(The Cure)
Der Sommer fordert schon im Frühstadium sein Tribut. Die sockenlos getragenen Schuhe hinterließen vorgestern an meinen Füßen riesige Wasserblasen, da ich einige Wege in der Stadt zurückzulegen hatte. Herr Rau als knight in shining armour, rettete mich mit Blasenpflastern. Ich wäre sonst wohl nur mit Blut im Schuh heimgekommen. Bei offenen Sommerschuhen entstünde dann so etwas wie eine Spur. Ich hätte aber nicht mit einem Prinzen gerechnet, geschweige denn mit sprechenden Tauben. Solche Märchen gibt’s in München nicht. Hier gibt es nur Großstadtvögel, minding their own picking business und ein paar Ortsansässige, die anhand des Bluttrocknungsgrades herauszufinden versuchen, wo möglicherweise eine Wohnung frei würde.
Während ich so vor mich heimhumpelte, fiel mir wieder auf, wie schwer es mir fällt, langsam zu gehen. In einer Großstadt hat das Leben einen anderen Puls. Wer beispielsweise in New York langsam geht, entlarvt sich automatisch als Tourist. Denn beim langsamen Gehen ist mehr Zeit zu Schauen. Stadtbummel heißt das Wort, mit dem ich nichts Gutes assoziiere. Ich habe einen Plan, ich habe ein Ziel, ich gehe schnell, um die Erledigung hinter mich zu bringen. Ich sehe auch so genug, denn das mobile Endgerät zücke ich nur, wenn mir etwas als fotografierenswert erscheint. Gestern erblickte ich morgens drei Nonnen eines ausländischen Ordens mit blauer Kopfbedeckung über einen Zebrastreifen laufen. Das Blau ihrer Schleier wiederholte sich im Straßenschild. Ein schönes Bild, das ich mich nicht festzuhalten traute, genau wie die sieben muslimischen Frauen, alle verschiedenfarbig und in edles Traditionstuch gehüllt, die fröhlich schnatternd hinter der Türe eines Escaperooms verschwanden.
Wie fotografiert man so eine Szene, die ihre Magie in der Bewegung und Unbedachtheit entfaltet? Spricht man die Personen an? Vermutlich würden sie dadurch ihre Natürlichkeit verlieren, vielleicht mit den Fingern Zeichen formen oder bewusst lächeln. Auf der re:publica ergab sich eine seltsame Szene, als Frau Kuchenschwarte mir die Hosenumschläge fixierte. Eine Frau stand direkt vor uns, um von uns ein Foto zu schießen. Ich wies sie auf Persönlichkeitsrechte hin und darauf, dass der Anstand es gebietet, die Abgebildeten um Erlaubnis zu bitten. Sie erwiderte, es sei hier allgemein erlaubt, Personen abzulichten. Nein, ist es nicht, denn der Unterschied liegt in der Art der Abbildung. Eine Person in der Menschenmenge zufällig zu fotografieren, ist etwas anderes als aus ihr ein zentrales Motiv zu machen.
Mit Persönlichkeitsrechten kenne ich mich aus, denn es geschieht häufig an Board, dass Personen ungefragt fotografiert werden. Hier fungiere ich als Hüterin meiner Schäfchen. Mehr und mehr Szenen ergeben sich mit Influencern, die man eher aus dem Sandkasten kennt als von erwachsenem Miteinander. Crewmitglieder, die während des Service oder bei der Sicherheitsdemonstration ohne Einverständnis gefilmt werden, entdecken sich selbst auf diversen Plattformen wieder. Eine Abmahnung ist den Meisten zu viel Aufwand, weshalb sich die Mitschnitte unter der Rubrik Kavaliersdelikte verbreiten. Erlaubt ist es nach wie vor nicht. In Ausübung des Berufes gefilmt zu werden, wo keine Ausweichmöglichkeit existiert, empfinde ich zudem nicht nur als respektlos, sondern auch seltsam. Der Tag wird kommen, an dem sich Kollegas gegenseitig beim Erstellen von Exceltabellen oder Präsentationen videographieren. Das ist womöglich die letzte Marktlücke im Bereich Selbstdarstellung, vielleicht aber noch nicht langweilig genug.
Manches Mal entstehen aber auch lustige Szenen, wie es bei einem englischsprachigen Passagier der Fall war, der sein Handy in der ersten Klasse über den Kopf hielt. Ich wies ihn darauf hin, dass andere Personen nicht ohne Einwilligung fotografiert werden dürften. Habe er nicht, behauptete er. Da ich aber meinen Job nicht erst seit gestern mache, ließ ich mir die Aufnahmen zeigen. Aus dem Motiv wurde ich nicht recht schlau. Vielleicht war ich versehentlich, wie in der Vergangenheit, in ein privates Album geraten? Eine glatte, spiegelnde Hautfläche, die sich als sein eigener Kopf entpuppte, war da abgebildet. Der Mann wollte sehen, ob die Glatze auch richtig sitzt. Sowas muss man mir, die mit vollem Haupthaar gesegnet ist, auch erst erklären.