Beim Mittagskaffee sitzend überlege ich, worüber ich bloggen könnte. Normalerweise passiert sowas nicht, denn entweder ich habe eine dringende Angelegenheit, die ich sofort in die Welt hinausposaune oder ich lasse es. Nun macht mir das Schreiben aber Spaß, ich möchte mein Blog befüllen und mich möglichst wenig dafür schämen müssen, wenn ich in ein paar Jahren zurückblättere. Das alte Blog ist zwar auch über diese Plattform erreichbar, da sammeln sich aber viele recht kryptische oder plakative Bemerknisse . So ein Blog entwickelt sich über die Jahre mit den Verfassenden weiter.
In letzter Zeit war hier teilweise Salbungsvolles zu lesen. Das bildet mich nicht ab. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht belehrend, sondern eher humorvoll auf mein Leben und das der anderen schaue. Für ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein habe ich zu wenig Konzentrationsfähigkeit. Mir fehlt das Meinungsgen. Auf der re:publica unterhielt ich mich mit einem Blogger der alten Garde über Meinungen, die immer auf fundiertem Wissen gebaut sein sollten. Doch wer hat schon umfassend Ahnung zu irgendeinem Thema ausser zum eigenen Leben. Will ich mich beispielsweise dezidiert zum Nahostkonflikt äussern, muss ich tief in der Geschichte graben. Hab‘ ich getan, hab‘ viele Bücher gelesen, nur um im Nachhinein festzustellen, dass ich noch weniger Ahnung als vorher hatte. Ohne Ahnung sind Aussagen nicht mehr als Parolen, die an viel zitierten Wänden in Bedürfnisanstalten prangen.
Dass ich gestern im Baumarkt war, interessiert höchstwahrscheinlich auch nur mich und meine Bankberaterin. Denn im Baumarkt verhält es sich wie in Drogeriemärkten: man kommt immer mit ein paar Teilen mehr raus als man sich vorgenommen hat. Die neue Wandlampe zu montieren, wo sich elektrische Kabel hinter einer Dose befinden, könnte zum blogbaren Unterfangen werden. Gefällt sie mir danach nicht, muss ich streichen und spachteln, was beides nicht zu meinen Kernkompetenzen zählt. Um Hilfe zu bitten auch nicht. Aber eine Lampe anschließen kann so schwer nicht sein, vorausgesetzt man verknüpft die richtigen Kabel. Vielleicht sollte ich voher noch eine Lebensversicherung abschließen.
Die Lichterkette über dem Bett brauchte einen Nagel in der obersten Zimmerecke. Da das Bett unverrückbar ist, stellte ich kurzerhand einen Hocker auf die Matratze. Im Balanceakt, der auch als Luftakrobatik hätte durchgehen können, schlug ich den Nagel in die Wand. Es ging alles gut, hätte aber auch anders ausgehen können. Bei der Lampe bin ich mir nicht so sicher. Einen Heidenrespekt hab‘ ich vor Elektroinstallationen, seit ein Expartner mal die Garderobenhalterung in eine Leitung bohrte. Was er nicht wusste, war, dass ich wohlweislich die Sicherung vorher ausgeschaltet hatte. Als ich den Schalter umlegte, stand die Metallgarderobe unter Strom. Ich glaube, ich schrieb darüber.
Nach einigen anstrengenden Anläufen im Rahmen meiner schwebenden Flugtauglichkeit, und dieser Wortwitz fällt mir erst in der Niederschrift auf, holte mich heute das inzwischen bekannte Gefühl der Überforderung in der U-Bahn ein. Meistens fängt es an mit Dissoziation, gefolgt von einem verzweifelten Versuch, meinen Zustand in eine halbwegs sozialtaugliche Richtung zu biegen, was misslingt. So muss sich eine Laborratte unter Beobachtung fühlen, wobei ich wohl die einzige Person bin, die sich dabei von aussen beobachtet. Die Umstehenden sind so auf ihre mobilen Endgeräte fokussiert, dass eine weinende Frau nicht besonders auffällt. Vorausgesetzt, sie heult leise. Die näheren Umstände kann und will ich hier nicht ausbreiten, es ist nämlich kompliziert. Weshalb sich daraus auch kein scheibbares Thema ergibt. Zumindest weiß ich aber jetzt, welche Art Musik mich wieder auf Spur bringt (s.o.)
Man macht sich keine Vorstellung vom Einsatz Bloggender im echten Leben, um Content zu generieren. Ich bitte, dies beim Lesen gebührend zu würdigen.