Smooth Operator

Als hätte ich es herbeigeschrieben oder bräuchte gar Beweise für meine Vertrauensthese, hat sich in den letzten Tagen so einiges von alleine gelöst, sich ergeben, Lücken gefüllt und in naher Zukunft für glatte Abläufe gesorgt, wie ich es besser nicht hätte planen können. Die alte Chefin war telefonisch erreichbar und gab wichtige Hinweise für das bevorstehendes Gespräch mit dem neuen. Es menschelt allerorten, und vielleicht muss mir der Personalvertreter nächste Woche dabei überhaupt nicht mehr verbal das Händchen halten. Denn sie sagte, der Neue, das sei ein Guter, und wenn die ex Chefin das sagt, dann ist das so. Altes, 17 Jahre lang erprobtes Cheffinnengesetzt. Mal sehen, ob er sich als der Vorschusslorbeeren würdig erweist. Auch der Wiedereinstieg wird dank Urlaub und der Terminsituation beim flugärztlichen Personal ein gleitender. Durch die Lüfte gleite ich hfrühestens wieder Anfang Juni, die Firma aber zahlt die Tage bis zum Takeoff. Smooth, wie es so schön in Alltagssprech heißt.

Auch glatt ist das Ergebnis meiner erneuten Fensterfolienklebeaktion. Die kühlende Wirkung hat sich bei Sonneneinstrahlung der letzten beiden Tage bereits entfaltet. Möglicherweise brauchte ich nur ein wenig Übung und kleinere Flächen. Wie dem auch sei, ich hätte arg an mir gezweifelt, hätte ich es nicht besser hinbekommen. Unverhofft verfügte ich über mehr Zeit, denn der Therapietermin fiel aus, wie bereits vor Wochen im Kalender eingetragen. Man muss es sich nur merken oder, falls man es nicht im Kopf hat, nachschauen.

Durch die Unregelmäßigkeit meiner Arbeitszeiten, kann ich nie länger als einen Monat vorplanen und mit Sicherheit zusagen schon gar nicht, denn sollte ich krank sein oder aus anderen Gründen ausfallen, hat sich der Folgeplan erledigt. Dann ist wieder alles offen, faîtes vos jeux, rien ne vas plus. Die Tatsache an sich empfinde ich nicht als schlimm. Im Gegenteil, es war eines der Kriterien für die Wahl meiner Tätigkeit. Was unangenehm ist, sind Terminvereinbarungen mit langer Vorlaufzeit. Empfangspersonal in Arztpraxen hängt mit mir etwas länger als üblich in der Leitung, wichtige Termine lege ich schon mal in Urlaubstage und Handwerksbetriebe halte ich anderweitig bei Laune. Nur im Bekanntenkreis ist es nicht gerne gesehen, wenn ich mich nicht festlegen kann. Das wirkt immer ein wenig unverbindlich, wie so Menschen, die sich alle Optionen offenhalten wollen. Man kennt es von Silvesterparties.

Andererseits sage ich sehr selten ab und versuche im Bereich meiner Möglichkeiten die Flüge während der Requestphase so zu legen, dass ich für wichtige Ereignisse frei habe. Das gelingt natürlich nicht immer, denn es gilt viele Einflussfaktoren zu beachten. Da ist die Variable maximaler Flugstunden pro Monat, die ich erfüllen muss und die Verfügbarkeit der Flüge, denn die werden nach Seniorität vergeben, nach Sprachkenntnissen und nach Gerechtigkeit. Beispielsweise liegt ein Einsatz zweimal in Folge nach Bangkok oder Kapstadt im Bereich des Unmöglichen. Das sind im Kollegium beliebte Ziele, der eine ein Nachtflug und der andere ein schöner Aufenthalt vor Ort. Also requeste ich unbeliebtes Zeug, Flüge die niemand haben will, weil sie entweder sehr anstrengend sind oder das Layover ennuyant. Damit kann ich leben, denn im Gegensatz zu Anderen fliege ich nicht für Hotelparties. Mir ist meine Freizeit wichtiger. Im Umkehrschluss bedeutet es aber auch durch harte Flüge, harte Monate beissen.

