Space Oddity

(David Bowie)

Kürzlich hat sich der Mek damit befasst, wie das beim Reisen ist. Meine privaten Reisen unterscheiden sich natürlich von den beruflichen, wobei die privaten von den beruflichen nicht unerheblich beeinflusst werden. Da ich durch die Fliegerei sowieso viel unterwegs bin, habe ich im Urlaub nicht mehr das Bedürfnis, weit entfernte Ziele anzusteuern. Das deckt der Job ab. Zudem verspüre ich kaum noch Lust, mich als Passagier länger als zweieinhalb Stunden in ein Flugzeug zu setzen. Wenn ich meinen Urlaub, wie gerade jetzt, daheim verbringen kann, bin ich vollkommen zufrieden, denn meine eigene Tapete gefällt mir immer noch besser als die in Hotelzimmern.

Die Zeit, die ich im Layover verbringe, wie der 24 – 48 stündige Aufenthalt am Zielort genannt wird, hat sehr wenig mit dem allgemein bekannten Reisen oder Geschäftsreisen zu tun. Natürlich kann ich im Gegensatz zu anderen Menschen mit beruflichem Auftrag über meine Zeit während des Aufenthalts frei verfügen, und für nicht wenige sind die Aufenthalte in fremden Städten eine Entlohnung, die die Strapazen erträglich machen. So bedeutet der Traumjob Fliegen in vielen Augen einen Vorzug: Reisen für schmales Geld.

Am Anfang mag das zutreffen. In den ersten Jahren sammeln wir Erlebnisse und Souvenirs wie Wanderplaketten. Das erste Mal New York ist angesichts der vielen Sehenswürdigkeiten überwältigend, das dritte Mal in Hongkong auch noch, doch schon beim fünften Shanghaiaufenthalt hat man die Liste abgearbeitet. Dann werden die Märkte gestürmt, denn die Kinder brauchen neue Jacken und die Freundin möchte eine Starbuckstasse, die nur in Amerika zu bekommen ist. Irgendwann ist, oberflächlich betrachtet, nichts mehr wirklich neu. Denn der Eindruck, den man in ein paar Stunden gewinnt, bleibt auch nach dem fünfundzwanzigsten Aufenthalt gleich. Wie es ist, in einer fremden Stadt zu leben, nach den dort herrschenden Voraussetzungen und Regeln, das bleibt bei einer Stippvisite verborgen.

Singapur beispielsweise ist relativ klein und die Wahrscheinlichkeit groß, dort auf Crews aus aller Welt zu treffen. Auf einem Behördengang lief ich hinter einer gemischten Gruppe. Einer brüstete sich damit, sich hier auszukennen, denn er sei schon so oft hier gewesen, er sei quasi fast schon einheimisch. Sofort war mir klar, es handele sich hier um einen Piloten mit Crew. Wirklich kennengelernt habe ich Stadt und Staat erst als ich mich einmal aus Gründen mit Bewohnenden vernetzte und mit den gesetzlichen Anforderungen für eine Einbürgerung auseinandersetzen musste.

Selbst die riesige Expatkommune fühlt sich dort frühestens nach drei Jahren heimisch. Dann nämlich, wenn aus der jährlich zu erneuernden Aufenthaltsgenehmigung nach Beantragung eine permanente geworden ist. Auch Geschäfte schließt man mit Expats erst nach drei Jahren ab, wie mir eine gebürtige Singapurerin mitteilte. Vorher hält man die Fremden hin, die jeden Tag mehr als 14 Stunden arbeiten und sich am Feierabend vorzugsweise dem Alkohol hingeben. Angesichts dieser Lebensweise sind sie nach ein paar Jahren entweder ausgebrannt oder geben auf. Das wissen aber die nicht, die dort beim Zwischenhalt nach Südostasien ein paar Selfies vor dem Marina Bay Sands schießen. Auch nicht, dass dort für Drogenbesitz nach wie vor die Todesstrafe vollzogen wird.

Wenn ich nun nach einem langen Flug mein Hotelzimmer beziehe, habe ich meist nur ein Bedürfnis. ich möchte schlafen. Ungeachtet der Ortszeit sagt meine innere Uhr: „Es reicht!„. Genug Menschen, genug Enge, genug geredet, genug Stunden, die ich frierend und erschöpft gegen die Müdigkeit kämpfte. Wer mal im Schichtdienst gearbeitet hat, weiß was ich meine. Jetlag ist das keines, vergleichbar aber mit dem Zustand nach einer Nachtschicht oder einer durchzechten Nacht minus der Euphorie. Hinzu kommt, dass ich während eines Umlaufes, also von Start am Wohnort bis zur Rückkehr, vom Alltag dispensiert bin. Alle Systeme auf Halt. „Du bist ja nicht aus der Welt„, sagen die Meinigen gelegentlich. Doch, genau das bin ich. Körperlich und im Kopf. Ich fühle mich, als würde ich auf eine Weltraummission gehen.

Während in Zeiten von Internetkommunikation die Entfernung bedeutungslos scheint, sitze ich daheim anders an der Tastatur als im Hotelzimmer. Nicht nur die Zeitdifferenz und Müdigkeit unterscheiden sich, auch der Auftrag und die Umgebung beeinflussen meine Art zu kommunizieren. Von einer Astronautin würde man vermutlich nicht erwarten, dass sie während ihrer Mission den anstehenden Kindergeburtstag organisiert oder sich um Hundebetreuung kümmert. So staune ich immer, wenn sich Kolleginnen und Kollegen im Layover ihrer Steuererklärung widmen, mitgebrachte Bügelwäsche erledigen oder per Videotelefonat Eheprobleme besprechen. Denn die Welt daheim geht ja weiter, während man sich woanders in einer erzwungenen Auszeit befindet.

Genau hier liegt der Knackpunkt. Einst legte ich fest, Konfliktgespräche nicht vor einer Tour zu führen, denn die Ausläufer nimmt man mit. Wie aber sollen Beziehungen funktionieren, wenn persönliche Begegnungen auf zwei bis vier Tage nach einer Tour mit dem Schlafbedürfnis konkurrieren? Ja, werden Sie sagen, das ist auch in anderen Berufen so. Betrachten wir die verantwortungsvolleren Positionen im Management, in Krankenhäusern oder der Wissenschaft, dann bleibt den Beschäftigten auch nicht viel Zeit für Zwischenmenschliches.

Anders ist, was sich hinter der Türe befindet, die sie abends schließen. Es sind dieselben Wegstrecken, dieselben bekannten Gesichter und dieselben Handgriffe. Eine gewohnte Routine braucht weniger Planung und Energie. An jedem neuen Ort muss ich mir überlegen, wo der nächste nachts geöffnete Supermarkt ist, wenn mein Körper meint, es wäre an der Zeit für Nahrungsaufnahme. Ich muss mich im Straßengewirr zurechtfinden, wo die Menschen ein anderes Verständnis von Abstand haben und von der Gültigkeit der ausgewiesenen Verkehrsregeln. Wer mal in einer chinesischen Großstadt weilte, weiß was ich meine. Ich muss mich in der Öffentlichkeit anders benehmen, die kundenorientierte amerikanische Verkäuferin aufs freundlichste vertrösten oder im Orient bei Käufen feilschen. Dort soll mein Haar bedeckt sein, manchmal sogar mein Gesicht. Überhaupt muss ich viel öfter als daheim Menschen abwimmeln, die mir nicht nur Waren, sondern auch Dienstleistungen aller Art aufschwatzen wollen. All das während sich mein Hirn im Standbymodus befindet, das schwankende Sichtfeld meine Knie erweicht und im Innenohr die Triebwerke nachdröhnen. Aber klar, das ist doch toll, seine Freizeit so zu verbringen.

In den Köpfen der Daheimgebliebenen bin ich unterwegs zu neuen Abenteuern, verbringe geselligen Stunden bei Ausflügen und feiere jeden Abend ausgelassene Parties. In meinem hingegen ist es meist dunkel. So dunkel, wie man es gerne zu dem Augenblick hätte, in dem man vor dem Rückflug den nicht einsetzen wollenden Schlaf sucht, obwohl die Mittagssonne durch die Schlitze der Verdunkelungsvorhänge brennt. Das ist in etwa der Zeitpunkt, zu dem meine Lebensgeister erwachen. Dann wäre ich bereit für Party und Ausflüge. Leider finden die nächsten sieben bis zwölf Stunden aber zusammen mit nicht immer freundlich gesinnten Menschen eingepfercht in einer Metallröhre statt. Da sieht ein Abenteuer schon sehr anders aus. Eines der unliebsameren Art sind Krankheitsfälle. Denn auch die Crew kann erkranken, worüber ich oft erst vor dem Rückflug informiert werde und mich dann kümmern muss, während ich eigentlich schlafen sollte.

Ein indianisches Sprichwort nennt drei Tage, die die Seele braucht, um bei schnellerer Fortbewegung als zu Pferd hinterherzukommen. Kann ich bestätigen. Wenn ein Layover länger als die üblichen zwei Tage dauert, fühle ich mich wieder als Frau meiner Sinne, davor eher im Schwebezustand zwischen den Welten. Ein Blick aus dem Fenster gleicht dem aus einer Weltraumkapsel auf unseren Planeten. So weit entfernt und abgeschnitten vom Lebensnotwendigen, das künstlich aufrecht erhalten werden muss. Eine ausserkörperliche Erfahrung der anderen Art, wie sie möglicherweise mit Drogenkonsum vergleichbar ist. So genau weiß ich das aber nicht.

Daheim benötige ich wiederum anderthalb Tage, bis sich der Normalzustand einstellt, eigentlich sogar länger. Denn die Seele hat sich gerade erst in Tokio auf den Rückweg gemacht. Die Erdanziehung des Alltags aber drückt gewaltig, der Körper ist schwer und die Gedanken verlangsamt. Wenn ich so recht überlege, finde ich die Umstände meines Jobs fast ein wenig beängstigend. Wäre da nicht immer wieder der Blick aus dem Fenster. Fragt man Weltraumfahrende nach ihrem eindrücklichsten Erlebnis, so nennen alle diesen Augenblick, in dem der blaue Planet vor dunklem Hintergrund auftaucht. Wunderschön und mit nichts zu vergleichen. So erlebe ich immer wieder den Sonnenaufgang am Horizont beim Blick aus dem Cockpitfenster. Oder den Überflug des Eismeeres oder eine Aurora borealis. Und ich weiß, dass ein weiches Bett auf mich wartet, in dem ich den Alltag mit all seinen Anforderungen für ein paar Stunden wegschieben kann.

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4 Kommentare zu „Space Oddity“

  1. Da es hier gerade – im weiteren Sinne – um Flugzeuge ging, möchte ich mal eine Frage stellen, die bei uns in der Familie diskutiert wurde. Natürlich ohne dass irgendjemand eine Ahnung hat; alle kennen das Flugzeug nur als Passagiere auf gelegentlichen Flügen.
    Nämlich: Ist es möglich, dass Crewmitglieder während des Fluges in den Frachtraum hinuntersteigen? Es ist ganz erstaunlich, wie lange man mit Kinderwagen und Hundeboxen argumentieren kann, wenn man keine Ahnung hat!

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