Piano Man

(Billy Joel)

Heute übte ich am Klavier ausnahmsweise mal mit zwei analogen Monitoren. Eine Premiere, denn sonst besitze ich ein Stück nur in einer gedruckten Fassung. Da die Kopie des Präludiums G-Dur aus dem WTK II aber wegen Prüfungsvorbereitungen vor 35 Jahren schon dicht beschrieben war, erwarb ich eine nagelneue Henle-Edition. Das ist der Mercedes unter den Ausgaben. Vorne steht nicht nur Musikwissenschaftliches drin, sondern normalerweise auch ganz brauchbarer Fingersatz über den Noten.

Am Klavier spielt nämlich das taktile Muskelgedächtnis eine ganz erhebliche Rolle. Damit ein Stück sicher sitzt, übt man nicht nur die Noten, sondern vor allem die Bewegungen ein. Und dafür muss man sich beim ersten Vertrautmachen einen Fingersatz ausdenken. Spiele ich diese Note mit dem 4. oder dem 5. Finger? Wenn ich die 5 wähle, breche ich mir dann ein Gelenk, während ich die Folgenote anziele? Ist die 4 günstig für die musikalische Betonung in der Melodieführung? Denn der 4. Finger beider Hände ist der schwächste, der sich nicht ganz unabhängig von den Nachbarn bewegt. Es gibt auch noch andere ungünstige Kombinationen, beispielsweise sollte man einen Triller nie mit benachbarten Fingern ausführen, es sei denn, es handelt sich um den 1. Finger, den Daumen. Meistens führen die ersten Versuche zu Kompromissen zwischen Musikalität und Fingersatz. Auch die zweiten und dritten, denn so ein Fingersatz sollte beim Üben zwar immer streng beibehalten werden, man kann ihn aber in verschiedenen Phasen der Einstudierung überschreiben.

Das Überschreiben passiert dann nicht nur mittels eines Bleistifteintrags auf dem Notenblatt, sondern vor allem im Kopf und der Muskulatur. Wichtig wird so ein Muskelgedächtnis bei Sprüngen, die vor allem, aber nicht nur, die linke Hand ausführt. Da hat man nicht immer Zeit für einen Blick auf die Klaviatur. Man muss es fühlen, wie weit und wohin genau man treffen sollte. Ähnlich ist es mit dem Notentext, denn der wird nicht wie Buchstaben gelesen, sondern vorausschauend. Ich spiele also einen Takt, während meine Augen mindestens einen halben Takt voraus lesen. Das wird vor allem dann relevant, wenn man vom Blatt spielt oder in einem Konzert umblättert. Meistens findet eine Klavierdarbietung auswendig statt, die Spielenden brauchen dann keine Noten mehr. Im Falle von Kammermusik, also der Begleitung ein oder mehrerer Instrumente oder Gesang, müssen die Pianistinnen aber doch Noten lesen. In diesem Fall sind die anderen Stimmen über dem Klavierpart etwas kleiner abgedruckt, damit die Pianistin bei möglichen Pannen alle wieder einfangen und die Darbietung retten kann. Solch eine Rettung ist mit erfahrenen Pianistinnen keine Seltenheit. Andererseits gab es mal einen erfahrenen Korrepetitoren, der die Flötistin nicht retten können.

Beim Abschlusskonzert meines Aufbaustudiums spielte ich das komplette Programm auswendig. Vor allem die beiden modernen Stücke brachten mir durch auswendigen Vortrag beim Prüfungskomittee Ruhm und Ehre ein. Denn moderne Stücke sind nicht so einfach zu lernen. Nicht nur der eigentliche Notentext, auch die Anmerkungen der Komponierenden sehen ziemlich unübersichtlich aus. Eines meiner Prüfungs- und Lieblingsstücke heißt Chant de Linos von A. Jolivet (in der Aufnahme spielt übrigens ein ehemaliger Kommilitone mit meinem damaligen Begleiter). Es ist ein komplexer Trauergesang, in dem sich melancholische Melodien mit kraftvollen, tonrepetitiven Rhythmusaffirmationen und virtuosen Klanggirlanden abwechseln. Ein wilder Ritt durch alle Oktaven und alle Stadien von Trauer. Die tiefen Töne sind übrigens so kurz nacheinander nicht einfach sauber zu produzieren, denn die Flöte mag keine lauten, tiefen Töne. Gern überschlagen die Klänge in die obere Oktave oder kieksen. Ich erinnere mich an die Aussage meines ersten Professors, der mich in einer Stunde über den Rand seiner Goldbrille ansah, und trocken bemerkte: „Eine Flöte ist keine Posaune!“ Ja, Augen auf bei der Instrumentenwahl, sage ich da, denn möglicherweise hätte damals ein kraftvolleres Blasinstrument besser zu mir gepasst. Ich war ständig wütend und hätte dafür ein Ventil gebrauchen können – Insiderwitz, denn Blechblasinstrumente haben Ventile.

Nun trainiert man sich beim Üben nicht nur die Stücke an, sondern oft auch schlechte Angewohnheiten. Mein sogenanntes Limonadenstück, quasi die Schlagermusik der Romantik, war ein Thema mit Variationen von Boehm. Am Ende jeder Variation gibt es einen leicht veränderten Übergang in’s Thema zurück. Leider verpasste ich nach der vorletzten Variation die Ausfahrt und landete in der Pampa. Sowas passiert halt beim Auswendigspielen und wenn man sich vollkommen gedankenverloren dem Flow hingibt. Der Pianist hörte auf zu spielen. Ich öffnete die Augen, sah, wie er mich entgeistert anschaute, die Hände in die Luft gestreckt, und mir entfuhr ein lautes Scheiße. Das Publikum lachte, ich verständigte mich kurz mit dem Begleiter und wir stiegen in der vorletzten Variation nochmal ein, nahmen die richtige Ausfahrt und führten das Stück unfallfrei zu Ende. Was mir blieb, war die Erkenntnis, beim Üben nicht nach jedem Fehler abzusetzen und zu fluchen. Das ließ ich auch in den Unterricht einfließen.

Übernächste Woche nehme ich meinen ersten Klavierunterricht nach 35 Jahren. Das will gut vorbereitet sein. Die Pianistin lehrt an der Musikhochschule in München und beklagt sich über ihre Nebenfachstudierenden, die nie gut genug vorbereitet sind. Da möchte ich sie nicht enttäuschen und verknote des Öfteren die Finger beim zu schnell angeschlagenen Übtempo. Lernende werden bei komplizierten Passagen gerne mal langsamer, was ein Metronom oder die mitklatschende Lehrerin zu verhindern weiß. Dann ist ein Auffahrunfall vorprogrammiert. Noch habe ich ein paar Tage Zeit, das Tempo zu erhöhen. Und im richtigen, schnellen Tempo fühlt sich so eine korrekt gespielte Sechzehntelpassage von Bach fast wie ein Porsche an, den man mit 220 Km/h durch die Kurve jagt. Nämlich völlig irre.

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