People Around Me

(Bild Micha Huss)

Heute morgen bin ich um 5.00 sehr energetisch aufgestanden. Das energetische Element hatte ich in letzter Zeit etwas vermisst, weshalb ich die Gelegenheit gleich für eine Runde Training nutzen wollte. Morgens ist die beste Zeit für Sport, denn dann sind nicht zu viele Menschen im Studio. Zudem kann ich mich tagsüber oder gar abends nicht mehr zum Sport aufraffen, es sei denn, es beinhaltet Tanzen. Aber Tanztraining ist kein Sport, das ist Vergnügen.

Um Menschenmengen zu vermeiden, habe ich früher schon alle möglichen Uhrzeiten ausprobiert.Es handelt sich um eine Fitnesskette mit 24-Stunden-Zugang, deshalb begann ich locker um 6.00 Uhr. Als die Klimmzugstangen um diese Uhrzeit besetzt waren, bemühte ich mich, schon um 5 da zu sein. Da waren an jedem Wochentag im Winter die Ausdauergeräte schon alle besetzt, weshalb ich es stichprobenartig um 4 probierte. Leider steht die frühe Uhrzeit im Konfilkt mit der späten Rückkehr aus dem vorabendlichen Tanztraining. Wenn ich erst kurz vor Mitternacht ins Bett komme, bin ich um 4 Uhr zwar wach aber nicht sonderlich energetisch. Die Gerätesituation war abgesehen davon aber um 4 hervorragend. Gegen Regelmäßigkeit sprach allerdings der 20 minütige Fußweg, weshalb ich für’s fast Alleinsein um 3.40 Uhr in Trainingsklamotten hätte aufstehen müssen. Zudem gehe ich nicht ohne geputzte Zähne aus dem Haus.

Damals war ich noch so krass overachieving, eine Haltung, die mir in jüngster Vergangenheit erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit mir selbst einbrachte, dass ich unter 1,5 Stunden gar nicht erst anfing. Der zeitliche Rahmen von zweieinhalb Stunden ist aber nicht täglich und mit diversen Terminsituationen machbar. Es mag Menschen geben, die sowas locker absolvieren, die haben aber sonst keine Hobbies.

Zu bestimmten Uhrzeiten trifft man häufig dieselben Leute. Da wäre der mittelalte Typ im Muskelshirt, das, dem Odeur zu urteilen, nur einmal die Woche eine Waschmaschine sieht. Da die durchschnittlich Trainierenden ihre Kleidung öfter wechseln, kann man sie daran nicht identifizieren. Stattdessen eignen sich körperliche Merkmale. Die junge Frau beispielsweise, von der ich vor zwei Jahren noch dachte, sie sei schwanger, betritt und verlässt das Studio immer im Laufschritt. Ähnlich gehetzt trainiert sie. Inzwischen vermute ich andere Schwierigkeiten hinter ihrer Körperform, die sich über die Zeit nicht erheblich veränderte.

Die grauhaarige Frau, die immer in Socken und mit einem E-Reader auf den Geräten sitzt oder auf der Dehnmatte, ist ebenso zu einer Konstante in meinem ehemaligen Trainingsalltag geworden wie die junge Frau, die erst zwei Stunden auf dem Spinningrad strampelt, bevor sie sich ihrer Socken entledigt und mit nackten Füßen auf der Matte herumspringt. Der asiatisch aussehende Mann absolviert seine Trainingseinheiten mit viel Inbrunst erst später am Vormittag, und der geschätzte Endsechziger, der eigenartige Übungen vorzugsweise zwischen zwei besetzten Matten macht, bei dem vermute ich Orthopädisches, wobei ich immer darauf achte, dass er mir nicht zu nahe kommt. Es ist nicht auszuschließen, dass mir so ein Körperklaus mal auf die Finger steigt, während ich auf dem Rücken liege und die Arme ausstrecke, obwohl meine Hände nicht über die Matte hinausragen.

Zu späterer Stunde fluten junge Studentinnen das Studio. Sie blockieren mit Vorliebe zu zweit quasselnd Matten wie Kleingerät. Irgendwann sind sie fertig mit dem Austausch von Neuigkeiten, dann wird noch ein wenig auf dem Handy getippt, bevor sie gemeinsam mit makellos sitzender Frisur und Makeup die Örtlichkeit verlassen. Man kennt das aus Hollywoodfilmen, da wachen die Protagonistinnen auch lächelnd mit perfekt geschminktem Antlitz auf. Ich hingegen sehe meist noch etwas aufgequollen und zerknautscht aus, die Haare unordentlich zusammengebunden, am Körper ein beliebiges Shirt, das ich im Dunkeln aus dem Schrank fischte.

Die Meisten kommen alleine. Sie belegen oft die Plätze vor den Spiegeln. Zwischendurch ein Selfie mit eingezogenem Bauch und Duckface, dann werden ein paar Gewichte lustlos gehoben und genauso schnell wieder abgelegt. Keine räumt sie dorthin zurück, wo sie weggenommen wurden. Nach dem Selfie ist ja Matchalattezeit, da sind die Gewichte längst vergessen. Und ohne ein Like, wo soll denn da die Motivation herkommen?

All das fiel mir heute Morgen wie Schuppen von den Augen. Es war als sei ich nie weg gewesen. Mein Blutdruck steigt nicht nur während einer Cardioeinheit, sondern auch bei bestimmten Eigenarten, die ich um mich herum beobachte. Die gerätebesetzenden Handyscroller schrecke ich schon mal, wenn ich ihnen wartend von hinteh über die Schulter luge. Die Straßensneakertrainierer schaue ich mit strafendem Blick an, den sie wahrscheinlich überhaupt nicht registrieren, und sammle im Winter Steinchen vom Boden. Die Nichthinterherwischer lasse ich gewähren, so lange sie keine Schweißabdrücke hinterlassen. Da bin ich tolerant. Alle anderen gehen mir gehörig auf die Eier. Im Grunde trainiere ich also nicht nur meine Physis, sondern vorwiegend meine Gelassenheit. Und in dieser Hinsicht habe ich noch sehr viel Trainingsbedarf, das muss ich zugeben.

2 Kommentare zu „People Around Me“

  1. In meinem Studio ist die Selfie-Quote relativ gering. Was ich als sehr angenehm empfinde.

    Da ich mir Gesichter vor Menschen auch nicht gut merken kann, unterscheide ich im Studio die Leute an ihren Schuhen.

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