(Benny Carter and his orchestra)
Die Ausstellung Colour Beginning der japanischen Künstlerin Rei Naito wurde gestern in der Pinakothek der Moderne eröffnet. Davon wusste ich nur, weil Kathrin in der Vernissage die Sängerin Monika Abel am Klavier für den musikalischen Rahmen begleitete. Ich muss gestehen, dieses Mal trotz der angeblich gesundheitlich angeschlagenen Stimme, am Ende sehr angetan gewesen zu sein. Dazu führte nicht nur die Auswahl der Lieder aus dem romantischen Repertoire, sondern vor allem die hervorragenden Einführungen von Dr. Michael Hering, der Verantwortliche der Münchner Graphischen Sammlung, sowie Dr. Alexander Hofmann, Experte für Japanische Kunst aus Berlin. Wie bereits bei der letzten Gelegenheit, waren die Erklärungen so plastisch, greifbar und verständlich, dass selbst Menschen ohne besondere Vorbildung auf die Betrachtung des Kunstwerkes umfassend vorbereitet wurden. Einzelheiten kann ich nicht einmal wiedergeben, den die stringende Erzählweise beider Kunsthistoriker lassen keinen Raum für Vereinzelung von Impulsen und schlussfolgernde Denkanstöße.
Was mich aber faszinierte, war die Idee, Farbe aus der Zweidimensionalität der Leinwand auszulösen und in Form von kleinen, runden, an Fäden herabhängenden Pompoms in den Raum zu projizieren. Alter Hut, Farbe, Installationen blablubb, man kennt das. Eben nicht! Was Naito hier in der Rotunde der Pinakothek erschuf, ist einzigartig. Die Flauschbällchen hängen so fragil unter der riesigen, luchtdurchfluteten Kuppel, man erkennt sie erst bei näherer Betrachtung. Mehr und mehr Pompoms, wie sie sie selbst bezeichnet, entdeckt man, je länger man nach oben schaut. Wer nachts den Sternenhimmel betrachtet, kennt das Phänomen, denn je länger die Augen im Dunklen adaptieren, umso mehr helle Punkte entdeckt man.

Ganz in japanischer Tradition, welche nur selten Aufdringliches darbietet, ist die Installation fragil. Ich erinnere mich an den riesigen Ball, den Howl, mit dem Amish Kapoor den Freiraum über drei Stockwerke zwischen die Galerien stopfte. Das genaue Gegenteil von luftig, leichter Unaufdringlichkeit. Betrachten kann man die Installationen gratis, von innen, der Kassenhalle unter der Lichtkuppel, und aussen durch die Glaseingang der Galerie. Allerdings wird man draussen, im Gegensatz zur Kapoorkugel nicht viel von den Pompoms sehen. Erst von oben betrachtet, eröffnet sich das Kunstwerk dem Betrachtenden als Ganzes. Fein austariert die Farbpunkte, im Räumlichen aufeinander bezogen, entwickeln die einzelnen Pompoms ein Bild von dem, was Naito vorschwebte. Offizielle Skizzen zum Schaffensprozess gab die Künstlerin nicht frei, doch existiert ein Foto ihrer Mappe, das Hering an diesem Abend zeigte. Die Anbringung dauerte angeblich zehn Abende, da erheblicher Aufwand vonnöten war. Große Empfehlung für Interessierte, und für mich statt Düsseldorf, Hamburg oder Bilbao zur Abwechslung mal ein Heimspiel.
Zum Schluss noch ein haikuartiger, vom Japankunstexperten vorgetragener Gedanke, dessen Beschäftigung mit Farbe und Form bis in allerfrüheste Kunstgeschichte reichte. Denn Farbe, und diese Idee war mir zwar neu, schien aber folgerichtig, begrenzt Raum und erschafft damit eine Form. Nein, weiß ist keine Farbe, es wäre zu einfach. Zwischendurch mal andere Signale über die Synapsen pfeffern als bloß „was koche ich morgen?“

Rei Naito Colour Beginning noch bis 30.8.26, inspirierend und ideal für laue Sommerabende







