Sunny

(Bobby Hebb)

Es ist zu warm. Draussen treiben sich die Sommerhungrigen umher. Männer in kurzen Hosen und weißen, behaarten Beinen, Füße in Socken oder barfuß mit Flipflops, Crocs, wahlweise auch Birkenstocks, sind vermehrt in der Stadt zu beobacchten. Die Sonnenbrillensaison hat längst Einzug gehalten. Nun finden sich zusätzlich Hüte und Kappen im Einsatz. Frauen in wehenden Kleidern oder bauchfreien Oberteilen sind eindeutig die attraktivere Variante. Ich hingegen bleibe lieber im Schatten. Hitze ertrage ich nur in Kombination mit Wasser und Wind. Segeln als ultimative Sommerflucht, wenn da nicht immer das Risiko eines Wetterumschwungs wäre. Und die Enge, in der man aufeinander hockt. Als ich über den Südpazifik segelte, meinte die Freundin, Segeln sei die teuerste Art, unbequem zu reisen. Damit hatte sie Recht.

Von Wasser umspülte Beine, an der Oberfläche eines Meeres schnorchelnd oder im Wald spazieren, sind weit weniger aufwendige Alternativen. Wobei man von München aus zum Meer immer eine Weile fährt. Noch besser verweilt es sich in einem kühlen Gemäuer. Wenn ich mich draussen aufhalte, dann maximal mit Eiswürfeln im Glas unter einem leuchtenden Schirm sitzend. Keine Sightseeingtouren und keine Veranstaltungen, nicht einmal der Eisbach im Englischen Garten kann mich ab 25° aufwärts locken.

Einzig in einem Tanzstudio bei Innentemperaturen zwischen 30° und 37°C schwitzte ich im Sommer sogar freiwillig über die Maßen. Um Leidensfähigkeit von Tanzenden ging es ja hier erst kürzlich. Dieses Kapitel gehört dazu, denn Menschen, die ihre Sehnen, Bänder und Gelenke auf derartige Weise beanspruchen, meiden Klimaanlagen wie die Pest und entledigen sich der Thermohosen und Strickjacken auch bei 30° nur zögerlich und nur nach beendetem Aufwärmen. Da bekommt Otto Normalverbraucher bereits einen Hitzschlag vom Zusehen.

Der Vorteil an solchen Aktionen ist, dass einem die Umgebungsluft bei Verlassen des Tanzsaales sehr viel kühler vorkommt. Ein Effekt, den schon die Engländer für sich zu nutzen wussten. Heissgetränke sind auch in Indien und Arabischen Ländern bei hohen Aussentemperaturen beliebt. Nach dem Genuss wirft der Körper seine natürliche Kühlung an. Ich erinnere mich an einen Aufenthalt in Dubai. Für eine kurze Erfrischung wollten wir im Meer baden, bevorzugten danach aber den Hotelpool. Wenn die Wassertemperatur um die 30° nicht mehr kühlend wirkt, fühlt man sich als Europabewohnende schon ein wenig vom offenen Gewässer veräppelt.

Frau Novemberregen leidet unter den sommerlichen Temperaturen und hat für die Dauer von schätzungsweise vier Monaten schlechte Laune angekündigt. Da geht es mir ganz ähnlich, denn meine Wohnung lässt sich ab Ende Juni kaum noch herunterkühlen. Was für mich die Frage aufwirft, ob die Mehrzahl der im Herbst bzw. Winter Geborenen diese Erfahrung eint. Ich kenne fast nur Sommerkinder, die sich uneingeschränkt am Sommer erfreuen. Umgekehrt können sie dem Winter nur wenig abgewinnen, während sich Winterkinder, mit Ausnahme des reduzierten Tageslichts, in Kälte und Schnee wohlfühlen. Womöglich ist diese Einteilung aber genauso oberflächlich wie Sternzeichen und alles nur eine Frage körperlicher Konstitution.

Meine Antwort darauf lautet Amor Fati, die Liebe zum Schicksal und bedeutet, eine stoische Grundhaltung allen Umständen gegenüber einzunehmen. Nicht immer leicht aber mit etwas Übung durchaus machbar. Das Gleichnis aus der Seefahrt lautet, man müsse die Wellenbewegungen lieben lernen, denn sonst würde eine Überfahrt zur Hölle. Während ich mich auf der großen Überfahrt im kleinen Boot der wechselnden Krängung ergab, mich aber zwischen den Nachtwachen nur noch in voller Montur zum Schlafen in die Kajüte legte, verstand ich, was das en détail bedeutet. Ich weiß auch, dass ich es kann. Nicht immer, doch auch die Weigerung, das Aufbäumen gegen unveränderliche Umstände gehört da mit hinein. Im Idealfall ergibt sich daraus eine hingebungsvolle Haltung dem Leben gegenüber.

Das Ego hingegen ist wie ein trotziges Kleinkind. Es rebelliert, es möchte seinen Willen durchsetzen, es findet alles doof, was notwendig scheint. Wer sich auf dieser Ebene einmal reflektiert hat, wird mir zustimmen, dass es weder sinnvoll ist, dem Ego immer nachzugeben, noch es mit unbarmherziger Strenge zu behandeln. Denn wir sind alle keine Heiligen, wir sind fehlbar und schwach und gleichzeitig liebenswert in unserem Ringen um Kontrolle. Bevor das hier aber in eine salbungsvolle Pseudopredigt ausartet, gehe ich lieber mal duschen. Denn so ein Kampf gegen das den hohen Temperaturen trotzende Ego erfolgt nicht schweißlos. Wobei mir noch eine kleine Anmerkung gestattet sei.

2013 hielt ich mich häufig sowohl in Singapur als auch für längere Zeit auf den Phillipinen auf. Die hohe Luftfeuchtigkeit ließ mich Kleidung innerhalb kürzester Zeit durchschwitzen. Mein Gefühl sagte mir, ich müsse duschen, mir frische Sachen anziehen und könne mich erst danach wieder wohl fühlen. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt war. Kurz nach Umziehen war das klebrige Gefühl schon wieder da. Nach einer Woche hatte ich mich an die nasse Kleidung und das Schwitzen gewöhnt, es war zum Normalfall geworden. Auch andere schwitzten und liefen in durchnässter Oberbekleidung herum. Dadurch wurde mir die Tiefe meiner westlichen Prägung klar, die beim Schwitzen ein unappetitliches Gefühl erzeugte. Und wie so oft ist alles eine Frage der Einstellung. Schwer machen wir es uns immer nur selbst. Auf dass dieser Sommer ein temperaturmäßig erträglicher werde.

3 Kommentare zu „Sunny“

  1. Also, ich bin ein Novemberkind, und nach dem November ist mir tatsächlich der Sommer am liebsten. Tanzstudiohitze liebe ich auch sehr, wobei ich im Sommer auf Strumpfhosen verzichte.

    • Strumpfhosen oder Leggins habe ich immer an, weil man verschwitzt am Boden zu schnell rutscht.
      (Ja, wir machen nicht nur viel Floorwork, es finden auch einige Teile des Warmup auf dem Boden statt. Selbst Ballett geht bei Hitze nie ohne.)

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