Mehr als zwei private Termine schaffe ich nicht, im neuen Monatsplan zu verbauen. Bei Ankündigung ist der Bekanntenkreis eingesäuert, weswegen ich lieber erst absage, wenn meine Teilnahme absehbar unmöglich ist. Abgesehen von begehrten und teuren Konzertkarten, ist dieser Zustand für mich als rundherum zuverlässige Person eine Herausforderung, die es jeden Monat erneut zu bewältigen gilt. Dann sitze ich auch mal mehr als zwei Stunden online über der Planbastelei, nur um eine Woche später, nachdem das System drüberoptimiert hat oder die Planung eingegriffen, festzustellen, dass da irgendwo ein Bodenereignis, eine Schulung oder eine Veranstaltung, eine Standbyline oder was anderes gelegt wurde, was wegen Ruhezeiten nach Flügen oder anderen Bedingungen meine private Planung völlig über den Haufen wirft und die von mir gelegten Flüge obsolet macht.

Vielleicht wird jetzt ein wenig verständlicher, wieso ich mich lieber gelassen gebe als den Ärger hin, wieso ich mich mit Zufällen und Fügungen beschäftige und die Dinge einfach so nehme, wie sie kommen. Es ist das Ergebnis von 27 Jahren Umgang mit Abwesenheiten von Grillabenden, Geburtstagsparties und Beerdigungen, mit verlorenen Bekanntschaften und minimiertem Freundeskreis, mit Leben ohne Vorsorgeuntersuchungen und Aushalten von Schmerzen. Zeitgleich werde ich in einem Job, in dem ich emotionale Arbeit leiste, von meinem Umfeld für lange Abwesenheiten schräg angeschaut, weil ich keinen komplizierten Beinbruch vorweisen kann oder wegen Schnupfen daheim sitze. Trommelfelle platzen im Flug öfter als allgemein angenommen. Zeitgleich ist die Gangart in der Firma wie überall härter geworden. Wir hörten es vom derzeitigen Kanzler, wir müssen wir uns einfach mehr anstrengen. Ich brauche gute Argumente, um meine Flugtauglichkeit wiederzuerlangen. So lautet die körperliche wie seelische Eignung, die mir früher auf einem kleinen Zettel und heute elektronisch bescheinigt wird. Diese Tauglichkeitsbescheinigung geht schneller flöten als gedacht. Man meint, in unserem Recht ist Kündigungsschutz verankert, doch sobald ich in meinem Bereich nicht mehr einsetzbar bin, gilt dieses Recht nur noch eingeschränkt.

Meine Sorgen haben sich innerhalb der vergangenen Woche in Bezug auf die Arbeit stark minimiert. Die notwendigen Termine bleiben möglich, die schönen auch. Wenn es im Kleinen so funktioniert, dann auch im Großen, so meine Überzeugung. Ich kann mich also zurücklehnen, meine Verantwortung aus der Hand geben, die Bemühungen reduzieren und alles Weitere sich selbst überlassen. Gleichzeitig überlege ich in Bezug auf Zukünftiges, welche Voraussetzungen ich schaffen kann, um die Dinge auf den Weg zu bringen, die ich ansteuere. Alles mit nötiger und neu gewonnener Gelassenheit, denn Wünsche sind das eine, wie sich alles entwickelt das andere. Nebenbei bemerkt, ist so ein gelöster Zustand ungemein befreiend. Vielleicht wird er nicht lange anhalten, sehr wahrscheinlich kommen mir Ungeduld und Wille schnell wieder in die Quere. Die Unwägbarkeiten aber kann ich heute annehmen. Und morgen sehen wir weiter.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner