Spring Can Really Hang You Up The Most

(Jazz standard)

Da mir fast die Themen ausgegangen wären, bin ich Herrn Buddenbohm dankbar, dass er heute eins von der umfangreicheren Sorte anschnitt: Inneneinrichtung. Nun sind Bilder nicht so meins, bin ich doch eher minimalistisch orientiert, was vor allem der Größe meiner Wohnung geschuldet ist. Und weil man sich an Bildern schnell satt sieht, die Abdrücke und Nagellöcher nach Umdekoration aber an der Wand bleiben, verzichte ich bis auf wenige Ausnahmen weitestgehend auf Wandschmuck. Mein guilty pleasure sind derzeit Teppiche, genauer gesagt Läufer. Auch so ein seltsames Wort für ein Stück Gewobenes, das doch bestenfalls dort liegen bleiben sollte, wo man es hinlegt.

Da ich seit etwa 20 Jahren in meiner Wohnung lebe, was vor allem der steigenden Miete bei Umzug und der vorzüglichen Lage geschuldet ist, hat sich meine Einrichtung über die Jahre nicht viel verändert. Das meiste Mobiliar stammt noch aus Studienzeiten, andere Stücke kamen peu à peu hinzu. Und dann lag da dieser unsägliche Ikeateppich mitten im Raum, der vor allem zur Lärmabsorption diente. Denn ein spärlich ausgestattetes Altbauzimmer hallt, was für’s Üben von Blasinstrumenten eher suboptimal ist, für die Nachbarn sowieso. Dieser Teppich opferte jeden Sommer mehr Farbe an die Sonne, zudem war da eines Tages eine Verfärbung, dessen Geschichte schnell erzählt ist.

Insgesamt ist das Haus, in dem ich wohne relativ ruhig. Ein ungewöhnlicher Umstand, denn es wohnen viele Parteien hier und die Wände sind dünn. Während ich zwei Sommer lang rätselte, welchem Bewohner wohl die männliche Stimme zuzuordnen sei, die spitze, Schmerzschreie in die nächtlich ruhige Umgebung sendet, hatte ich meine Paarungsfreuden wohlweislich auf den Nachmittag vorverlegt. Das Haus stand, noch vor Homeofficezeiten, tagsüber bis auf die schwerhörige Dame über mir meist leer. Der junge Liebhaber konnte seinen Laden zwischendurch immer mal ein paar Stunden seinen Angestellten überlassen. Nach Landenschluss stand die Buchführung an, die wollte er ungern verschieben. Bei einer dieser nachmittäglichen Stelldicheins entdeckte ich im Nachhinein einen Ölfleck in Form eines Popos auf dem alten Teppich. Mit unterschiedlichsten Mitteln versuchte ich den Fleckes zu bekämpfen, mit dem Ergebnis, dass sich besagte Stelle von blau in lila umfärbte. Die poförmigen Umrisse blieben, was den Liebhaber wiederum jedes Mal amüsierte. Das Andenken wurde schon bald darauf mit einem tiefblauen Teppich ersetzt, der aussah wie ein Schwimmbecken mitten im Zimmer, so bemerkte es jedenfalls der nächste Mann beim ersten Hausbesuch.

