Via Con Me

(Paolo Conte)

Kürzlich stellte ich fest, dass in meinem Kopf bei stark emotionalen Situationen, sei es Freude oder Schmerz, sofort ein Soundtrack zu spielen beginnt. Manches Mal summe ich dann eine Melodie vor mir her, zitiere eine Textzeile oder bewege mich nach unsichtbaren Rhythmen. Die Musik höre ja nur ich, was Beobachtenden dann etwas merkwürdig erscheinen mag. Es ist mit den in der Öffentlichkeit über Kopfhörer Telefonierenden zu vergleichen, bei denen man nicht sofort erkennen kann, ob es sich um ein echtes Gespräch mit Gegenüber handelt oder um eine geistige Einschränkung.gar ausgelöst durch Substanzmissbrauch. Meine Substanz ist nunmal Musik. Wenn ich sehr glücklich bin, summe ich den Beginn von Bruckners Siebter oder einen Jazzstandard, bei schlimmem Seelenschmerz eher was von Schubert oder Jacques Brel, bin in der Hinsicht aber flexibel.

Jüngst befand ich mich vor, auf und in der Elbphilharmonie. Das Licht passte, der Anlass passte, die Stimmung passte und die Begleitung sowieso. Eine Welle der Glückseligkeit breitete sich in mir aus, etwa so wie die Wellen eines auf glatte Wasseroberfläche treffenden Steins. Während sie jede Zelle meines Körpers anstupste, begann in meinem Kopf ein Lied zu spielen, dessen Text ich jedoch nicht memorierte. Das passiert mir leider öfter, das mit den Texten. Es könnte daran liegen, dass mir die Sujets generell etwas monothematisch vorkommen und deswegen hinter Melodie, Harmonik und Rhythmus zurücktreten. Bevor ich meine Stimme menopausal bedingt verlor, sang ich nicht nur mit Inbrunst, sondern auch ziemlich gut in einem für eine untrainierte Stimme ungewöhnlich weiten Umfang von mehr als zweieinhalb Oktaven. Einziges Manko: ich konnte mir nie Texte merken. Auch das kann trainiert werden, erschien mir aber immer als unnötiger Energieaufwand. Zu Beginn meines Flugbegleitungsdaseins war ich mit Saxophon und Gesang die Frontfrau in einer mit Kollegen gegründeten Band. Da erkannte ich die Notwendigkeit genau wie die Mühe, die das Auswendiglernen von Texten für mich bedeutete. Und nicht nur einmal gab es textliche Blackouts, die ich bei wichtigen Auftritten mit Ausdrucken neben den Noten kompensierte. Aber zurück zur Elbphilharmonie.

Seit einem Jahr wuchs in mir der Wunsch, das imposante Gebäude zu besuchen. Yasuhisa Toyota heißt der Mann, der nicht nur für die Akustik der Elbphilharmonie zuständig war, sondern auch für die der Isarphilharmonie. Dort konnte ich mich während vieler Konzerte auf unterschiedlichen Plätzen von seiner Kunst überzeugen. Sodann wollte ich Karten für ein Konzert im großen Saal der Elphi erwerben, wie sie liebevoll von Hamburgbewohnenden genannt wird, was sich jedoch aufgrund der Inkompatibilität meiner Arbeit mit fixen Terminen in weiterer Zukunft als den kommenden Wochen nicht durchführen ließ. Nun muss ich zugeben, nicht nur in der Auswahl von Werk, sondern auch jener der Ausführenden extrem wählerisch zu sein. Ich schöpfe dafür einfach aus zu viel professionellem Hintergrundwissen. Die meisten Konzerte mit namhaften Künstler:innen sind innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Da mir gerade mehr Zeit zur Verfügung steht als mir lieb ist, suchte ich mich ein wenig durch die Kleinanzeigenangebote. Und da fand ich die ideale Gelegenheit, kurzfristig zwar, dafür eine mit Kurzaufenthalt vereinbare Anfangszeit, interessante Ausführende und einigermaßen ansprechende Werke. Die Karten waren nicht zu teuer, das Risiko bei Erwerb also relativ gering. So erstand ich zwei Karten für ein Nachmittagskonzert von einer überaus freundlichen und hilfsbereiten Dame, die, aufgrund von Krankenhausaufenthalt an der Teilnahme verhindert, nicht mit zusätzlichen Informationen hinter dem Berg hielt. Das U30 Ticket könne um 14.00 an der Konzertkasse umgeschrieben werden, gleich daneben seien Schließfächer, um die Wartezeiten an Garderoben zu umgehen und überhaupt könne man das Programm sowie zusätzliche Informationen unter folgenden Links herunterladen. Solch einen angenehmen Verkauf erlebte ich auf diesem Medium selten. Wasletztepreisnerver haben meine Erwartungen da stark gesenkt.

