Playing My Piano

(Weezer)

Nicht ganz krank, nicht ganz gesund, so tigere ich in meiner Wohnung umher. Ein bisschen fühle ich mich wie Rilkes Panther. Das Draussen zu warm und nur frühmorgens erträglich. Drinnen läuft der Ventilator im Dauerbetrieb. Wenn ich keine Termine habe, setze ich mich zu menschenerträglicher Zeit ans Klavier und übe. Ein Stück, immer dasselbe, bis es hoffentlich bald auch stressresistent genug zum Vortragen taugt. Es ist eine Sisyphosarbeit, die nichts mit Kunst zu tun hat. Ein Fehler, wiederholen der betreffenden Stelle, ein weiterer Fehler, die Stelle in sinnvolle Teile stückeln und auf verschiedene Weise langsam spielen. Dann wieder zusammenbauen, langsam und dieses Mal hoffentlich fehlerfrei. Dazwischen immer mal fluchend die Handgelenke ausschütteln. Bei Freeze im Kopf auch mal aufstehen und was anderes machen.

Sinnvolles Üben ist nicht mit einer Stunde abgehandelt, denn in einer Stunde passiert nicht viel. Gutes Üben geht oft nur ohne Termine. Die Übzeiten sind reglementiert, zwischen 9 und 13 Uhr und von 15 bis maximal 18 Uhr, wenn man die Nachbarn nicht zu sehr strapazieren will. Doch weder Körper noch Geist halten sich an diese Zeiten. Einmal zu müde, das andere Mal zu hungrig oder mit anderem beschäftigt oder irgendwas anderes passt nicht. Andererseits schlägt die Muse schon mal um halb zehn abends zu. Dann wünsche ich mir eine Villa mit eigenem Garten, in der ich mich bei geöffneter Veranda an den Flügel setzen und die ganze Nacht spielen kann. In Wirklichkeit macht das aber kein Mensch mit Villa und Flügel. Man muss die Sache schon wirklich wollen, um diese Mühen in Kauf zu nehmen.

Während mich das Klavierspielen noch zu Beginn des Jahres erfreulich fokussiert und geerdet hat, ist es schon nach kurzer Zeit wieder zur Verpflichtung geworden. Eine, die ich mir selbst aussuche, die aber andererseits nicht mit einem Mal erledigt ist. Ich glaube, das Erlernen eines Musikinstruments prägt eine heranwachsende Person auf vielfältige und vollkommen andere Weise, als es diverse Sportarten vermögen. Aufgeben ist keine Option, sich durchbeissen, geduldig werden und bescheiden, trotz scheinbarem Stillstand an den Fortschritt glauben und sich immer wieder selbst motivieren können. Da gibt es Jene, die schneller lernen als andere, denen bestimmte Fertigkeiten zuzufliegen scheinen. Aber auch die gelangen irgendwann an den Punkt, ab dem es ohne Disziplin nicht weitergeht. Den Augen des Publikums bleibt dieser Teil verborgen. Das Ergebnis ist strahlend schön, man spricht dann gerne von Talent oder gar Wunderkindern. Ein Märchen, das vom Talent, von weniger Disziplinierten gerne zitiert. Ich bin unmusikalisch, lautet die Entschuldigung, wenn es nach ein paar Wochen nicht wie vorgestellt klappt und auch nach einem Jahr Unterricht sich die Finger in der Mondscheinsonate verknoten. Für die scheint Beethoven übrigens Für Elise komponiert zu haben, denn drunter macht’s niemand, der sich am Klavier abmüht.

Sie merken es, der Rant ist für mich selbst geschrieben und ein bisschen im Namen aller, die sich um etwas bemühen, sich immer wieder motivieren, dem täglichen Scheitern aussetzen und trotzdem weitermachen. Als Kind war mir Üben verhaßt. Am Tag vor dem wöchentlichen Unterricht setzte ich mich ans Instrument und versuchte das aufzuholen, was ich eine Woche lang versäumt hatte. Das Drama endete meist mit dem Wunsch eines gebrochenen Armes oder mindestens eines Fingers, um der wöchentlichen Schelte zu entgehen. Und irgendwie ist es auch nach über 40 Jahren noch nicht anders. Einziger Unterschied: ich bezahle die Unterrichtsstunden jetzt selbst. Negative Verstärkung hält nie lange vor, die intrinsische Motivation lässt aber schon arg auf sich warten. Da hilft nur noch reines Pflichtbewusstsein, im Volksmund Disziplin genannt. Entschuldigen Sie mich, ich muss weiterüben. Donnerstag ist Unterricht.

[Das Beitragsbild ist eine Skulptur mit dem Namen Present Continuous. Ist bestimmt künstlerisch bedeutend, sieht für mich aber wie eine Person aus, die sich auf dem Heimweg übergeben musr]

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