Unter mir wohnten unterschiedliche Menschen unterschiedlich lange, meist aber nie länger als im Schnitt fünf Jahre. Zu Beginn war ich mir der akustischen Übertragung von Schrittgeräuschen nicht bewusst. Erst als mich der stadtbekannte DJ mal als Trampel bezeichnete, wechselte ich von Clogs als Hausschuhe auf Socken bzw. barfuß. Gesagt hat er es mir nicht ins Gesicht, ich hörte ihn aber im Vorbeigehen murmeln. Da wusste ich, dass er meinen überaus freundlichen Brief gelesen hatte. Seine Angewohnheit, nach Heimkehr vom Gig zwischen 2.00 und 4.00 Uhr morgens ein paar Aufnahmen auf repeat laufenzulassen, beschrieb ich darin. Das geschah an etwa fünf Tagen die Woche. Da ich oft auch Samstag und Sonntag um ein paar Stunden Schlaf vor der nächsten Frühtour rang, zehrte der Schall nicht unerheblich an meinen Nerven. Manchmal brachte er auch weibliche Begleitung von der Arbeit mit, dann wurde es noch ein wenig explizit bevor sowohl die Stimmung als auch die Musik erlosch..Also schrieb ich ihm einen Brief mit der Bitte, die Lautstärke der Musik möglicherweise nachts etwas herunterzuregeln, und, sollte das nicht möglich sein, vielleicht seinen Musikgeschmack zu variieren. Sätze wie „verdammt ich lieb dich…“ verfolgten mich damals bis in meine Träume.

Irgendwann konnte er die Miete nicht mehr bezahlen, was möglicherweise an seinem Musikgeschmack lag, und musste ausziehen. Eingezogen ist ein junger Mann, der sich bei Ballerspiele auf großem Monitor entspannte. Alles besser als Matthias Reim. Sogar die junge Frau, die nachts gelegentlich auf der Gitarre klampfte und dazu sang, fand ich nicht besonders störend. Ich hätte mir nur gewünscht, dass sie wie ein normaler Mensch lacht. Aber auch ihr schallendes Janice-Meckern, Friends Fans dürfte es sofort im Ohr klingen, verstummte nach zwei Jahren.

Nun kann ich mich ganz fantastisch leise bewegen, quasi lautlos. Das ist eine Randerscheinung meiner Biographie – bereits als Kind nachts aus dem Haus schleichen, Türen lautlos öffnen und schließen, jedes Knarzen im Dunklen bewegungslos ausharrend, Ich gäbe ein ideales Bond-Girl, obgleich altersbedingt wohl irgendwann in den Innendienst versetzt. Aus diesem Grund war es mir auch rätselhaft, weshalb sich der jetzige Untenmieter sich eines Tages über meinen angeblichen Lärm beschwerte. Natürlich tat er das nicht vis à vis, sondern schriftlich bei der Hausverwaltung mittels eines Lärmprotokolls. Als ich ihm einen Tag später im Hausflur begegnete, war meine erste Frage, ob er denn mal bei mir geklingelt hätte. Ja, das hätte er, ich sei jedoch nie da gewesen. Ach ja, wie denn dann der Lärm von mir kommen solle. Es ist nämlich so, dass auch ich gelegentlich Schwierigkeiten hatte, bestimmte Geräusche einer Richtung zuzuornden. Erst als die Wohnung unter mir über die Dauer von drei Monaten leer stand, bemerkte ich den lauten Schritt meiner Wandnachbarin, den ich vorher Stein und Bein schwörend der Untermietenden zuordnete. Auf die Frage, warum ich denn Lärm zu nachtschlafender Zeit produzieren solle, rückte er mit seiner hahnebüchenen Unterstellung heraus.

Die Vorgeschichte ereignete sich kurz nach seinem Einzug vor zehn Monaten, da er am Küchenfenster rauchte, ich aber besagtes Fenster nachts zum Lüften geöffnet lasse. Die Belüftungssituation bei vier Meter Ostfenster ist im Sommer nicht sonderlich effizient, weshalb ich ihn eines abends ansprach und um eine Alternative nach 23.00 Uhr bat, woraufhin er sich fortan ein paar Wochen in den Hof stellte. Alsbald nahm er jedoch seine Gewohnheit am Küchenfenster wieder auf. Mir war das egal, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit anderem zu kämpfen, namentlich einer bösen Depression, die mich oft genug am Aufstehen hinderte. Zu besagten Zeiten, an denen sich morgens der Lärm ereignete, war ich also meist noch im Bett, während er mir Rache für seine Geruchsbelästigung unterstellte. Meine Erwiderung war, wenn ich Rache an ihm nehmen wolle, würde ich wieder Klavier zu üben beginnen. Darüber lachten wir beide kurz und klärten das wie Erwachsene, dachte ich. Er entschuldigte sich sogar, und ich erklärte mich bereit, die Quelle des Lärms gemeinsam mit ihm ausfindig zu machen. Am nächsten Tag steckte ich ein Kärtchen mit meiner Nummer bei ihm ein, damit er sich bei weiteren Störungen melden könne. Dann ging ich auf meinen Weihnachtsumlauf, von dem ich sehr erschöpft zurückkehrte.

