Slow Hot Wind

(Sarah Vaughan)

Während die Stadtmenschen von der Hitze tags wie nachts bebrütet werden, habe ich die vorsorglich im Februar bestellte Klimaanlage in Betrieb genommen. Es ist erstaunlich, wie schnell Dinge wie Extremtemperaturen, hohe wie niedrige, in Vergessenheit geraten. Denn wenn ich so nachdenke, erscheint mir der vergangene Sommer nicht allzu heiß gewesen zu sein. Den vor zwei Jahren hingegen empfand ich, genau wie die davor, als unerträglich. Vor allem erinnere ich mich leidvoll an die Schlaflosigkeit. Unter normalen Umständen gleite ich innerhalb von Sekunden nach Einnahme der liegenden Position in tiefe Bewusstlosigkeit. In jenen Jahren fühlte sich aber jegliche Berührung mit der Matratze wie ein glühender Kohleteppich an. Mit dem Ergebnis, dass ich nach einer halben Stunde wieder aufstand, um Nachtbekleidung und Bettlaken zu wechseln, denn die waren nassgeschwitzt. Insgesamt waren dies die schlimmsten Wechseljahrsbeschwerden, unter denen ich litt, während ich alle Vorteile, wie die einsetzende Chuzpe, für mich zu nutzen wusste.

Die Jahre zuvor lief nachts leise schnurrend ein Ventilator vor meinem Bett, dessen Wind seicht über meinen Körper strich. Ein warmer Wind, so viel angenehmer als stehende Luft, reichte vollkommen aus, um mich durchschlafen zu lassen. Als es nicht mehr zu Träumen vom Scirocco an der Mittelmeerküste führte, sondern zu jenen von Machetenkämpfen mit Regenwäldern und wilden Tieren, wobei ich jeden Zweikampf mit dem Spannbettlaken ausnahmslos für mich entschied, war der Weg zur Klimaanlage nicht mehr weit. Vorher hatte ich aber noch eine andere Idee. Wo doch fast alles mit der Kraft der Gedanken steuerbar sei, müsse man dem Organismus nur lange genug einreden, die Hitze sei völlig normal und kein Anlass für eine Übersteuerung der inneren Temperaturregelung. Man könne dem Körper bestimmt weis machen, es sei überhaupt nicht warm, sondern eigentlich Winter, währenddessen man auf jedes zusätzliche Grad mit Dankbarkeit reagierte. Irgendwo auf der Welt ist ja immer Winter.

Wo Yogis tagelang ohne Nahrung in abgelegenen Berghöhlen existieren und andere sich in der Arktis nackt unwirtlichen Witterungsbedingungen aussetzen, ohne Schaden zu nehmen, da könnte ich diese Art Selbstbeherrschung sicher auch lernen. Die Chuzpe für solch ein Vorhaben war ja vorhanden, mein Sparringspartner, ein Duschvorhang, dessen nasskalte Anhänglichkeit mich immer wieder unangenehm überraschte. Wieso sollte das nicht auch mit Schwitzen funktionieren, was ich in Bezug auf Schmerzwahrnehmung schon mehrfach umsetzte. Tägliche Desensibilisierung bei über 29° Raumtemperatur mit steigender Tendenz würde bestimmt bald Ergebnisse zeigen. Mein Training bestand aus der Vorstellung von Minusgraden, mein Mantra lautete Akzeptanz, mein erklärtes Ziel bestand darin, eine Daunenjacke für mindestens 10 Minuten zu tragen ohne zu kollabieren. Das mit der Akzeptanz erwies sich als hilfreich, die Daunenjacke im Hochsommer aber als Idiotisch und Erinnerungen nicht ohne weiteres abrufbar. Irgendwo zwischen Sinneseindruck und -verarbeitung war etwas falsch verkabelt oder genau richtig aber keineswegs mit der Führungsebene abgestimmt.

Probier ich’s halt mit Ernährungsumstellung, dachte ich mir. Das lief besser, denn während ich konsequent auf Zucker und Brot sowie leere Kohlehydrate verzichtete, schien das nächtliche Schwitzen merklich nachzulassen. Allerdings musste ich in Folge meine Garderobe erneuern. Nach Aussortieren der zu weiten Kleidung hatte ich wieder Appetit auf Eis, genauer gesagt auf Schokoladeneis, das nur aus Einliterbehältnissen richtig gut schmeckt. Ich konnte stundenlang an solch einer Portion essen und schwitzte währenddessen überhaupt nicht, dafür aber wieder nachts. Meine Recherche bezog sich in Folge weniger auf Methoden, wie ich zu besserem Nachtschlaf finden würde, sondern welches Klimagerät mit meiner Wohnsituation am sinnvollsten zu kombinieren sei. Das Resultat entfacht einen monoton brummenden Mistral zwischen meinen vier Wänden und zwei Ohren. Wenn doch nur alles so einfach zu lösen wäre.

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