Zwei Themen liegen bei mir auf Halde, eines davon heißt gönnen können oder wie man im Rheinland intoniert: „mer muss ooch jönne könne!“ Im Englischen lautet ein Sprichwort to begrudge someone the shirt on their back, was auf deutsch eine ähnliche Bedeutung hat wie Jemandem nicht das Schwarze unter den Nägeln gönnen. Diese extreme Form von Neid und Missgunst ist keinen Gedanken wert. Mich interessiert, was es mit der alltäglichen Missgunst so auf sich hat.
Im Zuge meiner Recherche stieß ich auf einen Artikel, in dem behauptet wird, dass Freigiebigkeit nicht Teil unserer Kultur sei. Ähnlich empfinde ich es, wenn ich das Verhalten in anderen Ländern beobachte. Da wird die Freude am Erfolg eines Einzelnen in der Gruppe gefeiert. Die Bereitschaft, andere bei ihren Bemühungen anzufeuern, ist selbst für Unbekannte dort größer als in unserem Land. Am Ende geht es nicht darum, wie nahe man sich steht, sondern um eine innere Haltung. Möchte ich, dass mein Gegenüber erfolgreich ist, womöglich sogar erfolgreicher als ich es bin oder beobachte ich dessen Bemühungen eher skeptisch aus dem innerem Abstand? Wie schnell formt sich der Gedanke „das wird nix, hab‘ ich mir gleich gedacht“ im Kopf? Ist der Impuls zu Empathie oder der zu ungebetenen Ratschlägen schneller? Ungebetenen Ratschläge sind nämlich nichts anderes als eine Demonstration der eigenen Überlegenheit. Zwei Beispiele, in denen es um Wohlwollen geht, möchte ich im Folgenden näher ausführen.
Von Instagram mag man halten, was man will. Vor ungefähr zwei Jahren löschte ich den Großteil meiner Bilder, fing aber nach einer Weile wieder an, Reels abzuspeichern und als Stories zu veröffentlichen. Das sind lustige, kleine Videos, die mich amüsieren, mich zum Nachdenken anregen oder einfach nur schöne Bilder beinhalten. Mein Herz hängt irgendwie an meiner persönlichen Reelsammlung, an der ich mir immer wieder erfreue. Gelegentlich haue ich zur Unterhaltung meiner Gefolgschaft ein Dutzend Gesammeltes raus. Im Gegenzug schaue ich mir die Reels anderer an, denn auch die sammeln und zeigen gern. Mit der Zeit veröffentlichte ich auch wieder Fotos in Beiträgen. Was mir dabei auffiel, ist, es sind immer dieselben Menschen, die für Fotos oder Reels Herzchen verteilen und Reaktionen hinterlassen. Im Anbetracht meiner geringen Gefolgschaftszahl erwarte ich keinen riesigen Zuspruch, finde aber schade, dass Fotos, die so schlecht nicht sind, mit maximal zwei oder drei Herzchen quittiert werden, während die Anzahl noch vor zwei Jahren bei gleichbleibender Teilnehmerzahl höher war.
Sind die Leute tatsächlich so übersättigt? Denn eines weiß ich sicher, sie schauen. An der fehlenden Zeit kann es also nicht liegen. Wenn ich etwas schön finde oder über etwas lachen muss, drücke ich auf das Herz. Das passiert ganz automatisch, denn auch im Alltag verteile ich gerne Komplimente oder lächle unwillkürlich, wenn ich etwas Schönes sehe. Generell bemühe ich mich um eine wohlwollende Haltung meinen Mitmenschen gegenüber. Ja, das braucht auch bei mir ein bisschen willentlichen Anschub, um angesichts einer automatisch negativen Erwartungshaltung nicht in Griesgrämigkeit zu verfallen. Die Entscheidung darüber, was für ein Mensch ich sein möchte, fiel vor langer Zeit. Seitdem bin ich mal besser und mal schlechter im Streben nach dem Ideal. Wenn es mir besser gelingt, führt das auch zu besserer Laune bei mir selbst. Altruistisch ist mein Verhalten deswegen noch lange nicht.
Das zweite Beispiel handelt von der Pianistin und Freundin, die eine Zusage für ihre Traumstelle in Berlin bekam. Dafür redete ich ihr im Vorfeld ein bisschen gut zu, fungierte als Publikum für ihr Programm und hatte noch ein oder zwei weise Sprüche in petto. Vor allem aber hielt ich an jenem Entscheidungstag die Luft an und meine Daumen imaginär umklammert, denn ich wünschte ihr unbedingten Erfolg. Als mich die gute Nachricht heute erreichte, freute ich mich wie irre, obwohl ich mir jetzt eine neue Klavierlehrerin suchen muss. Mir war so sehr zum Feiern zumute, als wäre ihre Errungenschaft meine eigene. Für mich gibt es wenig schöneres, als Menschen zu motivieren und sie beim Überwinden mentaler Hindernisse zu begleiten.
Was ich unter den Missgünstigen beobachte, ist eine Art Wettbewerb. Sie vergleichen sich auf unterschiedlichen Gebieten, mal ist es Leistung, mal Besitz oder Aussehen. Eins möchte schneller, höher, weiter als die anderen sein, besser als die Masse und sich aus ihr hervortun. So funktioniert Leben aber nicht, vor allem funktioniert Gesellschaft nicht so. Das Leben ist kein Wettbewerb, denn wir wühlen uns durch eine ähnlich zähe Masse an tägichen Herausforderungen, und am Ende sterben wir alle. Gesellschaft könnte, wenn überhaupt, maximal als Teamsport betrachtet werden, in Wirklichkeit steckt aber immer noch das Bild des Einzelkämpfenden in den Köpfen fest. Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dieses Bild wird medial und politisch befeuert. In Summe liefert das sehr wenig Gewinnende, denn immer wenn eins gewinnt, verliert zwangsläufig eine ganze Menge. Die Folge davon ist Sparsamkeitsdenken, im Volksmund auch Geiz genannt. Man hält die eigenen Ressourcen beieinander, weil die ja endlich scheinen. Zugunsten meiner Glaubwürdigkeit verzichte ich auf Weisheiten vom verdoppelten Glück, geht aber in die richtige Richtung. Wer sich mehr Liebe wünscht, muss mehr davon geben.
Ich denke, Sie verstehen, worauf ich hinaus will. Um die Welt ein bisschen schöner zu machen, braucht’s nicht die ganz großen Gesten, den Umsturz oder nie Dagewesenes. Es braucht nur ein wenig Arbeit an sich selbst, einen kleinen Schubs für die innere Haltung in die richtige Richtung. Denn eigentlich ist der Mensch nicht schlecht, er vergisst es nur zu häufig. Dafür sind die Erinnernden da, die mit einem Lächeln begegnen oder einem Kompliment, die ohne Gegenleistung etwas für andere tun und die ihre Augen für andere offen halten, jederzeit bereit für Aufmunterung und ein paar verschenkte Herzchen. Früher war nämlich nicht mehr Lametta, um mit einem leicht abgewandelten Loriotzitat zu schließen. Früher war man sich nur, so ohne Bildschirme, ein bisschen näher.
Och, Ihr seid ja süß! 🤍
Ich kann übrigens nicht sehen von wem die hinterlassenen Herzchen im Blog sind. Macht aber nix, ich freue mich wie Bolle.
Sie finden meine volle Zustimmung, deshalb ein Herzchen von mir. Vor allem für den schönen Satz „Denn eigentlich ist der Mensch nicht schlecht, er vergisst es nur zu häufig.“, der es auf den Punkt bringt.
Vielen Dank, ich freue mich über das Kompliment.
Ich lasse ein besonderes großes Herzchen hier. Genau diese Erinnerung tut mir heute von Herzen gut, vielen Dank dafür.
<3
Oh, Danke für diesen Text. Bin nicht bei „Insta & Konsorten“, setze aber auch bei Blogs nur sehr selten Kommentare und mache meine Freude über die Texte sichtbar. Zu kommentieren, ohne inhaltlich beizutragen, erschien mir bisher aufdringlich. Allerdings ist mir die „Herzchenfunktion“ hier erst heute aufgefallen. Ihre Texte und die Anderer, zB von Buddenbohm, Kaltmamsell, Postwestfalen, DraußennurKännchen, Novemberregen, usw… geben mir neue Aspekte mit bzw erinnern mich täglich daran, andere Blickwinkel einzunehmen im Laufe meines Tages. Die meisten Texte würde ich als Sauerländische Person eher nicht „beherzen“, finde sie durchweg aber trotzdem sehr wertvoll. Darf ich 50 Herzen auf Vorrat hier lassen bitte.
*Vorratsherzen auswickelnd*
Dankeschön <3