Auf dem Weg zur Philharmonie gab Herr Buddenbohm einen würdigen Fremdenführer, während er den besten Weg mit Umgehung zu vieler Hindernisse wies. Und dann erspähte ich den Glaswürfel, wie er zwischen roten Klinkerfassaden auftauchte. Ein eindrucksvoller Moment, denn die Fassade glitzerte im Sonnenlicht fast so anziehend wie das Guggenheim vor ein paar Wochen. Ein paar Ecken später stand ich vor ihrem gewaltigen Ausmaß, die Spitze von Sonnenstrahlen umspielt. Leider befindet sich auf meinem Foto besagte Spitze ausserhalb des Bildes. Sowas passiert mir nicht oft und schon gar nicht bei einmaligen Gelegenheiten, ich bin untröstlich. Besser mal in die Netzhaut brennen, statt immer nur knipsen und darüber das Erleben verpassen. Nicht nur ihre Ausmaße, auch die Verarbeitung des Glases, wie Herr Buddenbohm erwähnte, ist bemerkenswert. Nach dem Tickettausch machten wir uns auf den Weg in’s Innere und bemerkten unabhängig voneinander eine hohe Dichte an Funktionsbekleidung, die sich sogar, wie wir zu unserem Bedauern feststellen mussten, bis in den Konzertsaal hineinzog. Im Gegensatz dazu waren wir des besonderen Anlasses entsprechend gekleidet, der Herr in feinem Zwirn, ich in Rock und Seidenbluse unter der goldbeknopften Kurzjacke. Denn Kleidung wirkt bekanntlich bis in die innere Haltung, ja in die Gesamtatmosphäre hinein, wie ich später zum Leidwesen bei der Wahl der Unterwäsche feststellen musste. Der BH zwickte am Ende des Konzerts. Und wenn halterlose Strümpfe nicht halten, dann tun sie genau das, was in ihrer Jobbeschreibung steht, nicht wahr?

Durch die frühe Uhrzeit waren noch wenige Konzertbesuchende in den Hallen unterwegs, was uns viel Gelegenheit für diverse Schnappschüsse gab. Letztlich ähneln sich unsere Motive sehr, wobei ich eine kleine Fotosession auf der Damentoilette inklusive Haltungsberatung der Fotografierten abhielt, der Herr Buddenbohm nicht beiwohnte. Wir Damen waren uns schnell einig, dass der Blick aus den Räumlichkeiten einer der schöneren Sorte ist.

Vom Konzert selbst ist schnell berichtet. Der Solist hatte Spaß, wir ebenfalls, und während wir uns in der Menge quälend langsam in Richtung Ausgang bewegten, tauschten wir noch schnell ein paar Eindrücke aus. Denn es ziemt sich nicht, in solch unerhört guter Akustik bei leisen Passagen zu tuscheln. Meist wird mir das erst zu spät bewusst, nämlich dann, wenn ich schon deutlich hörbar ausgeatmet, einen Laut des Erstaunens von mir gegeben oder gar meinem Sitznachbar zugeflüstert habe, was mir gerade durch den Kopf geht. Ich muss eine schwierige Sitznachbarin abgegeben haben, zumindest in Bezug auf den Hörer rechts von mir, der mich gelegentlich irritiert von der Seite ansah. Nach der zweiten Zugabe, einem Geburtstagsständchen für die Dirigentin, taten meine Hände vom Klatschen weh, konnten aber später noch ganz gut ein Glas halten. Als es bereits dämmerte, ging ich an der Aussenalster spazieren, um allen Eindrücken nachzuspüren. Da hallte noch sehr viel in mir nach. Und so wird mir dieser wunderbare Tag noch lange im Gedächtnis bleiben als der Tag, an dem ich eine Pause von all den inneren Tumulten einlegte und mich getragen fühlte, während ich nur schauen, hören und staunen brauchte.

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