With a pint of green Chartreuse, ain’t nothin‘ seems right

(Tom Waits)

Die neue Brille sitzt 1A. Ungewöhnlich, denn meine Brillenvergangenheit ist von Hassliebe geprägt. Einst stellte die Klavierlehrerin fest, dass das Kind die Noten nicht lesen kann, worauf meine Mutter mit mir zum nächsten Optikerladen marschierte. In Folge musste ich mir auch in den Schulstunden weniger Stoff spontan merken, weil ich alles von der Tafel ablesen konnte. Andererseits büßt man als pubertärer Teenager mit Brille auf der Coolnessskala deutlich ein. Zudem verhät sich mein Gesicht schon immer ungünstig in Bezug auf Brillen. Wenn ich sie auf der Nase ganz hoch schiebe, stoßen die Wimpern an die Gläser, auch rutscht fast jedes Modell,. Die handelsüblichen Modelle sind zu groß und für den Abschluss mit den unterschiedlich hohen Augenbrauen sitzen sie zu tief. Eines Tages stellte ich fest, dass ich mit Modellen aus Asien viel besser zurecht kam, weil der asiatische Phänotyp wie ich kürzere Nasen hat. Also ließ ich mir Brillen fortan bei Aufenthalten in Hongkong anfertigen. Der letzte Kauf liegt schätzungsweise zehn Jahre zurück. Höchste Zeit, mir mal was Neues zu gönnen. Ich muss zugeben, das Warten hat sich gelohnt. Zukünftig bin ich mit mehr Weitsicht unterwegs.

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Mein Weltbild wurde möglicherweise zerrüttet. Jüngst hatte ich einen weiteren Beratungstermin beim Anwalt. Nicht irgendein Anwalt, sondern eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Generell konsultiere ich Fachpersonal, weil ich davon ausgehe, dass Fachwissen und Erfahrung die besten Ergebnisse produziert. Auf meine spezielle Frage nahm der sein Handy und stellte sie ChatGPT in vereinfachter Formulierung. Das Ergebnis blieb für mich unbefriedigend, denn darauf kam ich auch ohne spezifische Fachkenntnis, was ich dann auch anmerkte. Der Mann riet mir allen Ernstes, sehr brauchbare, juristische Schriftstücke selbst mit Hilfe dieser Technik zu erstellen. Immerhin berechnet der Experte für so ein mit künstlicher Unterstützung angefertigtes Schreiben über 150 Euro. Entweder bin ich zu naiv oder werde alt, weil ich nicht mehr hinterherdenken kann. Diese Erfahrung bleibt jedenfalls hinter all meinen Erwartungen zurück.

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An einem regnerischen Tag begab ich mich ungewollt auf den Frankfurter Jakobsweg. Der dortige Flughafen ist sehr weitläufig und nicht mit München zu vergleichen. Kurz erinnerte ich mich an Los Angeles und wie ich mal fast einen Flug nach Hawaii wegen der Entfernung zwischen den Gates verpasste. Gestern sollte mein annulierter Flug aber vom Frankfurter Abflugbereich A nur nach München führen. Nach einem Intermezzo im Servicecenter, denn ChatGPT schlug mir nur Bahnverbindungen vor, die aber für meinen Arbeitgeber teurer sind als meine Wartezeit, erreichte mich die Umbuchung via App. Abflug zwei Stunden später von A24. Die Schweinebucht, wie der Erweiterungsanbau liebevoll von Piloten genannt wird, denn die Rollwege sind so eng, da passt nichts größer als A321 durch. Selbst innerhalb des A Terminals beträgt der Fußweg zwischen dem ersten und letzten Gate etwa 15 bis 20 Minuten. Auf der App erreichte mich beizeiten eine Abfluggateänderung von A nach G. Ich musste den Sicherheitsbereich verlassen, für dessen Betreten ich schon 20 Minuten anstand, und zwischen Ersatzbushaltestellen die richtige finden, Als der Bus endlich kam und ich saß, erreichte mich die erneute Änderung. Nun also wieder Abfluggate A. Ich konnte gerade noch den Bus verlassen und reihte mich erneut vor der Sicherheitskontrolle ein. Weiß ich also jetzt auch, wieso man drei Stunden vor Abflug am Flughafen sein soll. Drei Stunden sind sehr knapp bemessen,. da ist neben der Wegstrecke nicht mal mehr ein kleiner Shoppingbummel im Dutyfree möglich. Völlig irre.

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Ganz nebenbei lernte ich den Begriff Dysbakterie kennen. Wohinter mein Kopf gerne mal Neologismen vermutet, sind für der lateinisch und griechisch Mächtigen einfach nur medizinische Wortkombinationen. Man kennt vielleicht das Buch Darm mit Charne von Giulia Enders. Dabei gehen die Forschungsgrundlagen auf Alfred Nissle zurück. Der Nissle, dem Heidegger während der Entnazifizierung einen universitären Neubeginn vereitelte. Ja, wenn ich mal im Thema drin bin, lese ich sehr viel quer. Meistens habe ich hinterher nur wenig über das Hauptthema und viel für elitären Smalltalk bei relativem Halbwissen im Austausch mit Nerds gelernt. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass mein erstes Sachbuch den Titel Küchenpsychologie für Partypeople tragen wird? Wenn ich es fertig habe, müssen Sie’s unbedingt lesen. Auch wenn meine Leserschaft aufgrund des fortgeschrittenen Alters schätzungsweise, wie ich selbst, entweder kaum noch auf Parties geht oder sie früh verlässt. Lange bevor die Luft in der Küche nicht mehr nur von Biergeruch geschwängert ist, sondern auch von Halbbildung und Hybris.

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Eine Leseempfehlung für Menschen mit Vorliebe für Detailbeobachtung und wohlformulierte Texte

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1 Kommentar zu „With a pint of green Chartreuse, ain’t nothin‘ seems right“

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