Shine On You Crazy Diamond

(Pink Floyd)

Gelegentlich kommt so ein Moment, in dem man innehält und sich fragt, wie es denn nun weitergehen soll. Nicht nach dramatischen Ereignissen, nach denen man sofort weiß, dass sich was verändern wird, nicht die Auswirkungen großer oder kleiner Krisen. The Aftermath, übrigens ein schönes Wort, denn am Ende wird, je nachdem, zusammen- oder aufgerechnet, zumindest in meinem frühmorgendlichen Hirn. Ich habe ein gerahmtes Plakat vor Augen, das seit Umgestaltung meines Flurs im Bad hinter der Türe steht. Es fand sich kein passender Platz mehr, dann stellte ich es provisorisch mit der Ahnung dort ab, dass es sicher für lange Zeit dort bleiben wird. Man kennt das, wenn Provisorien nicht innerhalb eines Jahres aufgelöst werden, integrieren sie sich in tägliche Gewohnheiten. Somit fällt mein Blick jeden Morgen von der Toilette auf dieses Ankündigungsplakat einer Ausstellung mit Werken von Dora Maar.

Die Fotografie zeigt eine Frau, die mit geschlossenen Augen in einem Pool unter Wasser zu schweben scheint. Ein Abbild der surrealen Fotomontage ist hier unter #2 zu finden. Die Ausstellung fand vor ziemlich genau 25 Jahren im Haus der Kunst statt. Ich weiß auch noch sehr genau, mit wem ich diese Ausstellung besuchte, denn der Schenkende schrieb eine Widmung auf die Rückseite des Plakats. Kurz danach hatte ich abends in strömendem Regen einen Fahrradunfall mit Schleudertrauma und geprellten Rippen. Wie lange diese Liaison hielt, weiß ich nicht mehr, und auch nicht, was sich sonst noch so ereignete, kann mich aber noch gut an die Unfallschmerzen erinnern, und wie er zunächst weiterfuhr, dann aber umkehrte, um sehr hilflos in der Gegend herumzustehen. Spätestens nach 25 Jahren kristallisiert sich das wirklich Wichtige heraus, während Nebensächliches in der Erinnerung verschwindet.

Jedes Mal wenn mein Blick auf dieses Bild fällt, versuche ich mich an das Gefühl zu erinnern, mit dem ich durchs Leben ging. Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Hoffnungen, Wünsche und Sorgen andere als die waren, die sich erfüllten. Ich weiß, dass ich mir damals meine Zukunft abweichend von dem vorgestellt habe, was sich dann im Laufe der Jahre manifestierte. Die Konsequenz aus diesem Gedanken ist folglich, mich heute mit dem zu beschäftigen, was ich mir für die kommenden 25 Jahre wünsche, sollte mir noch so viel Zeit gegeben sein. Geht mir weg mit Euren Dreijahresplänen, ich plane in großem Stil. Denn wer keine Pläne verfolgt, wird vom Leben gelebt. Quasi ein Leben im default mode. Freier Wille hin oder her, ein Vorsatz weist die Richtung. Auf der Reise warten am Wegesrand Begegnungen und Möglichkeiten, die ich ansonsten übersehen hätte. So war’s zumindest in der Vergangenheit.

Sicher hattenumwälzende Ereignisse früher noch eine höhere Eintrittswahrscheinlichkeit. Berufswahl, Familienplanung, you name it. In unseren Köpfen ist Kontinuität werksverankert und dreht zwar gelegentliche Sorgenschleifen, die aber dann nie zu brauchbaren Ergebnissen führen. Von Schicksalsschlägen absehend, dürfen meine äusseren Gegebenheiten gerne so bleiben, die finde ich nämlich ganz in Ordnung. Meine Frage konzentriert sich darauf, wer ich innerhalb dieser Vorgaben sein möchte. Will ich grießgrämig und verschlossen sein, wie ich es an Menschen meines Alters und älter beobachte oder möchte ich lieber neugierig und offen bleiben. Eine fast rhetorische Frage, die sich die Krückstockfuchtelfraktion, als klassisches Beispiel für default mode, sicher so nie stellte. Alle Menschen, die ich im Laufe meines Lebens kennenlernte und die sich noch im hohen Alter weiterentwickelten, waren durchweg reflektiert und neugierig, beschäftigten sich wertfrei mit Neuem, waren zu Scheitern bereit und überwanden auftauchende Hürden. Die Wissenschaft bezeichnet das als neuronale Plastizität. Ob eins Neues lernt oder Altes wieder auffrischt, es ist ein ähnlicher Mechanismus.