Als ich am nächsten Tag barfuß in der Küche stand und mir einen Kaffee eingoss, klingelte es an meiner Wohnungstür. Der Untermietende ließ seinem Frust freien Lauf, ich bat ihn trotzdem in meine Wohnung. Ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte, denn die ehemals erwachsene Stimmung kippte in diesem Moment. Erbost über den Lärm, stürmte er nach einer Stippvisite meiner Räumlichkeiten zurück zum Ausgang, nicht ohne deutlich zu betonen, er ließe sich von mir nichts mehr gefallen. Ich blieb sprachlos zurück. In den folgenden Stunden und Tagen verfiel ich in die alte Gewohnheit des lautlosen Wohnens, traute mich nicht einmal mehr, die Schranktüren zu öffnen, denn das könne er ja alles unten hören und dann wieder vor meiner Türe stehen.

Die ganze Situation belastete mich schwer und katapultierte mich raketenartig in meine Kindheit zurück. Das Beschwerdespiel wiederholte sich nach Rückkehr von meiner folgenden Tour. Dieses Mal stand er aber nicht direkt vor meiner Wohnungstüre, mehr seitlich, um nicht im Spion erkannt zu werden. Ich öffnete und empfing eine regelrechte Hasstirade, Beschimpfungen bis zur Androhung von irrationalen Konsequenzen. Dem entgegnete ich mantraartig wiederholtend, ich sei nicht mehr gewillit, mit ihm zu kommunizieren, er solle sich an die Hausverwaltung wenden. Der Hausverwaltung wiederum lagen bereits Beweise vor, dass ich an einigen im Lärmprotokoll angeführten Tagen nicht anwesend war. Trittschallisolierung war eines der Wörter, die ich in dieser Zeit lernte. Zudem installierte ich ein Aufzeichnungsgerät, das sowohl Lärm als auch CO2 Gehalt aufzeichnet, bei Abwesenheit ist nämlich weniger CO2 im Raum. Im Fall der Fälle wäre ich rechtlich abgesichert, was mich allerdings nicht vor einer Retraumatisierung bewahrte. Als meine Wohnung für mich kein sicherer Rückzugsort mehr war, wies ich mich Anfang Januar in die psychiatrische Klinik ein.

Inzwischen übe ich wieder Klavier, der Untermietende hat das Rauchen aufgegeben, ich zeitweise wieder angefangen. Wenn es nicht so traurig wäre, hätte die Ironie der Situation durchaus komische Elemente. Da ich zum Schreiben und Essen am Tisch sitze, der Stuhl aber bei jeder Bewegung knarzt, suchte ich über Ostern nach einem passenden Teppich. In dem Zuge wurden es zwei, der andere ist für den Flur, denn der alte Läufer dort hat seine Schuldigkeit getan. So ein Teppich ist nicht nur als Schmutzfang nützlich, man kann auch allerhand darunter verstecken. Der Spruch liegt so auf der Hand, der musste einfach sein, Entschuldigung. Und weil das Metermaß zwei Tage griffbereit herumlag, kamen mir noch etliche Ideen in Bezug auf Inneneinrichtung und Akustikoptimierung in den Sinn. Denn so ein Teppich allein macht noch keinen Frühling. Morgen soll übrigens das Klimagerät geliefert werden. Dann klappt’s hoffentlich auch wieder mit dem Nachbarn.

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