Safe From Harm

(Massive Attack)

Heute habe ich eine Blockflöte gekauft, und das klingt ein wenig wie eine Wassermelone getragen. Erratische Assoziationen von fiepsenden Kindern und gequälten Eltern, von schräg klingenden Weihnachtsliedern und schlimmen TikToksounds. Die meisten Anfangsblockflöten sind inzwischen aus Plastik, weil die Kinder da immer so viel reinspucken und von Spucke das Holz aufquillt. So eine hatte ich mal, finde sie aber nicht mehr. Vermutlich im Aufräumwahn verkauft. Dabei hab‘ ich mal echt gut gespielt, so richtig mit Technik und allem. Eine Schulfreundin wurde belächelt, weil sie nach dem Abi in Köln Blockflöte studierte. Genau das, was man sich so als Eltern wünscht. Schlimmer ist nur noch ein Eurythmiestudium. Aber die Eltern zukünftiger Kinder sollten es einmal besser haben als wir. Pädagogisch wertvoller Selbstausdruck statt durchdringendes Geschrei. Das Instrument wird bald zum Einsatz kommen. Die Schwägerin verbittet sich Kastagnetten und anderes Schlagwerk. Seit dem Xylophon befinden wir uns ein Instrument vor Ausgraben des Kriegsbeils. Und da dachte ich, so ne Blockflöte sei genau das Richtige. Subtiler als Kastagnetten und günstiger als eine Posaune.

Abgesehen von dieser weitreichenden Entscheidung ist nicht viel passiert. Ich schreite zurück, womit ich ganz im Trend liege, denn auch unsere Gesellschaft macht Rückschritte. Aber das wissen Sie schon und haben sich in irgendeinem Onlinemedium Luft verschafft. Höchst wahrscheinlich haben Sie dafür viel Zuspruch geerntet. Doch von positiver Resonanz allein passiert halt nicht viel. Da braucht’s schon lautere Misstöne, wenn die Gegenseite so richtig Wums hat. Was die gut können, ist Zugehörigkeit mittels zweifelhafter Narrative zu schaffen. Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis zur Sicherung des eigenen Überlebens. Wieso können wir das nicht? Ach so, die Gruppen des Widerstands sind zu heterogen. Die einen kämpfen gegen die Zerstörung der Umwelt, andere für die Rechte von Minderheiten und wieder andere kaufen Schiffe, um Ertrinkende vor den Mittelmeerküsten zu retten. Ziviler Ungehorsam schön und gut aber das mit den Klimaklebern geht dann doch zu weit. Überhaupt könne man von Greta halten was man wolle aber so ganz konsequent war sie in ihrer Ideologie auch wieder nicht. Und ich frage mich, wieso wir uns an Fehlern hochziehen, verurteilen und totdiskutieren, während sich die anderen längst an die Umsetzung ihres Plans gemacht haben.

Eine zündende Idee habe ich (noch) nicht. Ein erster Schritt könnte sein, die Welt nicht durch die Brille der Polarität zu betrachten. Niemand ist nur gut oder nur böse, niemand ist unfehlbar. Wer polar denkt, spart sich eine Menge Denkarbeit, könnte aber leicht das Thema verfehlen. Die erfolgreichsten Bewegungen waren selten nur gegen einen Zustand, sie hatten eine verbindende Vision. Vermutlich geht’s denen, die was tun können, noch zu gut. Die lassen sich mit einem tiefen Seufzer aufs Sofa fallen oder widmen sich nach der Tagesschau dem Abwasch. Und weil der Mensch immer weiter macht so lange es noch geht, muss der Karren erst im Dreck versinken. Noch ist der Dreck wohl nicht hoch genug und die Not nicht bis in die eigenen vier Wände eingedrungen. Das tägiche Dilemma lautet Verdrängung zum Aufrechterhalten individueller Interessen oder raus aus der Bequemlichkeit und mal mit anderen gemeinsame Sache machen. Eine Revolution findet wie eh und je fern von Bildschirmen und gemeinsam mit anderen auf der Straße statt. Da gibt es keine Ausreden, das schaffen sogar Omas.

Was das alles jetzt mit dem Kauf einer Blockflöte zu tun hat, wird sich die geneigte Leserschaft fragen. Ich meine, hey, wo wir als Kind unseren Eltern mit einem harmlosen Instrument den letzten Nerv geraubt haben, da ist doch bestimmt mehr revolutionäre Energie vorhanden. Wie einfallsreich wir damals waren, wenn es darum ging, elterliche Verbote zu umgehen und wie geschickt, um nicht erwischt zu werden. Blockflöten gegen rechts hört sich eingängig an. Vor zwei Jahren wurde auf diese Weise eine A*D Kundgebung in Hamburg übertönt und Hasnain Kazim hat früher schon mal die Nationalhymne gegen Rassismus geflötet. So abwegig scheint der Gedanke also nicht zu sein. Jede und Jeder mit den eigenen Mitteln. Man könnte gegen rechts stricken, natürlich nur linke Maschen, oder kochen. Am Rande einer Versammlung so fies mit einem Schuss Rizinusöl Gekochtes verteilen. Die Möglichkeiten sind derer unendlich und der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Und wenn Sie nichts können, dann können Sie einfach nur sitzen. Es braucht keinen zivilen Ungehorsam aber in vielen Situationen Zivilcourage, vor allem wo sich Hass gegen Minderheiten richtet. Einzige Bedingung: es muss draussen stattfinden, damit sich andere dazusetzen können. Dann drücken wir ein Auge zu, wenn die mit dem SUV um die Ecke parken oder ihre Kleidung in Indien nähen lassen, denn dann gehören die in dem Moment einfach dazu. So hat das früher funktioniert und so funktioniert es auch heute noch.

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