Porcelain

(Moby)

Es gibt Sprüche, die begegnen einem immer wieder. Man sei so jung, wie man sich fühle oder, noch schlimmer, Alter sei ja nur eine Zahl. Die rangieren in meiner Abneigungsskala gleichauf mit reg‘ dich nicht auf oder in Jugendsprech chill mal, knapp überholt nur vom Spitzenreiter du musst loslassen. Dummschwätzer, denke ich unweigerlich, während ich innerlich auschecke. Warum sich die meisten Leute nicht so alt fühlen, wie es auf dem Papier steht, darüber schrieb ich bereits. Vorausgesetzt man ist bereits volljährig, ist In einer jugendfixierten Gesellschaft das Älterwerden negativ konnotiert. Davon existieren rühmliche Ausnahmen. Das sind meistens Menschen, die mit der Natur der Dinge rational wie emotional Schritt halten, indem sie sich mit den Gegebenheiten konfrontieren und dem Unausweichlichen gelassen begegnen. Oder man heißt Monica Bellucci beziehungsweise George Clooney als männliches Äquivalent. Dann braucht eins nur gute Gene oder einen guten Chirurgen und schon erübrigt sich die Auseinandersetzung mit dem leidigen Thema.

Akzeptieren was nicht zu ändern ist, auch eine dieser plakativen Weisheiten, die man häufig ungefragt um die Ohren gehauen bekommt. So easy. Am liebsten möchte ich sofort rückfragen, wie weit eins bei der Umsetzung des eigenen Ratschlags denn schon gekommen sei. Natürlich ist eine Auseinandersetzung mit dem Älterwerden auch gleichzeitig eine mit der eigenen Endlichkeit. Beruhend auf körperlichen Veränderungen, beobachten wir uns beim Vergehen. Seit einiger Zeit kommt mir beim Blick in den Spiegel immer mal der Gedanke Du bist jetzt eine ältere Frau in den Sinn. Ganz ohne Bedauern, eruierend, wie man morgens am Fenster die Wetterlage prüft. Seit der Trainingspause beobachte ich eine Beschleunigung des Verfalls. Mein Körper wandelt sich nun schneller in Richtung meiner subjektiven Vorstellung von höherem Alter.

Erstaunlicherweise komme ich damit, abgesehen von kurzzeitigem Hadern, ganz gut zurecht. Ich bin ja auch nach Lebensjahren eine ältere Frau. Kürzlich wurde ich firmenseitig gefragt, wann ich denn in den Ruhestand einzutreten gedenke. Es war wohl keiner meiner besseren Tage, denn vom gesetzlichen Rentenalter trennen mich noch einige Jahre. An guten Tagen habe ich übrigens Spaß am Auftakeln, mich zurecht Machen und stilvoll ein wenig aus der Masse Hervorstechen. Nicht für Aufmerksamkeit, sondern weil ich mich damit schön fühle. Über das ein oder andere Kompliment freue ich mich natürlich. Insgesamt war ich aber noch nie zuvor so einverstanden mit meinem Körper wie derzeit. Auch an mehr Kilos und tiefere Falten, lockerer hängende Partien und andere Alterserscheinungen gewöhne ich mich sukzessive. Das war nicht immer so, denn ich wuchs unter dem urteilenden Blick meiner Mutter auf. Meine Körperform hat sie nie kommentiert, allerdings hörte ich sie oft über andere diesbezüglich abfällig reden.

Im Grunde weiß ich, dass sich alle geäusserte Geringschätzung vor allem auf jene bezieht, die man sich selbst gegenüber hegt. Das Thema Gewichtszunahme ist Indikator für die Stimmungslage meiner Mutter, der stille Vergleich mit der unbarmherzigen Norm unvermeidlich. Als ich vor ein paar Jahren noch Kleidergröße 36 mit Tendenz nach unten trug, war das Thema Abnehmen der Dauerbrenner im wöchentlichen Telefonat. Damals litt ich unter extremer Schlaflosigkeit, Haarausfall und ausgeprägt dunklen Augenringen, die wirkten, als sei ich frisch für einen Auftritt in der Geisterbahn geschminkt. Das schien sie aber nicht zu interessieren. Die 36er Klamotten gab ich kürzlich an eine zwanzig Jahre jüngere Freundin weiter und kaufte mir passende zwei Nummern größer. Ich glaube nicht an ein selbstdefiniertes Normalniveau, auf das ein Körper automatisch zurückschwingt. Was eine Person als normal empfindet, ist im Grunde nur der Zustand, in dem sie sich selbst am längsten kennt. Jede gravierende Abweichung wird wie eine Ausnahme behandelt. Am Ende ist der gesamte Alterungsprozess ein irreversibler Ausnahmezustand. Aber Falten fühlt man nicht, die tun nur im Spiegelbild ganz kurz ein bisschen weh.

Kommende Woche findet die Trauerfeier meines Patenonkels statt. Die Witwe ist inzwischen 84 und immer noch eine schöne Frau. Das sagte ich ihr, als sie sich vor einiger Zeit auf ihre vergangene Schönheit besann. Sie quittierte meine Aussage mit ungläubigem Lachen. Manchmal frage ich mich, ob meine Bewertung nur mehr einbezieht als gesellschaftliche Normen oder ich gar etwas wahrnehme, das anderen entgeht. Wie dem auch sei, bin ich der Überzeugung, dass die eigene Einstellung vom Gegenüber bewusst oder unbewusst wahrgenommen wird. Und eine wertneutrale Atmosphäre wirkt auf die entlastend, die von streng Beurteilenden umgeben sind, sei es durch ständige Bewertung anderer oder den internalisierten Kritiker.

Weil sich nun alles im Leben immerwährend wandelt, ist der Prozess der Anpassung ein anhaltender. Es könnte sein, dass ich zukünftig wieder mit der Vergänglichkeit hadere und beschließe, da müsse aber jetzt endlich mal was geschehen. Dem Leben etwas Bleibendes entgegensetzen, das symbolische Sportcabrio als Äquivalent für unwiederbringliche Zeiten. Mit einem Blick auf den Kontoauszug wird’s wohl kein Statussymbol werden und auch keine chirurgische Korrektur. Viel jüngere Liebhaber wirken sich auch nicht zwingend vorteilhaft auf die Auseinandersetzung mit der späteren Lebensphase aus und eine Trennung kostet zusätzlich graue Haare. Für das Tal der Tränen gibt es keine Abkürzung. Man kennt es aus den Heldensagen. Mitten durch führt der Weg, immer nach vorne, nie zurück. Manch eine Person läuft lieber vor etwas weg als auf etwas zu. Am Ende aber wartet, je nach Einsicht, entweder die beste Version unserer selbst oder eben eine gleichbleibend schlechtere.

Weg, Ziel, blabla, denke sicher nicht nur ich an dieser Stelle. Vielleicht einfach mal einen Hüpfer einbauen oder Schlangenlinien, eine kleine Spur nebendran ziehen, als Impuls für Mitlaufende oder kurz stehenbleiben, um die Umgebung wahrzunehmen. Die Erinnerung verpasst allen Bildern noch einen merkwürdigen Filter und danach war alles nicht so schlimm wie zwischendrin. Wie immer kann ich so einen Text nicht ohne sinnige Schlussfolgerung oder Metapher beenden, zu schwer wiegt der eigene Erwartungdruck. Achtung, hier kommt’s: Die Porzellankiste auf dem Weg immer gut festhalten, damit am Ziel nicht nur Scherben bleiben. Das gilt vor allem für Elefanten und solche, die dazu geworden sind. Denn nicht alle Scherben bringen Glück, und ohne Essgeschirr geht die ganze Kultur zum Teufel. Machen Sie mit dem Vergleich was immer Sie wollen.

12
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner