten zu beantragen – meinte sie, das wäre nur möglich, wenn sie keinen freien Platz hätte und den hätte sie ja für mich und wäre auch bereit an meinen sogenannten Widerständen zu arbeiten. Es wundert mich nicht, dass diese Frau freie Therapieplätze hat. Erschreckend ist aber die Aussicht, beim nächsten Versuch noch mehr Erlebnisse dieser Art erdulden zu müssen. Als hätte ich nicht schon genug Probleme…

7 Gedanken zu „Onehundredandtwenty“

  1. Ich finde, Sie haben das sehr gut gemacht, Sie haben diese wirklich schwierige Situation sehr gut bewältigt. Ich wünschte, mir wäre das damals gelungen, als ich in einer ähnlichen Situation war. Aber ich blieb hängen, weil ich mir selbst nicht über den Weg getraut habe. Und bin entsetzlich auf die Nase gefallen. Ich habe buchstäblich Jahre gebraucht, um mich davon zu erholen.

    Ich bin sehr zuversichtlich, dass Sie jemanden finden werden, mit dem Sie gut arbeiten können. Alles Gute. Lassen Sie sich nix erzählen.

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  2. Das tut mir sehr sehr leid, daß Sie nun, als sie die Kraft hatten für die Psychotherapeutinnensuche so eine unsägliche Erfahrung gemacht haben. Als Psychotherapeutin kann ich mich dafür nur fremdschämen und empören. Der Befund den Sie ansprechen ist das PTV11 Formular. Da bekamen sie erneut eine falsche Information, denn darauf haben Sie als Patientin ein Recht. Ebenso wie Sie das Recht haben einen psychotherpeutische Sprechstunden Termin (so heißen die ersten 3-5 Termine ) abzulehnen, wenn das persönliche Vertrauen nicht gegeben ist, denn um dies herauszufinden sind diese Termine u.a. da. Ob dieses Formular viel nützt ist allerdings fraglich, bitte geben Sie die Verweigerung der Therapeutin aber an die KV weiter. Ich wünsche Ihnen die nötige Kraft für die weitere Suche. Die Seite der KV mit den gelisteten PsychotherapeutInnen und deren telefonischen Sprechzeiten kennen Sie bestimmt. Womöglich ist es günstiger diese Liste abzutelefonieren ( womöglich auch öfter) als die Terminservicestelle der KV zu bemühen. Vielleicht wäre ein Klinikaufenthalt zeitnaher möglich.

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