Sprachnachrichten, man liebt sie oder man hasst sie. Dazwischen gibt es nichts. Ich gehörte lange zur letzten Fraktion, wobei mir da der richtige Gesprächspartner nur noch nicht untergekommen war. Kürzlich vermeldete der Mek, er würde sich per Sprachnachrichten austauschen, weil komplexe Sachverhalte so für ihn besser in eine Form zu bringen seien. Darauf stieg ich ein, mit dem Ergebnis, dass fast täglich eine sonorige Stimme zu mir spricht. Meine eigenen höre ich zögerlich ab, da mir erst kürzlich wieder der süddeutsche Einschlag im Timbre unter die Nase gerieben wurde. Bei Anderen finde ich die geographische Färbung, die eins in der Stimmlage hat, eher charmant, gibt sie dem Gesprochenen doch den individuellen Touch. Aber das ist wie bei Parfum. Eines bevorzugt diese Note, einem anderen ist sie zu aufdringlich. Genau genommen existiert kein von Färbung reines Sprechen, denn selbst wenn man mal von gerollten im Gegensatz zu subguttural gesprochenen Rs absieht, hat jeder Landstrich seine Eigenheiten bei Betonungen sowie Verkürzung der Räume zwischen Konsonanten und Vokalen.
Wie ich bereits einmal im Blog erwähnte, gibt es die seltsame Konvention, und den Meisten ist das nicht einmal bewusst, dialektsprechende Menschen als intellektuell niedriger einzustufen. Ich nutze dieses Wissen in Konfliktsituationen zu meinem Vorteil, denn wenn sich der Manager aufmandelt, ich ihm aber deutlich unterlegen scheine, kann ich meine Trümpfe unbemerkt ausspielen. So konnte ich bereits einige Konflikte beilegen, während die andere Person genau das tut, was ich von ihr erwarte, sie aber im Glauben lasse, es sei ihren Wünschen entsprochen worden. Diese Form von Manipulation ist nicht bösartig, denn sie richtet keinen Schaden an. Hinterher sind alle zufrieden, es sei denn, der mandelnde Manager macht sich bewusst, was da gerade mit ihm geschah. Aber auch Selbstreflektion hat noch niemand geschadet. Warum ich also meinen landestypischen Akzent verbergen sollte, nur weil er die Idiosynkrasien eines anderen aktiviert, erschließt sich mir nicht. Man kann die seltsamsten Eigenarten an Menschen liebenswert finden, während man sich an anderen stößt, weil es ein verstecktes Programm bei sich aktiviert. Ein Geruch, ein Klang, eine Stimmung, all das weckt Assoziationen. Und die wiederum sind nichts anderes als Konditionierungen, ein Lerneffekt, der uns innerhalb von Millisekunden über gut und böse entscheiden lässt. Wenn ich einen brennenden Geruch wahrnehme, kann ich dadurch schneller auf die Gefahr reagieren. Wenn die böse Tante rote Haare hatte, werde ich möglicherweise Rothaarigen mein Leben lang mit Argwohn begegnen.
Jedenfalls unterhalten wir uns jetzt täglich über Gott und die Welt, der Mek und ich. Er erfährt was über meine Innenwelt, ich lerne neue Sichtweisen auf die ein oder andere Situation. Und dazwischen rutscht ihm immer mal eine dem Südtirolerischen entsprungene Betonung durch. Darüber muss ich jedes Mal schmunzeln, es ist sehr liebenswert. Ich kenne aber sonst auch keine Deutschen mit südtiroler Abstammung. Die meisten Deutschen, die ich kenne, verbringen in Südtirol nur ihren Urlaub. Das reicht meist nicht für exzessive Sprachstudien. Allgemein ist die Imitation von Dialekten nicht nur ein schöner Zeitvertreib. So manche komödiantische Bühnenfigur funktioniert nur im entsprechenden Dialekt – hier ebenfalls durch die oben erwähnte Herabsetzung. Man denke an Heinz Becker, Emil Steinberger oder Otto, an die Misfits, an Abahachi und Horst Schlämmer. Überhaupt Hape Kerkeling, einer der ganz großen Imitatoren. Wenn man dem Film über seine Kindheit glauben darf, so hat er verschiedene Charaktere und Sprechweisen entdeckt, um damit die Verwandtschaft bei Laune zu halten. Es kommt mir aus der eigenen Biographie bekannt vor. Der Klassenclown, der für Unterhaltung sorgt und die Aufmerksamkeit braucht, weil sie sich wie Liebe anfühlt. Im Grunde unterstelle ich jeder Bühnenperson dasselbe Bedürfnis. Solange es Leute nur unterhält, ist daran auch nichts auszusetzen. Nur wenn die Kunstpersona so sehr mit der eigenen verschmilzt, dass keine Unterscheidung mehr möglich ist, wird’s aufgesetzt und nervig, wenn nicht gar fragwürdig auf anderer Ebene.
Wenn ich nun Sprachnachrichten aufnehme, ist es eine gute Praxis zum Üben von freiem Sprechen. Erst dadurch bemerkte ich meine Vorliebe für das Wort eigentlich wo ich andere Fülllaute zu umgehen suche. Auch im Grunde und merkwürdig höre ich öfter als mir lieb ist. In meinem Kopf klingt das nämlich ganz anders, wenn ich schwierige Sachverhalte mit mir diskutiere, eloquenter und nuancierter. Im nächsten Schritt könnte ich kleine Instavideos aufnehmen, damit ich auch meine Mimik und Gestik in den Griff bekomme. Das stelle ich mir aber viel weniger spaßig vor als Nachrichtenpingpong. Und letztlich ist meine Aussenwirkung völlig unwichtig, es sei denn ich beschließe, in die Politik einzusteigen, was wiederum in meiner Spaßrangliste ganz unten steht. Wenn der Mek aber einmal in die Politik einzusteigen gedenkt, werde ich automatisch zur Geheimnisträgerin. Und das ist doch auch was.
Nachtrag: auf Insta imitiert eine Dame Dialekte und wie sie sich für jene anhören, die nichts verstehen.