Nun ist es so, dass dem, der alte Denkmuster aufbricht und Neues wagt, Widerstände begegnen. Diese Widerstände kommen meistens in Form anderer Leute daher. Häufig handelt es sich um jene, die mit Neid auf das blicken, was man selbst erreicht hat oder sich zu erreichen vornimmt. Sie könnten selbst neue Wege beschreiten, fürchten sich aber vor dem Aufwand und möglichem Versagen. In Folge rechtfertigen sie ihre eigene Starrheit lieber durch Abwertung derer, die etwas umsetzen, was sie für sich selbst ausschließen. Als ich vor 15 Jahren nochmal zu studieren begann, hörte ich die Sprüche fast täglich. Lernen sei ja im Alter viel schwerer, und auf Charakterliches bezogen wurde Hänschen oft und gerne zitiert. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, es ist ungefähr gleich schwer aber immer möglich, vorausgesetzt man glaubt den Stimmen draussen und im Kopf nicht. Nur die Herausforderungen ändern sich im Laufe des Lebens. Während ich mich früher fast ausschließlich auf mein Studium konzentrieren konnte, musste ich später die Lernphasen und Praktika an mein Berufsleben anpassen. Als ich mit Mitte Dreissig intensiv in diversen Tanzrichtungen trainierte, musste ich körperliche Herausforderungen bewältigen. Und wenn man beim Hiphop altersmäßig eher zur Gruppe der wartenden Begleiteltern tendiert, heißt das noch lange nicht, dass daraus nicht auch ein schönes Miteinander mit Jüngeren entstehen könnte.

In Bezug auf Einstellungen und Werte sieht es ähnlich aus. Ich kann mich entweder von Wahrscheinlichkeiten und Befürchtungen beeinflussen lassen oder sehe Möglichkeiten und Wege. Das eine führt zu Lähmung, das andere zu Bewegung. Vor zwanzig Jahren beschloss ich, nicht mehr in allgemeiner Ablehnung zu verharren. Ich distanzierte mich von Wettbewerbsgedanken und davon, andere schlechtzureden, um selber besser dazustehen. Bei dem Vorsatz alleine blieb es nicht, denn diese Fähigkeit braucht anhaltendes Training. Auch hier wieder die Gruppe der Verhärmten als abschreckendes Beispiel, die ich nicht verurteile, denn ich verstehe ihre Motivation, denen ich aber in meinem Leben keinen Einfluss mehr einräume. Statt dem Gedanken nachzugeben, etwas ginge nunmal nicht, frage ich lieber, wie ich es dennoch anstellen könnte. Erstaunlicherweise fand sich immer ein Weg, ein steiniger zwar aber hey, wer kann schon wählerisch sein. Vermutlich verstehen Sie, worauf ich hinaus will.

Inzwischen weiß ich, auf welche Menschen ich mich einlasse und mit wem ich lieber weniger Zeit verbringe. Ich weiß auch, dass ich weicher sein kann, weil ich meine Grenzen um mein Herz klarer ziehe. Ich kenne meine Mechanismen und Knöpfe, bei denen ein altes Muster anspringt und ich meine Weichheit ausnutzen oder mir Energie saugen lasse. Menschliche Begegnung ist nach wie vor ein essenzielles, erstrebenswertes Bedürfnis in meinem Leben. Austausch und Verbindung funktioniert für mich in gegenseitigem Wohlwollen und Ehrlichkeit; tiefe Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber. Dann werden Begegnungen für beide Seiten bereichernd statt zehrend. Damit das so bleibt, ist ständige Rekalibrierung meiner Absichten, Gedanken, Worte und Taten notwendig. Auch in diesem Bereich wieder zur Abschreckung der default mode. Konkretere Gedanken zum 25 Jahresplan gibt’s ein andermal. Immerhin wissen Sie jetzt, was ich morgens so mache, während ich auf der Toilette sitze.

21

2 Kommentare zu „Shine On You Crazy Diamond“

  1. „und wie er zunächst weiterfuhr, dann aber umkehrte, um sehr hilflos in der Gegend herumzustehen“

    Mein Vater erzählte, wenn man wirklich wissen will, ob Dein Gegenüber ein echter Freund ist oder nur so, eine Bekanntschaft, soll man diesen Menschen mit in die Berge nehmen. Nach ein paar Tagen in der Wildnis wird jede:r müde eine Rolle zu spielen. Dann zeige sich der wahre Mensch.

    • Man solle Menschen nicht in guten Zeiten beurteilen, sondern danach, was sie in schlechten tun.

      Im Allgemeinen zeigen Menschen dann ihr wahres Gesicht, wenn es schwierig wird und mühevoll. Wie sie reagieren, wenn die Ressourcen knapp werden und sie selbst am eigenen dünnen Faden hängen, ob sie sich dann noch gütig und wohlwollend anderen gegenüber verhalten oder grundlos garstig werden und ungerecht. Die wahre Meisterschaft auf diesem Gebiet zeigt sich nämlich unter Druck.

Die Kommentare sind geschlossen.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner