Ruby Through The Looking Glass

(Tori Amos)

Zwei ganze Tage bin ich mit meiner neuen Gleitsichtbrille herumgelaufen. Obwohl ich schon vorher eine besaß, trug ich die nur abends oder wenn die Kontaktlinsen dringend raus mussten. Sie war vor allem zum Lesen gedacht und schließt viel Draussenbewegung nicht mit ein. Die neue Brille sitzt bequem, trotzdem habe ich abends Druckstellen auf dem Nasenrücken. Auf der Straße ist mein Gesichtsfeld erheblich eingeschränkt. Ich erkenne sehr schlecht, wenn sich mir Personen von schräg hinten nähern, genau wie ich für heranfahrende Autos jetzt den Kopf wenden muss. Ganz abgesehen vom sich ständig bewegenden Seheindruck, der mich nach ein paar Stunden sehkrank fühlen lässt (sry, der musste…)

Das ist insgesamt sehr bedauerlich, denn im Allgemeinen finde ich Brillen toll. Menschen, die Brille tragen, wirken sofort eine Stufe schlauer, die vielfältigen Modelle akzentuieren den persönlichen Stil und manch einer sieht mit Brille gleich viel besser aus als ohne. Wenn Männer mit Sehschwäche ihre Brille abnehmen, weckt das meinen Beschützerinneninstinkt. Dann möchte ich sie am Arm nehmen und über die Straße führen. Vom Gehweg gegenüber zu meinem Hauseingang. Und ganz vielleicht hat das auch mit meiner eigenen Sehschwäche zu tun. Denn in der Entwicklungsstufe einer etwa Vier- bis Fünfjährigen beginnt die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Ich erinnere mich an ein kleines Mädchen, das sich die Hand vor die Augen hielt und rief: „Such mich, ich bin da drüben!“ So möchte ich behaupten, dass die Lernziele im Perspektivenwechsel bei manchen Erwachsenen immer noch nicht vollständig abgeschlossen sind. Denn zu oft gehen wir davon aus, dass andere die Welt so wahrnehmen wie wir.

Nehmen wir einmal den Bereich Farbwahrnehmung. Wie können wir sicher sein, dass Andere Farben genauso sehen wie wir selbst? Ein weites Forschungsfeld, diese Wahrnehmung, doch gibt es nicht nur wissenschaftliche Bestrebungen, hier die Unterschiede zu konstatieren. Ich denke an Yves Klein, der sein monochromes Blau entwickelte. Vor solch einer riesigen monochromen Blaufläche saß ich mal eine halbe Stunde im Centre Georges Pompidou, so lange, bis ich darin versank und mich vollkommen auflöste. Andere Menschen bevorzugen vielleicht die roten Farbkompositionen von Rothko, weil rot ihre Lieblingsfarbe ist. Mit rot konnte ich, abgesehen von Kleidungsstücken in Kombi mit schwarz und Lippenstift, nie so recht was anfangen. Manchmal denke ich, vielleicht sehen die Rotbevorzugenden einfach das, was ich als blau wahrnehme. Das ist, wissenschaftlich gesehen, natürlich völliger Unfug. Sind ganz andere Zellen, die da in den Sehzäpfchen zerfallen. Und unter Wasser bleibt die Farbe rot am längsten erhalten, je tiefer man taucht, während blau schon nach wenigen Metern verschwindet.

Zurück zu meiner neuen Brille, denn die Optikerin gab sich reichlich Mühe, meine schlechte Erfahrung von vor etwa 12 Jahren wettzumachen. Damals ließ ich meine Augen extra vermessen. Bei Weitsicht ist das kein leichtes Unterfangen. Der Augenarzt meinte, man müsse die Augenmuskulatur schon ausschalten, um das Ausmaß der Fehlsichtigkeit feststellen zu können. Dann sei aber keine Vermessung mehr möglich. Und der Optikfachmann rief nach der Messung freudig, meine Sehstärke hätte sich ja nach zehn Jahren, denn so lange lag die erste Brillenanschaffung in besagtem Laden zurück, überhaupt nicht verschlechtert. Mit dem Ergebnis kam ich damals so schlecht zurecht, dass ich mir künftig Brillen recht günstig in Hongkong anfertigen ließ. Die machen eine Gleitsichtbrille in einem Tag und liefern sie in’s Hotel. Für die neue Brille nahm ich die alten mit in’s Geschäft und betonte, ich käme damit hervorragend zurecht. Die Optikerin addierte wohlweislich noch ein paar Dioptrien und merkte an, ich würde die Augenmuskulatur ungewöhnlich stark beanspruchen. Ja, so bin ich. Not taking anything for granted, auch keine optischen Sinneseindrücke. Was man sich erarbeitet, ist doch gleich ein bisschen mehr wert.

Das Warten hat sich gelohnt. Insgesamt bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Allerdings werde ich auch zukünftig morgens zu den Kontaktlinsen greifen, denn wenn ich mich viel bewege, vor allem beim Tanzen, stört diese ständig wabernde Umgebung doch enorm. Wenn ich aber im Gespräch die Brille absetze, weil sie ein bisschen auf der Nase drückt, dann liest mein Gegenüber in die Geste Unterschiedliches hinein. Diesen Spielraum nutze ich jetzt ganz bewusst für mich. Eine Sprechpause in Kombination mit einem Blick ohne Gläser, reicht durch seine Unmittelbarkeit an die Intensität eines Röntgenblickes. Die Leute wissen ja nicht, dass ich sie auf diese Weise überhaupt nicht mehr scharf sehe und nur ihre Nasenwurzel fixiere. Weil sie von sich ausgehen und ihrer eigenen Wahrnehmung.

Nachtrag: ja, ich weiß, dass looking glass zu deutsch nicht Brille, sondern Spiegel heißt. Ambiguity is my specialty.

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