Die Frage nach dem Warum ist bekanntlich keine sehr sinnvolle. Weil eine Antwort nicht weiterführt, weil es die Situation nicht verändert, weil es halt so ist und die Menschen sind wie sie sind. Andererseits stelle ich mir ständig Fragen. Beispielsweise frage ich mich gelegentlich, ob Manches nur mir so geht. Bin ich die Einzige, die mit dem Rad nicht auf dem Trottoir fährt, die im Supermarkt den Warentrenner benutzt und anderen die Türe aufhält? Bin ich die Einzige, die sich an einer unbedacht formulierten Aussage und der Unfreundlichkeit ihrer Mitmenschen stößt? Bin ich die Einzige, die sich über kleine Alltagsbegebenheiten Gedanken macht, wie überhaupt über alles? Bin ich die Einzige, die ihr Verhalten hinterfragt?
Vermutlich lautet die Antwort Nein. Sicher weiß ich es aber nicht, denn meistens tausche ich mich darüber nicht aus. Aber woher wissen andere dann, ob sie mit einem Erlebnis alleine sind, wenn sie es sind? Und ist der Austausch über Derartiges nicht gleichzusetzen mit dem Lamentieren über die Schlechtigkeit der Welt? Manchmal lese ich Fragen auf sozialen Kanälen, und vielleicht ist das der Hauptgrund, weshalb Leute ihre Erlebnisse dort reinpacken. Ach guck, ich bin doch nicht alleine. „Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage“, lautet das Grethe Weiser zugeschriebene Zitat, und das ist auch der Grund, weshalb ich hier schreibe.
Andererseits könnte es sein, dass die Bestätigung wiederum einer Verzerrung unterliegt. Für die eigenen Überzeugungen findet sich überall Bekräftigung, während Konträres ausgeblendet wird. Zudem sucht man sich die Blase aus, die der eigenen Meinung am nächsten kommt. Und andere sind gemeinhin so freundlich, sich mit kritischen Bemerkungen zurückzuhalten. Wenn ich darüber nachdenke, und ich denke bekanntermaßen viel nach, warum ich mich auf eine bestimmte Weise verhalte, weist jegliche Antwort in Richtung Kontrollbedürfnis. Dinge werden prognostizierbarer, wenn man die Systematik verstanden hat, nach der sie funktionieren. Das gilt auch für Menschen. Doch nichts ist langweiliger als ein Leben ohne Überraschungseffekte. Und nichts ist schädlicher als geistige Stagnation, die aus einem Mangel an Reibung resultiert.
Offene Fragen erzeugen nicht nur Entwicklung, sondern sind auch der Nährboden für Lebensneugier. Wir kennen sie alle, die Fensterrentner und Krückstockfuchtler, die sich nicht mehr weiterentwickeln, die mit den vorgefassten Meinungen und die sturen Rechthaber. Sind nicht nur aber häufig Männer. Die empfinden wir als alt, obwohl sie vielleicht gerade mal Mitte 40 sind. Mit denen muss ich mich nicht befreunden, kann ihnen aber milder begegnen, weil ich weiß, wieviel Angst vor der Unvorhersehbarkeit der Welt und Schmerz diesem Verhalten zugrunde liegt.
Seit ich Rilkes Briefe an einen jungen Dichter gelesen habe, also genau genommen seit 1990, begleitet mich eine der Textpassagen:
„[…] Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.“
Fragen leben, wie abgefahren ist das bitte. Ich stelle mir Forschende vor, die sich einem Problem aus ihrem Spezialgebiet stellen, das sie in Folge Tag und Nacht beschäftigt. Das ist zwar nicht der Grund, weshalb ich ein Psychologiestudium absolvierte, denn dort wird vor allem Statistik gelehrt, kommt mir aber beim Nachdenken gelegen. Ich wechsle meine Ansichten zwar nicht so häufig wie meine Kleidung, bin aber Totalversagerin in Diskussionsführung. Da gibt es so viele Aspekte zu beachten, so viele ebenbürtige Perspektiven, dass ich mich nie für eine Seite entscheiden kann. Die bereits in früheren Beiträgen erwähnte Ambiguitätstoleranz ist das Ergebnis gelebter Fragen. Denn mit der Erfahrung kommt auch die Erkenntnis, dass man selbst schon entgegen der eigenen Überzeugung handelte.
Auf die Fragen kommt es also an. Offen und wertfrei sollten sie sein. Ergebnisoffen, wie man im Managersprech so schön sagt, obwohl die nur ein Ergebnis, nämlich die Gewinnmaximierung verfolgen. Wie alles, ist das Fragenstellen Übungssache. Mit der Zeit werden die Fragen differenzierter, komplexer und beginnen seltener mit Warum. Meine derzeitige Frage lautet beispielsweise: wovor habe ich wirklich Angst, wenn ich Vereinnahmung durch andere befürchte und wie kann ich denen gegenüber fair bleiben, die mir Vertrauen und Zuneigung entgegenbringen? Ganz klar eine Level zwei Umformulierung der Frage, warum ich manchmal so scheiße zu Leuten bin, die’s gut mit mir meinen und denen zugeneigt, die mich nicht schätzen. Die Antwort liegt auf der Hand, doch mir reicht Level eins nicht. Es geht um die Fragen, die auf die erste, einfache folgen. Die Spirale windet sich unendlich tief in meine Verhaltensmuster und vertikutiert überholte Programmierungen. Anstrengend, werden Sie sagen. Ja und Nein. Viel anstrengender finde ich, Fehler zu wiederholen, obwohl ich es eigentlich besser wissen müsste.
Denn wie einst Albert Einstein NICHT sagte: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“. Dafür soll er aber mal gesagt haben: „Wenn ich eine Stunde Zeit hätte, ein Problem zu lösen, würde ich 55 Minuten über das Problem nachdenken und 5 Minuten über die Lösung.“ Grüße gehen raus an alle aus der Neigungsgruppe Overthinking.
Das Rilke-Zitat.
<3
Es gibt kein „Overthinking“, es gibt nur (Nach)denken, das ‚zuviel‘ ist Bewertung.
Natürlich nervt das viele Denken manchmal, vor allem wenn es zu keinem Ergebnis für – ich spreche das aus lebenslanger Erfahrung 😉 – aber ich halte es für falsch Dingen immer eine Wertung anzupappen.
Es gibt Nachdenken, manchmal ist es sinnvoll, manchmal vermutlich eher nicht, aber auch das weiss man vorher nie.
Wenn man es „Overthinking“ nennt, dann sagt man damit, daß es grundsätzlich schlecht ist, aber das ist es nicht.
Overthinking bezeichnet das Denken, das sich im Kreis bewegt. Es hat keine weiterführende Richtung, sondern dient dem Selbstzweck. Und damit ist nicht das Denken im philosophischen Sinne gemeint.
In der Psychologie gibt es hierfür den Begriff Rumination, ein Denken, das sich immer wieder um das gleiche Sujet dreht. Das ist zu Recht negativ konnotiert, denn es gleicht einem Zwangsverhalten mit erheblichem Leidensdruck.